Altbesitzer kümmerte sich nicht mehr um Fahrzeug Eisenach versteigert "herrenloses" Auto

von Ruth Breer

Heike Hofsommer erhält von Ronny Hepp den Schlüssel.
Das "herrenlose" Auto fand eine glückliche neue Besitzerin. Bildrechte: MDR/Ruth Breer

Die einen umkreisen das Fahrzeug und schauen von außen, studieren den Zettel mit allen technischen Daten. Andere streichen mit der Hand über die Sitze oder tauchen tief unter die Motorhaube. Auf dem Gelände des städtischen Bauhofs wird ein Auto versteigert: ein schwarzer Opel Astra, nicht einmal sechs Jahre alt, keine 52.000 Kilometer auf dem Tacho – ein 2.0 CDTI Sports Tourer mit 121 kW.

Ein Pärchen kommt als Zaungast: "mal sehen, wie so eine Versteigerung läuft", sagt der Mann. "Sieht gut aus", meint einer der Interessenten. Er ist aus Langula gekommen, sein Neffe interessiert sich für das Fahrzeug. Eine Frau aus Eisenach würde ihr 18 Jahre altes Auto gern gegen diesen neueren Wagen tauschen. Ein Dritter sucht für den Sportverein, ist aber vom Startgebot von 5.500 Euro etwas überrascht. Auch Autohändler sind dabei. Der eine hält sich bedeckt, der andere mag sein Limit auch nicht nennen: 500 bis 1.000 Euro Gewinn sollten bei so einem Geschäft rauskommen, sagt er. Im Internet werden Fahrzeuge dieses Typs, Alters und mit dieser Fahrleistung für bis zu 13.500 Euro angeboten. Zu viel, meint der Händler und zeigt auf sein Handy: Die gebe es auch schon deutlich unter 10.000 Euro.

Illegal abgestellt auf einem Parkplatz

Sabine Zocher und Ronny Hepp vom Umweltamt Eisenach leiten eine Auktion.
Zwei Jahre dauerten die - am Ende erfolglosen - Recherchen zu dem Fahrzeug Bildrechte: MDR/Ruth Breer

Nicht beziffern möchte die Stadt Eisenach den Aufwand, den der schwarze Opel die Verwaltung in den vergangenen gut zwei Jahren gekostet hat. Anderthalb Seiten lang ist die Liste mit den Aktivitäten des Umweltamtes, einzeilig aufgeführt. Ende 2017 wurde das Fahrzeug auf einem großen öffentlichen Parkplatz nahe der Werner-Aßmann-Halle entdeckt mit entwerteten Kennzeichen. Das ist illegal, weil das Auto dann nicht versichert ist und eine Gefahr darstellen könnte. Im vergangenen Jahr geschah das in Eisenach etwa 30 Mal, sagt Sabine Zocher vom Umweltamt. In der Regel kommt dann ein roter Aufkleber auf das Auto und der Halter hat einen Monat Zeit, sein Fahrzeug wegzufahren. Das klappt in den meisten Fällen. Manchmal sei es schwierig, den aktuellen Halter zu ermitteln, erzählt Zocher: wenn beispielsweise ein Auto privat per Handschlag verkauft wurde und der bisherige Besitzer vom Käufer nicht mehr kennt als den Vornamen und ein WhatsApp-Foto.

Zu schade für die Schrottpresse

In diesem Fall aber geschah gar nichts. Sämtliche Versuche, den Eigentümer zu kontaktieren, scheiterten – ob Briefe, Anrufe oder Besuche. Die Stadt stellte das Auto sicher. Hätte es sich um ein Wrack gehandelt, wäre es in der Schrottpresse gelandet. Die Kosten dafür hätte der Eigentümer zusammen mit dem Bußgeld von rund 400 Euro zahlen müssen. Doch der schwarze Opel Astra war keineswegs Abfall, stellte das Umweltamt fest. Deshalb bemühte sich die Behörde weiter um Kontakt zum Halter. Man habe das Fahrzeug nicht voreilig versteigern lassen wollen, so Sabine Zocher. Im Juli 2019 aber war Schluss.

Neue Papiere für den neuen Besitzer

Die Stadt Eisenach beantragte neue Zulassungsbescheinigungen über das Kraftfahrtbundesamt. Damit wurden die alten Papiere ungültig. Ein neuer Schlüssel wurde für das Fahrzeug programmiert. Der Astra kam zur Durchsicht in die Werkstatt, bekam neue Bremsen, eine neue Batterie und wurde gereinigt. Alles hübsch zur Versteigerung. In Eisenach schon ein Sonderfall, heißt es im Umweltamt: erst das zweite Auto in den vergangenen 20 Jahren, das versteigert wird. In größeren Städten sei das nichts Ungewöhnliches. In Erfurt gab es nach Auskunft der Stadtverwaltung in den vergangenen acht Jahren fünf Fälle. Dort wird im April das nächste Fahrzeug versteigert.

Zuschlag nach rund fünf Minuten

Nach einer halben Stunde Besichtigung geht die Auktion in Eisenach schnell über die Bühne. Vom Startgebot von 5.500 Euro geht es in 100-Euro-Schritten rasch höher. Zuletzt bieten nur noch ein Händler und eine Interessentin: die Frau mit dem 18 Jahre alten Auto. Heike Hofsommer erhält nach rund fünf Minuten den Zuschlag: für 8.800 Euro. Dreihundert mehr, als sie eigentlich ausgeben wollte, sagte sie, ist aber trotzdem glücklich. Sie braucht ein Auto für die täglichen Fahrten zu Arbeit in Eisenach, erzählt sie. Auch Sabine Zocher, die gemeinsam mit einem Kollegen die Auktion geleitet hat, ist zufrieden. Es sei "ein fairer Preis, für beide Seiten".

Heike Hofsommer erhält von Ronny Hepp den Schlüssel.
Heike Hofsommer hatte nach fünf Minuten den Erfolg Bildrechte: MDR/Ruth Breer

Erlös kommt auf Verwahrkonto

Zwei Jahre Arbeit der Stadtverwaltung – nun ein Ertrag. Doch fließt der Versteigerungserlös nicht direkt in das Stadtsäckel, sondern auf ein Verwahrkonto. Dort wird das Geld aufgehoben, falls sich der bisherige Eigentümer doch noch meldet. Er hätte Anspruch auf den Geldwert, abzüglich der Auslagen der Stadt und der Bußgelder. Erst nach drei Jahren verjährt auch dies, dann fließt das Geld in den städtischen Haushalt.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Johannes und der Morgenhahn | 22. Januar 2020 | 06:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. Januar 2020, 11:39 Uhr

2 Kommentare

ElBuffo vor 3 Wochen

Schlimm war schon der Umgang mit Schmidt.
Ansonsten eine nette Geschichte. Warum 2 Jahre lang Aufwand? Allein der Wertverlust in dieser Zeit. Wenn sich der Eigentümer in dem einen Monat nicht meldet, dann wird es eben versteigert und fertig. Ist doch nicht die Aufgabe des Staates da solange ein Gewese drum zu machen.

oller Kerl vor 3 Wochen

gute Sache sollte SPD überall machen und punkten - die olle Volkspartei muss wieder für Arbeiter attraktiver werden - schlimm ist wie sie mit ihren Führungskraften nach Kanzlr Schmidt umging

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