Statussymbol vor 300 Jahren Ananas aus Gotha: Die Adelsfrucht kommt zu neuer Blüte

Für den reichen Adel war die Ananas einst ein geschmackvolles Statussymbol. Die Residenzstadt Gotha verfügte über eine der größten Ananastreibereien an deutschen Fürstenhöfen. Dort wird die Frucht heute wieder angebaut.

Wer derzeit die Orangerie in Gotha betritt, wird sofort eingehüllt in einen süßen, fruchtigen Duft. Die Ananas sind reif. Im vorderen Teil des verglasten Hauses stehen in eigens gezimmerten Anzuchtkästen. Durch die mit Folie verkleideten Fenster sind die Umrisse kleiner und großer Pflanzen zu sehen.

Chefgärtner Jens Scheffler öffnet die mit Holzriegeln verschlossenen Läden und ein Schwall herrlich, süßen Ananasduftes strömt einem in die Nase. Links im Anzuchtkasten stehen jüngere und damit kleinere Pflanzen. Rechts stehen die mindestens drei Jahre alten Exemplare. Sie sind größer. Zwei von ihnen tragen Früchte. Eine Pflanze steht in voller Blüte. Die ausgereiften Früchte sind noch eine Rarität. Vor Jahrhunderten war das in Gotha ganz anders.

Ananas in der Orangerie Gotha
Noch sind nur ein paar vereinzelte Früchte zu sehen. Bildrechte: MDR/Sandra Voigtmann

Wer hat die größte Ananas?

Christoph Kolumbus brachte die Ananas aus Amerika mit nach Europa. Die Frucht trat einen wahren Siegeszug durch die Adelshäuser an. 700 Ananaspflanzen gab es vor knapp 300 Jahren in Gotha. Die damaligen Fürstenhäuser standen in einem Wettstreit. Wer hat die meisten Ananaspflanzen und wer erntet die größten Früchte. Die damaligen Züchtungen konnten fünf bis sechs Kilogramm schwere Ananas tragen. Tatsächlich zählte: Wer hat die größte?

1732 ließen die Gothaer Herzöge mit großem Aufwand erstmals Ananaspflanzen züchten, die aufgrund einer ausgeklügelten Gewächshausstrategie und pfiffigen Hofgärtnern prächtig gediehen. Im ehemaligen Küchengarten, auf dem Gelände des heutigen Herzoglichen Museums, ließ Herzog Ernst II. ein großes beheizbares Treibhaus errichten. Es folgten drei weitere. 1794 wurde die Ananaszucht in das Areal der Orangerie verlagert. Die speziellen Pflanz- und Treibhäuser beherbergten im 18. Jahrhundert schließlich hunderte Ananaspflanzen. Somit war es möglich, jede Woche Ananas zu ernten, um die fürstliche Tafel damit zu krönen. Die Residenzstadt Gotha verfügte über eine der größten Ananastreibereien an deutschen Fürstenhöfen.

Ananas in der Orangerie Gotha
Anzuchtkästen in der Gothaer Orangerie. Bildrechte: MDR/Sandra Voigtmann

In Thüringen wurden auch in Weimar und Sondershausen Ananas gezogen. Mit der Einfuhr frischer Ananas aus Übersee mit Schnelllastenseglern schlief die Ananaszucht auch in Gotha ein. 150 Jahre lang wurde keine Frucht mehr geerntet. 2011 dann fiel der Startschuss für eine erneute Ananaszucht in Gotha. 2014 wurde erstmals wieder eine Frucht geerntet.

Obst für den reichen Adel

Der sogenannte Schopf der Ananas ähnelt einer Krone. Auch deshalb, so heißt es, war das Obst sehr beliebt an Adelshäusern. Es verwundert nicht, dass eine Ananas damals auch gern als Geschenke verschickt worden an andere Höfe. Wer sich eine Ananas auf dem Obstbuffet leisten konnte, der zeigte damit seinen Reichtum. Doch auch damals gab es hier und da mehr Schein als Sein. Obsthändler verliehen deshalb häufig auch Ananas-Früchte für einen Abend. Verarmter Adel konnte sein Buffet somit auch mit der "Königin der Früchte" krönen. Heute überall im Supermarkt zu haben, war die Ananas vor 300 Jahren ein wahres Statussymbol.

Ananas in der Orangerie Gotha
Der Schopf der Ananas ähnelt einer Krone. Auch deshalb war die Frucht beim Adel so beliebt. Bildrechte: MDR/Sandra Voigtmann

Im 18. Jahrhundert war die Herzogliche Orangerie Gotha ein Garten der Goldenen Früchte. An diese Tradition anknüpfend sollen es auch wieder mehr Ananaspflanzen werden in der Orangerie. Internationale Gäste - besonders auch aus europäischen Adelsfamilien - sind begeistert von Gothas Orangerie und der Ananaszucht. Und auch die Gothaer selbst lieben das Haus und seine Früchte. Und wer weiß, vielleicht können die Gothaer ja irgendwann "heimische" Ananas kaufen. Bis dahin gibt es einmal im Jahr eine Verkostung der süßen Früchte für ein ausgewähltes Publikum.

Tropischer Traum mitten in Gotha

Eine festliche Tafel steht mitten in der Orangerie. Weiße Teller mit Goldrand stehen auf dem weißen Tischtuch. In der Mitte krönt eine goldene Ananasskulptur - platziert auf einem großen Blatt - die Tafel.

Goldene Ananas in der Orangerie Gotha
Goldene Ananasskulptur in Gotha: Einst war die Frucht ein wichtiges Statussymbol. Bildrechte: MDR/Sandra Voigtmann

Die frisch geerntete Ananas wird zerteilt. Der süße Saft quillt nur so aus ihr heraus. Mit Stäbchen darf sie aufgespießt werden. Das Fruchtfleisch ist weich und dunkelgelb, der Geschmack unvergleichlich süß. Ein tropischer Traum mitten in Gotha. Die Sonne blinzelt durch die bodentiefen Orangeriefenster - alles scheint in diesem Moment in ananas- und sonnengelbes Licht getaucht. Ein Moment des Glücks, den vielleicht tatsächlich in ein paar Jahren viele Menschen erleben können.

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Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 29. Juni 2020 | 17:10 Uhr

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