Fragen und Antworten Kemmerich neuer Ministerpräsident: Wie geht es in Thüringen weiter?

Thomas Kemmerich (FDP) ist der neue Ministerpräsident von Thüringen. Erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik ist ein Kandidat der kleinsten Parlamentsfraktion zum Ministerpräsidenten gewählt worden. Im dritten Wahlgang erhielt Kemmerich 45 Stimmen, auf den bisherigen Amtsinhaber Bodo Ramelow (Linke) entfielen 44 Stimmen. Der Kandidat der AfD, Christoph Kindervater, bekam 0 Stimmen. Ein Abgeordneter hatte sich enthalten.

Abgeordnete im Plenarsaal des Thüringer Landtags
Wie wird es in Thüringen weitergehen? Bildrechte: MDR/Michael Frömmert

Ist das Ergebnis verfassungskonform?

Laut dem Jenaer Juristen Michael Brenner ist das Wahlergebnis verfassungsrechtlich unproblematisch. Thüringen hat einen eindeutig gewählten Ministerpräsidenten.

Was bedeutet das für Thüringen?

Es muss eine neue Regierung gebildet werden. Alle Minister der bisherigen Regierung Ramelow sind ab sofort aus dem Amt geschieden. Die bisherige Regierung, die seit der Landtagswahl Ende Oktober im Amt war, ist nicht mehr geschäftsführend. Demzufolge sind die von Rot-Rot-Grün ausgehandelten Ministerposten als auch der bereits unterschriebene Koalitionsvertrag hinfällig.

Momentan ist völlig unklar, wie im Thüringer Landtag Mehrheiten zustande kommen. CDU-Fraktionschef Mike Mohring bot dem neuen Ministerpräsidenten bereits eine Zusammenarbeit an. Allerdings müsse Thomas Kemmerich (FDP) klarstellen, dass es keine Koalition mit der AfD gebe.

Wie kommen nun Mehrheiten zustande?

In einer ersten Reaktion kündigten Vertreter von Linke, SPD und Grüne an, unter diesen Bedingungen nicht mit Kemmerich zusammenarbeiten zu wollen. Theoretisch könnte ein Kemmerich-Kabinett aus FDP- und CDU-Ministern bestehen. Im Landtag müsste sich die Regierung entweder wechselnde Mehrheiten organisieren - je nach Vorhaben mit Stimmen von Linke, SPD und Grünen auf der einen - sowie der AfD auf der anderen Seite. Möglich wäre aber auch eine dauerhafte Tolerierung durch die AfD.

Gibt es jetzt Neuwahlen?

Zum jetztigen Zeitpunkt ist das unklar. Neuwahlen gibt es nur, wenn der Landtag seine Auflösung beantragt. Der Antrag muss von mindestens einem Drittel der Thüringer Abgeordneten beschlossen werden. Diese Hürde könnten zum Beispiel Linke, SPD und Grüne leicht nehmen. Ist der Antrag erfolgreich, muss noch darüber abgestimmt werden, ob es tatsächlich Neuwahlen geben soll. Dafür ist eine Zwei-Drittel-Mehrheit nötig.

Der Weg zu Neuwahlen kann auch über eine Vertrauensfrage führen. Die müsste der frisch gewählte Ministerpräsident Thomas Kemmerich (FDP) selbst stellen. Um das Vertrauen des Parlaments zu bekommen, bräuchte er eine absolute Mehrheit. Laut Verfassung kommt es zu Neuwahlen, wenn innerhalb von drei Wochen nach dem Scheitern eines Vertrauensantrages kein neuer Ministerpräsident gewählt ist.

Wird es neue Koalitionsverhandlungen geben?

Da der bereits ausgehandelte Vertrag von Rot-Rot-Grün hinfällig ist, wird es neue Verhandlungen geben. Ministerpräsident Kemmerich kündigte an, mit CDU, SPD und Grünen reden zu wollen. SPD und Grüne erteilten einer Zusammenarbeit mit einer Regierung unter Kemmerich am Mittwoch aber eine Absage. Zum jetzigen Zeitpunkt am wahrscheinlichsten ist ein gemeinsames Bündnis von FDP und CDU.

Wird es SPD-Minister in der künftigen Landesregierung geben?

Im Vorfeld der Ministerpräsidentenwahl hatte Kemmerich geäußert, die unter rot-rot-grünen vereinbarten SPD-Ministerposten eventuell beibehalten zu wollen. Dieser Idee erteilten der bisherige Wirtschaftsminister Wolfgang Tiefensee und SPD-Fraktionschef Matthias Hey jedoch eine klare Absage. Sozialdemokratische Minister würden nicht mit einem von der AfD gewählten Ministerpräsidenten zusammenarbeiten, so Hey zu MDR THÜRINGEN.

Wie sind die ersten Reaktionen auf die Wahl von Kemmerich?

SPD-Fraktionschef Matthias Hey sagte, die SPD sei paralysiert. Für die FDP sei das Ergebnis ein absoluter Tiefpunkt. Kemmerich habe das bewusst in Kauf genommen, jetzt sei es an ihm, eine Regierung zu bilden. Dirk Adams, Fraktionschef der Grünen, sprach von einem politischen Kulturbruch. "Es ist ein Tabubruch der deutschlandweit beachtet werden wird.“ Die Grünen seien jetzt in der Opposition und diese würde knallhart werden. FDP und CDU hätten den Faschisten einen Weg in die Regierung geebnet.

Reaktionen auf Kemmerichs Wahl zum Ministerpräsidenten

Bodo Ramelow (Die Linke), Ministerpräsident von Thüringen, verfolgt die Reden bei der Landkreisversammlung des Thüringischen Landkreistages.
Bodo Ramelow (Linke) Thüringens abgewählter Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) hat die Wahl Thomas Kemmerichs (FDP) als "widerliche Scharade" bezeichnet. "Genau 90 Jahre, nachdem es in Thüringen schon mal passiert ist: Sich von Herrn Höcke und dem 'Flügel' wählen zu lassen - das war offenbar gut vorbereitet." In Thüringen war im Jahr 1930 die NSDAP erstmals in eine Landesregierung gekommen. Bildrechte: dpa
Bodo Ramelow (Die Linke), Ministerpräsident von Thüringen, verfolgt die Reden bei der Landkreisversammlung des Thüringischen Landkreistages.
Bodo Ramelow (Linke) Thüringens abgewählter Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) hat die Wahl Thomas Kemmerichs (FDP) als "widerliche Scharade" bezeichnet. "Genau 90 Jahre, nachdem es in Thüringen schon mal passiert ist: Sich von Herrn Höcke und dem 'Flügel' wählen zu lassen - das war offenbar gut vorbereitet." In Thüringen war im Jahr 1930 die NSDAP erstmals in eine Landesregierung gekommen. Bildrechte: dpa
Matthias Hey, Fraktionsvorsitzender der SPD im Thüringer Landtag, sitzt vor der Sitzung des Thüringer Landtages im Plenarsaal.
SPD-Fraktionschef Matthias Hey SPD-Fraktionschef Matthias Hey sprach von einem Tiefpunkt liberaler Politik. "Die SPD arbeitet unter diesen Bedingungen nicht mit einem von der AfD gewählten Ministerpräsidenten zusammen. Das ist bedenklich und für die Partei ein absoluter Tiefpunkt." Bildrechte: dpa
Mike Mohring spricht zu Journalisten.
CDU-Landeschef Mike Mohring CDU-Landeschef Mike Mohring hat dem neuen Thüringer Ministerpräsident Thomas Kemmerich (FDP) die Zusammenarbeit angeboten. Allerdings müsse er klar stellen, dass es keine Koalition mit der AfD gebe, sagte Mohring am Mittwoch im Landtag. "Wir wollen dieses Land zusammenhalten". Wie genau das organisiert werden könne, dazu müsse Kemmerich einen Plan vorlegen. "Wir sind nicht in der Verantwortung." Er betonte, dass seine Fraktion mit ihren Stimmen "verantwortlich entschieden" habe. Bildrechte: MDR/Michael Frömmert
Dirk Adams (Bündnis 90/Die Grünen), Thüringer Fraktionsvorsitzender, hat vor Beginn einer Landtagssitzung Platz genommen.
Grünen-Fraktionschef Dirk Adams Grünen-Fraktionschef Dirk Adams lehnte die Unterstützung des neuen Ministerpräsidenten ab. Er wirft Kemmerich vor, sich "bewusst und mit voller Absicht" mit AfD Stimmen gewählt haben zu lassen. Das sei ein "politischer Kulturbruch". Bildrechte: dpa
Björn Höcke  AfD gratuliert Thomas L. Kemmerich, FDP, dem neu gewählten Ministerpräsidenten in Thüringen.
AfD-Landeschef Björn Höcke AfD-Landeschef Björn Höcke sieht in der Ministerpräsidentenwahl einen Neustart der Thüringer Politik. Die AfD habe ihr Wahlversprechen gehalten, sagte er am Mittwoch in Erfurt. "Wir wollten Rot-Rot-Grün beenden." Unter der Regierung von Linke, SPD und Grünen habe sich Thüringen zu einem Linksstaat entwickelt. "Dieser Prozess ist heute gestoppt worden." Er hoffe, dass von dieser Wahl ein Signal ausgehe, das bundesweit beachtet werde. Bildrechte: imago images/STAR-MEDIA
Wolfgang Tiefensee
SPD-Landeschef Wolfgang Tiefensee "Das ist politisches Kalkül, in Hinterzimmern geplant", sagte SPD-Landeschef Wolfgang Tiefensee. Er kündigte zugleich an, dass die SPD mit einer Regierung unter Thomas Kemmerich (FDP) weder kooperieren noch sie dulden werde. "Wir werden bei politischen Projekten keine Regierung fördern, an deren Spitze ein mit AfD-Hilfe gewählter Ministerpräsident steht." Bildrechte: MDR/Wolfgang Tiefensee
Susanne Hennig-Wellsow spricht mit Journalisten
Linke-Landeschefin Susanne Hennig-Wellsow Linke-Landeschefin Susanne Hennig-Wellsow hat Thomas Kemmerich aus Protest einen Blumenstrauß vor die Füße im Landtag geworfen. Nun sei "ein Fünf-Prozent-Mensch" Ministerpräsident, der sich mit den Stimmen einer extrem rechten Partei ins Amt habe wählen lassen. Sie schäme sich für Kemmerich. Bildrechte: MDR/Michael Frömmert
Anja Siegesmund
Umweltministerin Anja Siegesmund Umweltministerin Anja Siegesmund (Grüne) forderte Thomas Kemmerich zum Rücktritt auf. Außerdem sollten die Thüringer Landesverbände von FDP und CDU aus den Bundesparteien ausgeschlossen werden. "Wer mit Nazis und Faschisten paktiert, kann nicht Thüringen regieren. Das war kein Unfall", schrieb sie auf Twitter. Bildrechte: MDR/Anja Siegesmund
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Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 05. Februar 2020 | 18:00 Uhr

Könnte es eine Expertenregierung geben?

Im Vorfeld der Wahl schlug der ehemalige Thüringer Ministerpräsident Dieter Althaus eine Projektregierung vor, eine Art Expertenregierung. Das Kabinett würde sich dann nicht nur nach Parteipräferenz zusammensetzen, sondern auch externe und parteiunabhängige Vertreter könnten die Ministerien führen. Auch ein solches Szenario wäre jetzt wieder denkbar.

Quelle: MDR THÜRINGEN/jml/sar

Mehr zur Wahl

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Die Nachrichten | 05. Februar 2020 | 13:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. Februar 2020, 11:30 Uhr

106 Kommentare

der_Silvio vor 2 Wochen

@7gebirge; und die CDU wollte weder mit AfD noch mit der LINKEN zusammenarbeiten. Jetzt ist Kuschelkurs mit der LINKEN angesagt.
Merken Sie was? Aber wenn ihnen es hilft, hier ihren Hass zu entladen, dann bitte, ich hoffe es geht ihnen hinterher besser.

der_Silvio vor 2 Wochen

@7gebirge; "Im Übrigen braucht man von AfD-lern in Bezug auf Demokratieverständnis definitiv keine Nachhilfe!"
Und von denen, die eine Wahl annullieren wollen, weil das Ergebnis nicht gefällt, auch nicht! Auch nicht von solchen, die so wenig Respekt haben, daß sie wie ein bockiges Kleinkind einen Blumenstrauß vor die Füße des Gewinners schmeißen! Und erst recht nicht von denen, die die Familie des Gewinners offenbar bedrohen und dessen Kinder infolgedessen nur unter Polizeischutz zur Schule können!
Sie verteidigen die antidemokratischen Mittel, die in Thüringen gegen die AfD eingesetzt werden; das ist WIDERWÄRTIG! Aber der AfD vorwerfen, sie sei eine Gefahr für die Demokratie; das ich nicht lache! In Thüringen zeigt sich, wer die wirkliche Gefahr ist, und das ist NICHT die AfD!

der_Silvio vor 3 Wochen

Na, @forsa, WOLLEN Sie den Kommentar falsch verstehen? Aber das kennen wir von ihnen und ihresgleichen; das Wort der anderen so lange verdrehen, bis es ihnen in den Kram passt. Die Politik ist schon einen Schritt weiter; da wird so lange gewählt, bis CDU, SPD, FDP, LINKE und Grüne das Ergebnis gefällt. Und das von den "Bewahrern" und "Verteidigern" der Demokratie. Nur ihre Mittel sind alles andere als demokratisch!

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Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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