Werner Ulbrich "Ich konnte mich einbringen und dafür bin ich dankbar"

Ein Tag im August 1998, Rennsteigtherme Oberhof. Eine Gruppe Männer tummelt sich im lauwarmen Wasser; die meisten trotz Sommersonne blass, Bauch, zurück gehender Haaransatz - die CDU-Landtagsfraktion macht einen Ausflug in das Erlebnisbad auf dem Rennsteig; und Politik macht bekanntlich nicht schöner. Bei einem dieser Menschen ist das offenbar nicht so. Fast sechzig Jahre ist er alt und damit der Senior dieser Delegation in Badehosen, aber trotzdem schlanker und sportlicher als die meisten. So krault der Suhler Landtagsabgeordnete Werner Ulbrich auch weitaus jüngeren CDU-Kollegen davon. Die Fitness kommt von viel Bewegung an der frischen Luft, vom Rennsteig-Marathon und den vielen Loipenkilometern in den verschneiten Bergen Südthüringens.

Hand aufs Herz

In seinem Hauptberuf Politik ist es dagegen nicht ganz so gut gelaufen. Politisch hat Werner Ulbrich seinen Zenit im Sommer 1998 längst überschritten; der politische Höhenflug als Regierungsbevollmächtigter für Südthüringen und damit als einer von 15 regionalen Spitzenpolitikern der zu Ende gehenden DDR setzte sich im Freistaat Thüringen nicht fort. Sein Kollege im Bezirk Erfurt, Josef Duchač wurde (wenn auch kurzzeitig) Ministerpräsident; Ulbrich Vorsitzender des Finanzausschusses im Thüringer Landtag. Schon früh gab ihm Ministerpräsident Bernhard Vogel zu verstehen, dass er wegen seiner früheren Mitarbeit im Rat des Bezirks Suhl kein Regierungsmitglied im neuen Thüringen werden könne. Ist das Leben nicht ungerecht? Werner Ulbrich überlegt. Dann legt er die rechte Hand aufs Herz und sagt bestimmt "Manchmal ist weniger mehr. Ich konnte mich einbringen und dafür bin ich dankbar."

Eigentlich ist Werner Ulbrich Schlesier. Vier Wochen nach Kriegsausbruch in Neumarkt geboren, kam der Flüchtlingsjunge über Mittweida im Sommer 1945 nach Steinbach-Hallenberg; lebte dort mit der Mutter zunächst im Flüchtlingslager; wurde im September 1945 eingeschult. "In der Zuckertüte waren drei oder vier Kartoffeln, das war damals nicht so wie heute" erinnert sich Ulbrich, "aber beschweren kann ich mich nicht." Geprägt durch die evangelische Landeskirchliche Gemeinschaft engagiert sich der Bergbau-Student in der CDU. "Ich wollte etwas tun, damit das Leben im Alltag ein bisschen angenehmer wird", kleine Schritte, keine Fundamentalkritik am System DDR, "ich kannte doch nichts anderes."

Den Bedarf nach Erholung zu befriedigen

Der junge Bergbau-Ingenieur bei der Geologischen Erkundung im VEB "Fluß- und Schwerspat Schmalkalden" ist ehrgeizig. "Immer ein bisschen mehr tun als erwartet", das ist sein Motto, damit bringt er es bis zum Absatzdirektor. 1970 wird im Rat des Bezirks Suhl die Stelle "Leiter des Erholungswesens" frei - der einzige Platz in der Bezirksführung, der traditionell von der Blockpartei CDU besetzt wird. Der knapp 30-Jährige wird mit dieser Aufgabe betraut. In den kommenden 19 Jahren kümmert er sich von der Anerkennung von Erholungsorten bis zu den Zeltplätzen in Südthüringen um alles, was der Hauptaufgabe dient, die dem Bezirk Suhl von der DDR-Führung zugedacht war, "den Bedarf nach Erholung zu befriedigen." Zum Schluss zählt man dort drei Millionen Übernachtungen im Jahr - doppelt so viele wie heute.

Und die Wende? In Südthüringen? Zu ihren Initiatoren zählt sich Ulbrich nicht. Zeitzeugen beschreiben die Rolle des Rats für Erholungswesen in jenen Tagen als ruhig und gelassen, unverkrampft auch gegenüber den neuen Machtverhältnissen - "mein Amt war ja wenig politisch gewesen, unsere Arbeit hat den Menschen etwas gebracht." Weil die CDU bei der Volkskammerwahl am 18. März 1990 im Bezirk Suhl das beste Ergebnis erzielte, war klar, dass der Regierungsbevollmächtigte dieser Partei angehören sollte - und der Christdemokrat mit der meisten administrativen Erfahrung in den Gegenden südwestlich des Rennsteig war nun mal Werner Ulbrich.

Der Regierungsbeauftragte

"Ich bin quasi ja nur ein paar Türen weiter umgezogen, in das leere Büro vom Vorsitzenden des Rats des Bezirks", erzählt Ulbrich über die hektischen Wochen bis zur Bildung des Landes Thüringen. "Das war die aufregendste und schwierigste Zeit meines Lebens." Der Arbeitstag endete selten vor 21:00 Uhr; war voller Absonderlichkeiten "einmal haben wütende Bauern 20 Ferkel bei uns im Gebäude rausgelassen, weil sie nicht wussten, wie es weitergeht"; und interessanter Beobachtungen: "Ich war immer wieder erstaunt, wie gut die ganze Umwälzung funktionierte. Sogar Genossen haben unsere Anweisungen umgesetzt" - etwa wenn es darum ging, die umfangreichen Waffenlager von Betriebskampfgruppen zu sichern.

Die nächsten Jahre verliefen dagegen vergleichsweise unspektakulär. Zweimal, 1990 und 1994 wählten ihn die Suhler direkt in den Landtag; dort engagierte sich Ulbrich im Bereich Finanzen und Tourismus. Vor der Landtagswahl 1999 befanden seine Suhler Parteifreunde, es sei Zeit für einen Generationswechsel. Ulbrich fügte sich und musste mit ansehen, wie sein Nachfolger das Direktmandat später an die Linken verlor. "Im Nachhinein war meine Nachgiebigkeit falsch, aber ich wollte die Auseinandersetzung nicht. Das hätte der CDU geschadet." Werner Ulbrich ging stattdessen noch für ein paar Jahre in die Wirtschaft. Heute ist er einfaches CDU-Mitglied, Stadtrat und zweiter Beigeordneter der Stadt Suhl.

Biographie * Geboren am 28.09.1939 in Neumarkt, Schlesien
* 1957 Abitur
* 1961 Abschluss Bergbau-Ingenieur
* 1966 bis 1970 als Ingenieur bei "Fluss- und Schwerspat Schmalkalden"
* Seit 1970 beim Rat des Bezirks Suhl für Erholungswesen und Tourismus
* 1975 Abschluss als Diplom-Staatswissenschaftler
* Regeierungsbevollmächtigter für Südthüringen bis 31.12 1990
* Im CDU-Landesvorstand seit Februar 1990
* Direkt gewählter Landtagsabgeordneter für Suhl vom Oktober 1990 bis September 1999

Zuletzt aktualisiert: 01. Oktober 2010, 17:55 Uhr