Nachgefragt Von "dreckig" bis "nachvollziehbar": Das sagen die Thüringer zur politischen Krise

Autorenbild Ruth Breer
Bildrechte: MDR/Daniela Dufft

Eine Ministerpräsidentenwahl mit überraschendem Ausgang - mehrere Rücktritte, unklare Verhältnisse - politisch ist derzeit einiges in Bewegung. Was halten Menschen in Thüringen von den Ereignissen in Erfurt und Berlin, was erwarten sie von der Politik? Wir haben in Vacha und Eisenach nachgefragt.

Ein Mann steigt die Treppen der Bahnüberführung zum Bahnhof Eisenach Opelwerk hinauf.
Bahnüberführung in Eisenach: Was sagen die Menschen zum Thüringer Politik-Chaos? Bildrechte: dpa

Die Politik lässt derzeit keinen kalt. Selbst wer nicht antworten mag, wirft einen kurzen Satz hin: "unglaublich" - "schwierig“ - "völlig verrückt" oder: "Den ganzen Regierungswahnsinn sollte man ablösen." Von einer "Katastrophe" spricht eine ältere Frau mit modischem Kurzhaarschnitt auf einem Discounter-Parkplatz in Vacha. Überall sei die politische Krise ein Thema, erzählt sie, ob beim Einkauf, bei der Physiotherapie oder beim Treffen mit Bekannten: "Es ist überall die gleiche Meinung: So kann es nicht bleiben. Wir hoffen, dass sich durch Neuwahlen etwas ändert und der Bürger die Möglichkeit kriegt, das zu wählen, wofür er steht."

Politik wird zum "Kindergarten"

Die Ministerpräsidentenwahl? "Einfach getürkt", sagt sie, "eine hinterlistige Aktion. Ich finde, so etwas ist keine Wahl." Ein Mann mit Bart sieht das anders: "Es ist gewählt worden und fertig. Daraus wird ein Kindergarten gemacht, das kann man eigentlich gar nicht verstehen. Wenn nicht so viel Theater darum gemacht worden wäre, hätte es auch anders laufen können. Am besten, man beschäftigt sich gar nicht mehr damit, denn man ärgert sich so sehr."

"Postengeschacher" statt Demokratie

Das geht auch anderen so. Ein älterer Mann erzählt, er streite sich mit seiner Frau über die Politik. Sie sei schon ganz wahlmüde geworden. Die Ministerpräsidentenwahl? "Die größte Schweinerei - das ist keine Demokratie mehr, nur Postengeschacher. Die Parteien sollten langsam vernünftig werden." Als Weg aus der Krise sieht er die Wiederwahl von Bodo Ramelow mit anschließenden Neuwahlen.

Zu wenig junge Menschen in der Politik

Enttäuscht von der Politik äußert sich auch eine junge Frau in einem Geschäft am Vachaer Marktplatz. Es "mauschele jeder mit jedem", sagt sie, und die eigentlichen Probleme wie beispielsweise der Pflegenotstand, würden nicht angegangen. Es gehe Zeit verloren, in der auch etwas verändert werden könnte. Sie wünscht sich "Politiker, die vorneweg gehen, mutig sind und Entscheidungen treffen". Es fehlt ihr die junge Generation in der Politik.

Dialog wäre wichtig

Weniger Streit und mehr Sacharbeit wünscht sich auf eine blonde Frau am Supermarkt. Bei Schulen und Kindergärten gebe es genug zu tun. "Es sollte mehr geredet werden." Sie erinnert an den Besuch der Bundeskanzlerin in dem Rhönstädtchen im Bundestagswahlkampf: "Als die Merkel hier war, da haben sie sie ja nur ausgepfiffen, das finde ich auch nicht gut. Kann ja kein Dialog entstehen, wenn nur gebrüllt und geschrien wird. Aber man sollte schon die Richtigen an die Macht lassen. Was damals war, will keiner mehr." Die AfD - das seien für sie Nazis, sagt sie noch.

Straßenzug mit Faschingswimpel gespannt, regennasse Fahrbahn und Wolkenhimmel
Straßenzug in Vacha zur Faschingszeit. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ostbeauftragter als "Bauernopfer"

Einen Unabhängigen als Ministerpräsidenten wünscht sich ein älteres Ehepaar aus Vacha - einen kompetenten Parteilosen. Sie kritisieren, dass Christian Hirte, der Ost-Beauftragte der Bundesregierung seinen Hut nehmen musste. Ein Bauernopfer, sagen sie. "Andere haben dem Kemmerich ja auch gratuliert, aber er musste gehen - das ist unverständlich!“

Am Rand des Parkplatzes steht ein Mann rauchend vor seinem Auto. Politisch gehe gerade alles den Bach runter, sagt er, keine Partei hält er für wählbar. "Es müsste eigentlich so richtig mal auf den Tisch geklopft werden, aber wer klopft? Dazu geht es uns noch zu gut."

Wären Neuwahlen die beste Lösung?

Auch in der Eisenacher Karlstraße nehmen die Menschen großen Anteil an den politischen Ereignissen, auch dort gehen die Meinungen weit auseinander. Auf den Wähler werde keine Rücksicht genommen, beschwert sich ein älterer Mann mit Schirmmütze. Und seine Frau ergänzt: "Wir haben ja die Linken gewählt und möchten sie eigentlich wiederhaben." Neuwahlen halten die beiden für die beste Lösung: Die meiste Angst davor habe wahrscheinlich die CDU.

Eine andere Frau lehnt Neuwahlen ab: Das bringe ein "schlechtes Bild. Gewählt haben wir schon, die sollen sich zusammenraufen." Auch sie findet den Amtsverlust von Christian Hirte unverständlich. Mit Demokratie habe das nichts zu tun: "Wenn man jemandem zur Wahl - egal wie sie zustande gekommen ist - gratuliert, kann man nicht sagen, das gehört sich nicht."

"Schuld nicht bei der AfD suchen"

Selbst wenn die Ministerpräsidentenwahl ein "abgekartetes Spiel" war - "Stimme ist Stimme". So sieht das auch ein junger Student der Berufsakademie. Es sei falsch, die Schuld bei der AfD zu suchen - die habe sich an die Regeln gehalten. Bei der CDU müsse jetzt eine neue Führung her, "die die CDU wieder in die richtige Richtung führt, in die konservative Mitte". Für den 25-Jährigen steht die Werteunion "für genau das, was die Wähler wollen". Nur mit einem solchen Kurs könne die CDU Wähler zurückgewinnen, die zur AfD abgewandert sind.

Eisenach - Geschäftshäuser mit Restaurant und Cafes am Frauenplan.
Geschäftshäuser mit Restaurants am Eisenacher Frauenplan Bildrechte: dpa

Ministerpräsidentenwahl "nachvollziehbar"

Ähnlich äußert sich auch ein Franke, der seit Langem in Thüringen lebt. Der Unternehmensberater findet die Ministerpräsidentenwahl "nachvollziehbar, denn das Ziel von CDU und FDP war, die Regierung der Linken wegzukriegen. Genau das haben sie erreicht. Was ist da politisch falsch?" Es sei "natürlich unschön" gewesen, dass dazu die Hilfe der AfD gebraucht wurde. Aber das habe sich so ergeben. "Es war völlig richtig von Herrn Kemmerich, die Wahl spontan anzunehmen." Der Mann kritisiert im Gegenzug, "wie dreckig sich die Vorsitzende der Linken benommen hat mit dem Blumenstrauß, den sie einem gewählten Ministerpräsidenten vor die Füße wirft."

Bodo Ramelow (Die Linke), amtierender Ministerpräsident von Thüringen, sitzt während der Wahl des neuen Ministerpräsidenten im Landtag. Ramelow stellt sich zur Wiederwahl. Die AfD-Fraktion hat den parteilosen ehrenamtlichen Bürgermeister Kindervater nominiert. Ramelow ist im ersten Durchgang durchgefallen.
Bodo Ramelow (Die Linke) während der Wahl. Bildrechte: dpa

Wie es in Thüringen weitergehen könnte? Das sei sehr schwer, so der Unternehmensberater. "Denkbar, dass es eine Rot-Rot-Grüne Regierung gibt, die von der Union und der FDP geduldet und unterstützt wird" - auch wenn da beide Parteien über ihren Schatten springen müssten. Ein Kompromiss müsse gefunden werden.

Auf eine neue Chance für Bodo Ramelow hofft eine Frau in der Fußgängerzone - nicht nur für den Übergang. Die Linke habe doch bei der Landtagswahl die meisten Stimmen bekommen, sagt sie. Ähnlich sieht es eine jüngere Frau mit dunklen Haaren. "Dass nun eine Fünf-Prozent-Partei auf einmal den Ministerpräsidenten stellt, das finde ich eine ganz traurige Sache, das hat nichts mit Demokratie zu tun." Sie bevorzugt Neuwahlen: "Weil ich denke, dass die Parteien, die sich das zu Schulden haben kommen lassen, in den Keller gehen."

Jemand muss das "Zepter in die Hand nehmen"

Neuwahlen werden keinem nutzen, ist ein junger Mann mit Bart überzeugt. Er bezeichnet die Ereignisse in Erfurt "ziemlich krass" - sowohl die Wahl, aber auch die Reaktion der Parteivorsitzenden der Linken. "Unmöglich" findet eine ältere Frau vor einem Blumengeschäft die politische Lage. Das liege daran, meint sie, dass es "zu viele Parteien sind, deshalb kommt keine Einstimmigkeit zusammen. Das kann nicht sein. Da muss doch einer da sein, der eben mal das Zepter in die Hand nimmt. Die können doch nicht alle machen, was sie wollen?"

Wer das sein könnte mit dem Zepter? Der Ramelow sei ganz in Ordnung, sagt sie - auch Spahn und Lindner seien ihr sympathisch - aber so sehr beschäftige sie sich nicht mit Politik.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 14. Februar 2020 | 19:00 Uhr

78 Kommentare

Rotti vor 31 Wochen

Sie haben nichts begriffen. Sie sind auch nicht betroffen. Vielleicht informieren Sie sich mal über die Waldheimer Prozesse. Hilde Benjamin. Und ja, wie die verurteilten bei den Waldheimer Prozessen umgebracht worden sind.
Und, wenn Sie dann noch so kaltherzig revoluzzern, dann hoffe ich, dass es tapfere Menschen gibt, die vor solchen Leuten den demokratischen Rechtsstaat verteidigen. Mit allen Mitteln. Nie wieder Sozialismus und Diktatur.

frank ingo vor 31 Wochen

Für mich hat die AfD keinerlei Schuld an diesem Debakel. Hätten die Parteien die es schon länger gibt, ihre Politische Arbeit zum Wohle des Deutschen Volkes betrieben und nicht ständig die Wähler betrogen ,gäbe es keine AfD oder nur mit geringern % bei Wahlen.

Rotti vor 31 Wochen

Es waren keine Kommunisten. Der eine hatte ein Unternehmen. Der andere hat keinem was getan. Das war die Diktatur des Proletariats. Das, was Ramelow und Co wollen.

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