1987: Honecker der Bücherfreund und Kunstsammler

Bereits im Februar 1987 kehrt Vogel zurück nach Ost-Berlin. Diesmal war es keine Privatreise, sondern ein Arbeitsbesuch. Vogel hatte Termine bei Günter Mittag, dem mächtigsten Mann der DDR-Wirtschaft, und Erich Honecker. Seit November 1986 wurde über die Modalitäten und die Gesprächspartner verhandelt. Vogels Staatskanzlei stand dabei in einem engen Kontakt mit dem Bundeskanzleramt in Bonn. Vogels Staatskanzlei-Chef Hanns-Eberhard Schleyer schrieb an Kanzleramtsminister Wolfgang Schäuble: "Wie Sie wissen, legt Ministerpräsident Dr. Vogel Wert darauf, mit dem Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker und den Politbüromitgliedern Dr. Günter Mittag und Egon Krenz zu Gesprächen zusammenzutreffen." Das Kanzleramt unterstützte das Ansinnen, warnte allerdings immer wieder vor zu hohen Erwartungen.

Erich Honecker, 1989
Sammelte angeblich Picasso und Hundertwasser: Erich Honecker Bildrechte: dpa

Intern wurde Vogel ausführlich mit Informationen zur Vorbereitung des Treffens versorgt: Das Bundesministerium für innerdeutsche Beziehungen schickte nach Mainz Material über die Deutschlandpolitik und Vogels Gesprächspartner. In dem dreiseitigen Papier zu Honecker hieß es: "In seiner Gesprächsführung mit hochrangigen Besuchern ist er zunehmend souveräner geworden. Er hat – nicht zuletzt auf Grund seiner zahlreichen Auslandreisen – Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl als Staatsmann entwickelt. Honecker gibt sich nahezu jovial und umgänglich sowie aufgeschlossen gegenüber den Problemen und Anliegen seiner Umwelt". Honecker sei leidenschaftlicher Jäger. Außerdem besitze er eine "umfangreiche Bibliothek“ und interessiere "sich seit einiger Zeit für moderne Malerei. Er ist dabei, sich eine Sammlung moderner Kunst zuzulegen, für die er angeblich schon Werke von Picasso, Hundertwasser und modernen DDR-Künstlern erworben hat". Auch die eigenen Ministerien arbeiteten Vogel zu. Das Wirtschaftsministerium schlug vor, mit Mittag über Weinlieferungen in die DDR zu sprechen.

Karl Marx und Wein als Gastgeschenk

Erst eine Woche vor dem Treffen stand fest, dass Vogel tatsächlich mit Honecker sprechen darf. Vogel packte Gastgeschenke ein: Für Honecker gab es eine Kopie der Geburtsurkunde von Karl Marx und einen Kupferstich von Speyer. Für Mittag gab es zwölf Flaschen Pfälzer-Wein. Außerdem wurden noch fünf Krawatten, zwei Reiserasierer und zwei Reiseuhren als kleine Mitbringsel mitgenommen. Vogel hatte außerdem eine Liste mit humanitären Fällen und Grüße von Bundeskanzler Kohl im Gepäck.

Der Ministerpräsident reiste am 12. Februar 1987 über die Bornholmer Straße in Ost-Berlin ein. Seit diesem Zeitpunkt wurde Vogel von Personenschützer der Stasi offiziell begleitet. Zunächst ging es zur Ständigen Vertretung der Bundesrepublik dann ins "Palasthotel". Anschließend ging es zum Gespräch mit Mittag in das ZK der SED. Am Abend stand ein Besuch im Gorki-Theater auf dem Programm: "Die Preußen kommen".

Wahlkampf ist keine Fronleichnamsprozession

Am nächsten Tag ging es zu Honecker ins Staatsratsgebäude. Vogel grüßte von Kohl. Honecker sei weiterhin in der Bundesrepublik willkommen. Vogel musste überaus diplomatisch vorgehen und gut Wetter machen, denn im Bundestagswahlkampf hatte Kohl die DDR als ein KZ bezeichnet. Der Ministerpräsident erklärte entschuldigend: "Natürlich sei ein Wahlkampf keine Fronleichnamsprozession." Kohls Worte seien in freier Rede in einem Nebensatz gefallen. Kohl habe die Worte auch nicht wiederholt. Honecker erwiderte, dass ihn Kohls Rede "zutiefst" betroffen gemacht habe. Solche Reden seien der Entwicklung der Beziehungen nicht dienlich.

Dann wurde über Sachfragen gesprochen. Unter anderem ging es um die Werra-Versalzung und Städtepartnerschaften. Vogel setzte sich dafür ein, zwischen Mainz und Erfurt eine solche Verbindung einzugehen.

Nach dem Gespräch im Staatsratsgebäude gab Vogel in der Ständigen Vertretung eine Pressekonferenz. Vogel erklärte, dass er mit Honecker ein "langes, offenes und ehrliches Gespräch gehabt" habe: "Wir haben in den Punkten, wo wir unterschiedlicher Meinung sind, uns das nicht verschwiegen." Anfang März bedanke sich Vogel bei Honecker nochmals für das Gespräch. Das Schreiben endete mit dem Wunsch: "Es würde mich freuen, wenn die Verbindung zwischen uns bestehen bliebe und ich Sie bei einem Besuch in der Bundesrepublik Deutschland auch in Rheinland-Pfalz begrüßen könnte."

Während der operativen Beobachtung wurden keine Kontakte zu außenstehenden Personen sowie keine öffentlichkeitswirksamen Aktivitäten festgestellt.

MfS-Hauptabteilung VIII am 13. Februar 1987

Der Wunsch ging in Erfüllung: Ein halbes Jahr später begrüßte Vogel Honecker in Trier. Der Staatsratsvorsitzende besuchte dort das Karl-Marx-Haus. Anschließend lud Vogel den SED-Generalsekretär zum Essen ein. Vogels Tischrede war diplomatisch - aber deutlich. Er sprach auch die innerdeutsche Grenze an: "Insbesondere wünsche wir uns, dass keiner mit Waffengewalt daran gehindert wird oder an seinem Leben Schaden erleidet, wenn er die Grenze überschreiten möchte." Vogels Rede wurde im "Neuen Deutschland" im vollständigen Wortlaut abgedruckt.

Ministerpräsident Dr. Vogel sprach zwei Produkte an, die auf rheinland-pfälzischer Seite von besonderem Interesse sind: Wein und Schuhe. Er erläuterte, dass die Schuhindustrie an dem Lohnkostengefälle zwischen uns und der Dritten Welt leide und gab unter Bezugnahme auf das gemeinsame Kommunique der Hoffnung Ausdruck, dass die Wirtschaftsbeziehungen auf diesem Gebiet gerade im mittelständischen Bereich verstärkt würden. Dies gelte auch für den Wein. Staatsratsvorsitzender Honecker teilte mit, Trierer Winzer hätten ihm brieflich Offerten unterbreitet. Er habe Anweisung gegeben, dass man dem Weinimport stärkere Beachtung schenke. In ihm solle man einen starken Befürworter sehen.

Aus dem Gesprächsprotokoll zwischen Honecker und Vogel 1987 in Trier

Letzter Besuch bei Honecker

Im April 1988 reiste Vogel abermals zu Honecker nach Ost-Berlin. Im Mittelpunkt standen die wirtschaftlichen Beziehungen des Bundeslandes zur DDR. Aber auch über die kulturellen Beziehungen, den Jugendaustausch und Städtepartnerschaften sollte gesprochen werden. Vogel ließ sich zu den einzelnen Gesprächspunkten genaue Analysen seiner Staatskanzlei vorlegen. Auch das Bundeskanzleramt arbeitete zu.

Nach seiner Einreise nach Ost-Berlin wurde Vogel wieder offiziell von Personenschützern der Stasi begleitet. Im Staatsratsgebäude traf er auf Honecker. Beide unterhielten sich ausführlich über die internationale Lage und die Abrüstungsgespräche zwischen den USA und der Sowjetunion. Erst am Ende wurde über die wirtschaftliche und kulturelle Zusammenarbeit gesprochen.

Nach dem Gespräch reiste Vogel zurück nach West-Berlin. Die Stasi war zufrieden. Wie bei allen DDR-Besuchen Vogels wurden keine "öffentlichkeitswirksamen Aktivitäten" festgestellt". Im Abschlußbericht wurden die Stasi-Mitarbeiter für ihre "disziplinierte Einsatzbereitschaft und tschekistische Umsicht" gelobt.

Dr. Vogel unternahm in der Vergangenheit bereits mehrmals mit seinem Freundeskreis Reisen in verschiedene Gebiete der DDR. Ziel dieser Fahrten war das Kennenlernen touristischer und historischer Sehenswürdigkeiten der bereisten Gebiete, aber auch das Führen von Gesprächen mit 'einfachen Menschen' in öffentlichen Gaststätten oder auf der Straße.

MfS-Hauptabteilung VI am 13. Oktober 1988

Bernhard Vogel Bernhard Vogel (CDU) wurde am 19. Dezember 1932 in Göttingen geboren. Sein Bruder ist der SPD-Politiker Hans-Jochen Vogel. Er war von 1976 bis 1988 Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz und von 1992 bis 2003 von Thüringen. Seit 2009 ist er Ehrenvorsitzender der Adenauer-Stiftung. Vogel ist Junggeselle. Er wohnt in Speyer.

Zuletzt aktualisiert: 16. Dezember 2012, 06:00 Uhr

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