Immaterielles Kulturerbe Eisenach erhält Auszeichnung für Friedhofskultur

Autorenbild Ruth Breer
Bildrechte: MDR/Daniela Dufft

Skatspiel, Sommergewinn, Sternsingen – sie gehören in Deutschland zum Immateriellen Kulturerbe. Seit März zählt auch die Friedhofskultur dazu. Auf dem Eisenacher Hauptfriedhof weist jetzt, pünktlich zum "Tag des Friedhofs" am 20. September, eine Plakette auf die Auszeichnung "Immaterielles Kulturerbe" hin. Friedhofskultur bedeutet nicht nur den Umgang mit den Toten, der Friedhof selbst ist mehr als nur ein Ort der Trauer, er ist auch Park und Geschichtsbuch.

Eine Plakete auf einem Stein
Gleich am Eingang des Eisenacher Hauptfriedhofs weist eine neue Plakette darauf hin: Seit diesem Jahr gehört die Friedhofskultur in Deutschland zum Immateriellen Kulturerbe. Im März hatten die Kulturminister sie auf Empfehlung der Deutschen UNESCO-Kommission aufgenommen. Bildrechte: MDR/Ruth Breer

Der Kies knirscht, die Vögel zwitschern, von den umliegenden Straßen dringt nur wenig Autolärm auf den Eisenacher Hauptfriedhof. Von den klassischen geraden Reihengräbern geht es vorbei an halbrund angelegten Wegen hin zum historischen Urnenhain, weg vom Kies auf verschlungene Pfade unter alten Bäumen. Dort stehen Urnen auf Steinsockeln. In den meisten wurde vor rund 100 Jahren auch die Asche der Toten aufbewahrt. Manche stehen ganz schief, weil die Wurzeln der hohen Bäume sie hochgedrückt haben. Nicole Lehmann von der Friedhofsverwaltung mag die Atmosphäre dieses Teils des Friedhofs. "Die alten Gräber, wo nicht mehr alles in Reih und Glied steht, das finde ich schön. Es hat wirklich etwas Verwunschenes."

Baumgräber im Urnenhain

Nicole Lehmann von der Friedhofsverwaltung
Nicole Lehmann von der Friedhofsverwaltung: Menschenkommen nicht nur zum Trauern auf den Friedhof. Bildrechte: MDR/Ruth Breer

Doch zwischen den alten Grabstätten liegen auch frische Blumen. Hier bietet die Friedhofsverwaltung naturnahe Bestattungen an, Baumgräber. An die Verstorbenen erinnern flache Steinplatten mit Namen und Lebensdaten unter den Kronen der Bäume. Und das nicht nur unter ganz alten: es sind auch junge Bäume nachgepflanzt worden. Diesen Ginkgo, erzählt Nicole Lehmann, hat eine ältere Dame dem Friedhof gespendet – mit der Bitte, selbst einmal unter dem Baum bestattet zu werden.

Vielfältige Bestattungskultur

Die Bestattungskultur ist schnelllebiger geworden. Es gibt viele verschiedene Möglichkeiten für die letzte Ruhe. Das reicht vom grünen Rasen in völliger Anonymität bis zum großen Wahlerdgrab. Nur fünf Prozent der jährlich etwa 600 Toten in Eisenach möchten nicht verbrannt werden. Deshalb dominieren Urnengräber – einzelne, Familiengräber oder Gemeinschaftsanlagen. Auf dem Eisenacher Friedhof sind die Urnengemeinschaften mittlerweile häufiger in die normalen Grabreihen integriert: Auf zwei schlichte Stelen aus rötlichem Kalksandstein mit Jahreszahl stehen jeweils 20 Namen. Zum einen sollten Urnengemeinschaften nicht mehr abgetrennt werden von den anderen Gräbern, erklärt Nicole Lehmann, das sei würdevoller. Zum anderen werden so Lücken in den Grabreihen geschlossen.

Rückzugsort und grüne Oase

Für die meisten Besucher an diesem Vormittag ist der Friedhof ein Ort der Trauer. "Ich gehe meine Verwandten besuchen", sagt eine Frau – und ein Mann berichtet, wie schmerzlich der Weg ans Grab der Tochter ist. Doch sie sagen auch, wie schön sie den Eisenacher Friedhof finden, die Ruhe an diesem Rückzugsort. "Das Grün tut der Seele gut", sagt ein etwa 40-jähriger Mann, "und die grüne Oase ist ja auch schön für die Stadt". Hier gehen auch Eltern mit Kinderwagen durch, berichtet Nicole Lehmann, im Sommer ist es schattig. "Wir sind auch Park", sagt sie, "deshalb haben wir gleichzeitig auch das bunte Leben auf dem Friedhof, vermischt mit der Geschichte, die die alten Gräber mit sich bringen."

Eine Allee auf einem Friedhof
Mehrere Alleen finden sich auf dem Friedhof, meist aus Linden. Bildrechte: MDR/Ruth Breer

Gang durch die Geschichte

Ein Spaziergang über den Friedhof ist auch ein Gang durch die Geschichte. Da ist das mächtige Grabmal in der südöstlichen Ecke des Hauptfriedhofs für den niederdeutschen Dichter Fritz Reuter. Er hatte seinen Lebensabend in einer Villa am Fuß der Wartburg verbracht und wurde mit seiner Gattin Luise prominent beigesetzt. Auf dem neueren jüdischen Grabfeld findet sich eine Tafel für eine Eisenacher Ehrenbürgerin: An Avital Ben-Chorin wird auf dem Grabstein ihrer Familie erinnert. Als Erika Fackenheim wurde sie 1923 in Eisenach geboren, ging als Jugendliche nach Israel und entkam so – anders als viele ihrer Familie – dem Holocaust. Sie hat Eisenach später mehrfach besucht und Brücken gebaut. "Liebte die Tage, Gutes zu sehen", steht auf der Tafel.

Mahnmal und Blühstreifen

Kriegsgräber, Gräber für Zwangsarbeiter und Bombenopfer, ein Mahnmal für Opfer des Faschismus, ein Sternenkinderfeld für totgeborene Kinder - wer über den Friedhof läuft, findet viele Denkanstöße. Und weil die Friedhöfe gleichzeitig Parks und Gärten sind, hat das Nachdenken Raum und Ruhe. Es gibt auch Führungen.

Nicole Lehmann wartet mit weiteren Funktionen des Friedhofs auf: Arbeitsplatz ist er, nicht nur für sie, sondern auch für Steinmetze, Bestattungsunternehmen und Grabredner. Und: Naturschutz wird ebenfalls betrieben. Hier leben zahlreiche Vögel und Eichhörnchen. Für Insekten wurden eigens Blühstreifen angelegt auf bisher ungenutzten Grabfeldern. All das gehört zur Friedhofskultur, die jetzt als immaterielles Kulturerbe besonders geschützt ist.

Quelle: MDR THÜRINGEN/jml

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Fazit vom Tag | 18. September 2020 | 18:00 Uhr

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