Landtagswahl 2019 Wählerwanderung in Thüringen

Nach der Landtagswahl im Freistaat steht die politische Landschaft Kopf. Herbe Verluste musste die CDU hinnehmen, große Zugewinne gab es dagegen bei Linken und der AfD. Aber auch die FDP und die Grünen konnten von der Schwäche der Union profitieren.

Unterstützer der AfD reagieren auf die ersten Prognosen zum Ergebnis der Landtagswahl in Thüringen
Die AfD konnte bei der Landtagswahl viele Zugewinne von Wählern aller Parteien feiern. Bildrechte: dpa

Die Landtagwahl hat die politische Landschaft in Thüringen auf den Kopf gestellt. Von der einst stolzen CDU, die in den 1990er Jahren über 50 Prozent der Wählerstimmen holte, ist nicht mehr viel übrig geblieben. 21,8 Prozent, das schlechteste Ergebnis, das die CDU je im Freistaat eingefahren hat.

Union: Verluste in allen Bevölkerungsgruppen

Bei der Analyse der Nachwahlbefragung durch infratest dimap und der Befragungen vor der Wahl fallen vor allem zwei Punkte auf: Die Union verlor diesmal in allen Bevölkerungsgruppen. Das Minus lag teilweise im zweistelligen Bereich. Die Wählerinnen und Wähler wanderten sowohl in das rechte als auch in das linke Lager ab. Die CDU verlor allein 36.000 Wähler an die AfD, zur Linken wanderten 23.000 Wähler ab. Auch die FDP (11.000) und die Grünen (5.000) können von der Schwäche der CDU profitieren. Besonders Wählerinnen und Wähler unter 25 Jahren, Beamte und Selbständige kehrten der CDU den Rücken. Das Minus bei den Selbständigen, die traditionell eher der CDU nahestehen, betrug im Vergleich zur letzten Landtagswahl 24 Punkte.

Der Union ist es offensichtlich in der Opposition in Thüringen nicht gelungen, ihr Profil zu schärfen. Im Gegenteil: Beim Blick auf die Parteienkompetenzen fällt auf, dass die Union in wichtigen Politikfeldern die Wählerinnen und Wähler nicht mehr überzeugen kann. Vor fünf Jahren gab noch gut die Hälfte der Wählerinnen und Wähler an, dass sie in der CDU die Partei sehen, die die Wirtschaft in Thüringen voranbringt. Diesmal waren es nur noch 37 Prozent. Nur noch 33 Prozent trauen der CDU zu, Arbeitsplätze zu schaffen und zu sichern. 2014 waren es noch 44 Prozent. Selbst der Kriminalitäts- und Verbrechensbekämpfung muss die CDU Federn lassen in der Kompetenzzuschreibung.

Die Grafik unten zeigt die Gewinne und Verluste der CDU und AfD in den Gemeinden. In nahezu jeder Gemeinde verlor die Union im Vergleich zur Wahl 2014 Stimmen, während die AfD kräftig hinzugewann. Wählen Sie in der Grafik im Ausklappmenü links oben Ihre Gemeinde aus, um die Gewinne und Verluste beider Parteien zu vergleichen. Dort können Sie auch nach den Gemeinden suchen.

Linke: Stark dank Bodo Ramelow

Die Linke verdankt ihr Spitzenergebnis von 31 Prozent ganz klar ihrem Spitzenkandidaten Bodo Ramelow. Knapp vier von zehn Linke-Wählern erklärten, wegen Ramelow der Partei ihre Stimme gegeben zu haben. Bei keiner anderen Partei habe damit der Spitzenkandidat für die Wahlentscheidung eine so große Rolle gespielt, heißt die Analyse von infratest dimap. Die meisten neuen Wähler rekrutierte die Linke aus dem Lager der Nichtwähler. Hier gab es ein Plus von 53.000 Stimmen. Auch von der CDU (23.000) und der SPD (20.000) sowie den Grünen (9.000) konnte die Linke nennenswert Wählerinnen und Wähler abwerben.

Dabei ist auffällig, dass die Linke immer weniger eine Protestpartei ist. Nur noch 23 Prozent gaben an, die Linke aus Enttäuschung über die Arbeit anderer Parteien gewählt zu haben (-15 Punkte). Gleichzeitig stieg der Anteil der überzeugten Wähler auf 72 Prozent (+16 Punkte). Zuwächse registrierte die Linke besonders durch Wähler, die vom Themen- und Programmangebot der Partei überzeugt waren. Ihr wird zudem mehr Kompetenz zugeschrieben, egal ob Wirtschafts- und Bildungspolitik oder bei der Frage der Kriminalitätsbekämpfung. Allerdings trauen deutlich weniger Wähler der Linken eine „gute" Asyl- und Flüchtlingspolitik zu. Hier sank der Wert von 25 auf 18 Prozent.

SPD: Düstere Zeiten für Sozialdemokraten

Für die bisherigen Koalitionspartner der Linken sieht es hingegen düster aus. Die SPD verlor erneut und kommt nur noch auf 8,2 Prozent, ein Minus von 4,2 Punkten. Die Sozialdemokraten verloren in nahezu allen Bevölkerungsgruppen, besonders deutlich bei jungen Frauen, Arbeitern und weniger Gebildeten. Einzig bei Beamten konnten sie Gewinne verzeichnen. Die meisten Stimmen musste die SPD an die Linke abgeben. 20.000 Wählerinnen und Wähler wanderten dorthin ab, 7.000 wandten sich der AfD zu, 3.000 der FDP und 1.000 den Grünen. Lediglich aus dem Lager der Nichtwähler konnten die Sozialdemokraten 14.000 Stimmen für sich gewinnen. Zwar verlor auch die SPD bei der Frage der Parteienkompetenz in vielen Bereichen. Für die verbliebenen Wählerinnen und Wähler waren aber dennoch die von der SPD angebotenen Sachlösungen häufig ausschlaggebend für ihre Wahlentscheidung.

Grüne: Verluste auch an die AfD

Unerwartet schlecht schnitten die Grünen bei der Landtagswahl in Thüringen ab. Zwischenzeitlich mal bei elf Prozent gesehen, mussten sie am Ende sogar um den Einzug in den Landtag bangen. Mit 5,2 Prozent liegen sie sogar noch leicht unter dem Ergebnis von 2014. Zwar konnte die Partei Wähler von CDU (5.000) und SPD (1.000) für sich gewinnen. Gleichzeitig verlor sie aber 9.000 Stimmen an die Linke. Selbst zur AfD wanderten 1.000 Grüne-Wähler ab.

77 Prozent der Grünen-Wähler gaben bei infratest dimap an, die Partei aus Überzeugung zu wählen. Das sind dreizehn Punkte mehr als bei der letzten Wahl. Einen besonders hohen Stellenwert für die Wahlentscheidung hatte auch das programmatische Angebot der Grünen als Klima- und Umweltschutzpartei. 79 Prozent (+21 Prozent) gaben deshalb der Partei ihre Stimme. Die Spitzenkandidaten Anja Siegesmund und Dirk Adams waren hingegen nur für jeden Zehnten der Grund, die Grünen zu wählen.

FDP: Stark vor allem bei Selbstständigen

Die Liberalen zogen mit fünf Prozent in den Thüringer Landtag ein. Sie schafften es damit, ihren Stimmenanteil von der letzten Landtagswahl zu verdoppeln. Die neuen Wähler kamen vor allem von der CDU (11.000), der SPD (3.000) und den Grünen (1.000). Außerdem gelang es den Liberalen, 13.000 Nichtwähler zu mobilisieren. Vor allem bei den Selbstständigen konnte die FDP zulegen. Fünfzehn Prozent der Wähler der Liberalen gehören zu dieser Berufsgruppe. Dies ist ein Plus von zehn Punkten. Allerdings ist festzustellen, dass große Teil dieser klassischen FDP-Wählergruppe sich weiterhin anderen Parteien zugewendet haben. CDU , Linke und AfD sprachen am Ende mehr Selbstständige an als die Liberalen.

AfD: Auffangbecken für enttäuschte Wähler?

Die AfD ist den Analysen nach in Thüringen das Auffangbecken für enttäuschte Wähler, sie ist Protestpartei. Sie kann mit 23,4 Prozent (+12,8 Prozentpunkte) der Wählerstimmen ein Rekordergebnis verbuchen und zieht aus fast allen Parteien Stimmen zu sich. Insgesamt wanderten 73.000 Stimmen zur AfD. Außerdem gelang es der Partei, 78.000 Thüringerinnen und Thüringer aus dem Nichtwählerlager zu bewegen, doch ihre Stimme abzugeben. 51 Prozent der Wählerinnen und Wähler gaben an, die AfD zu wählen, weil sie mit der Politik anderer Parteien unzufrieden sind. Allerdings ist der Anteil der so genannten Protestwähler geringer geworden.

Gleichzeitig stieg der Anteil derer, die ihren Angaben nach die AfD aus Überzeugung wählen. Inzwischen sind es 41 Prozent ihrer Wähler. Das bedeutet ein Plus von vier Prozentpunkten. Damit wird deutlich, dass sich die Partei fest in der Thüringer Parteienlandschaft etabliert. Der Erfolg der AfD in Thüringen ist laut infratest/dimap Umfrage nicht auf wirtschaftlich Unzufriedene zurückzuführen. So wurde die Partei zum Beispiel bei den Selbstständigen stärkste Kraft. Die Partei ist auch auffallend attraktiv für Männern unter 59 Jahren. Besonders sticht hervor, dass die AfD bei den 18- bis 24-jährigen Wählern am erfolgreichsten war.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 28. Oktober 2019 | 15:00 Uhr

6 Kommentare

Monazit vor 40 Wochen

Ob die Partei genug für ihre Ziele getan hat, entscheidet der Wähler bei der nächsten Wahl.
Bsp: SPD wollte lange die Ehe für alle. Es ging aber lange mit der CDU nicht. Trotzdem hat sie sich dafür eingesetzt. Sie hätte die zweite GroKo gar nicht erst antreten können, weil das ja Betrug am Wähler wäre, sie nicht umzusetzen. Aber nein, sie hat sich an anderer Stelle (z.b. beim Mindestlohn) durchgesetzt und einen Kompromiss gefunden. Dass es dann auf anderem Wege trotzdem geklappt hat, ist eine andere Sache. So funktioniert die Politik. 100% Wahlprogramm sind nicht möglich

Udo vor 40 Wochen

Man weiß sehr genau, welche Wähler wohin gewandert sind.
Dann ist es doch sicher auch nicht schwer, zu ergründen, für welche Parteien die nach dem neuen Gesetz dazu gekommenen Wähler (Betreute) sich entschieden haben?

Udo vor 40 Wochen

Der Linken wird mehr Kompetenz zugeschrieben, egal ob Wirtschafts- und Bildungspolitik oder bei der Frage der Kriminalitätsbekämpfung?
Genau diese Punkte werden durch die Linken eben NICHT ernsthaft beherrscht.
Besonders die Bildungspolitik dieser Partei ist nur ideologisch orientiert, Kriminalitätsbekämpfung kann bei dem so laschen und "verständnisvollen" Umgang mit Straftätern wohl ernsthaft nicht echt stattfinden, außer es geht um "Rechte".
Wie naiv müssen Leute sein, die den Linken auf diesen Gebieten Kompetenz zutrauen!

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