Landkreis Gotha Niedrigwasser der Apfelstädt: Hitzige Bürgerdiskussion mit Ministerin Siegesmund

Der Apfelstädt fehlt es an Wasser. Lösungen werden gesucht. Umweltministerin Siegesmund bat zum Gespräch in Günthersleben-Wechmar. Doch die Fronten bleiben verhärtet.

Dutzende Personen sitzen mit Abstand zueinander in einem Saal.
Bürgerdiskussion in Günthersleben-Wechmar: Niedrigwasser der Apfelstädt Bildrechte: MDR/Sandra Voigtmann

Sie kommen aus Neudietendorf, Wechmar oder Wandersleben in den Bürgersaal nach Günthersleben. Thüringens Umweltministerin Anja Siegesmund (Grüne) hatte eingeladen zu einem Bürgerdialog zum Thema Niedrigwasser der Apfelstädt. Sie sucht das Gespräch mit den Menschen, die am Fluss leben, weil diese eine Bürgerinitiative "Lebensraum Apfelstädt" gegründet und eine Petition gestartet haben.

Während Siegesmund im Saal bereits in einer ersten Runde mit den Bürgermeistern, Ortsteilbürgermeistern und Vertretern der Bürgerinitiative über die Apfelstädt spricht, bringen draußen vorm Saal Leute Plakate an und Laken. Auf denen sind Sprüche zu lesen wie: "Lebensraum Apfelstädt - zum Sterben verurteilt", "Wer die Apfelstädt quält, der wird nicht gewählt" oder "Vor die Hunde gehen Flora und Fauna. Hauptsache: Wasser fürs Schaukraftwerk ist da".

Alle Stühle sind belegt

Kurz vor 17 Uhr werden es immer mehr Menschen vor dem Eingang des Bürgersaals. Zum Teil haben sie Gießkannen dabei. Sie wollen damit Wasser zurück tragen in ihre Apfelstädt, sagen sie. Auffällig ist, dass kaum Frauen zum Bürgerdialog gekommen sind. 50 Menschen haben im Bürgersaal Platz. Coronabedingt dürfen nicht mehr Interessierte in den Raum. Alle Stühle sind belegt. Doch draußen warten etwa noch einmal hundert Menschen, die auch mit diskutieren wollen. Sie verfolgen das Geschehen von außen durch die geöffneten Fenster des Saals. Gleich zu Beginn der Veranstaltung bittet eine Moderatorin darum, sich gegenseitig zuzuhören, sich ausreden zu lassen, in Dialog zu kommen.

Wo ist das Wasser, das der Apfelstädt fehlt?

Umweltministerin Siegesmund macht klar, dass sie gekommen ist, weil sie die Bürgerinitiative und die Petition ernst nimmt. Es gehe darum, miteinander Lösungen zu finden. Doch das sollte an diesem Abend nicht einfach werden. Warum fällt die Apfelstädt immer wieder trocken? Warum muss wegen ausgetrockneter Abschnitte des Flussbettes abgefischt werden? Wo ist das Wasser, das der Apfelstädt fehlt? Diese und weitere Fragen haben die Bürgerinnen und Bürger zuvor bereits auf Karten geschrieben. Siegesmund präsentiert in einem kurzen Vortrag Grafiken, statistische Erhebungen, Fakten. Noch ist es ruhig im Saal. Sie spricht über trockene Sommer, einen dadurch sinkenden Grundwasserspiegel und über geologische Besonderheiten im Flussbett, sogenannte Versickerungsstellen.

Zu wenig Regen in Thüringen

In 21 der vergangenen 31 Monate hat es weniger geregnet als im langjährigen Mittel. Besonders trocken waren die Sommermonate der letzten drei Jahre. Doch als sie direkt den Klimawandel als den Hauptgrund für das fehlende Wasser in der Apfelstädt nennt, wird es laut im Raum. Ein Mann schreit ihr entgegen, dass das doch an den Haaren herbei gezogen sei. Die Stimmung wirkt aufgeheizt. Die Menschen, die am Flüsschen wohnen, haben Angst um ihre Apfelstädt, Angst vor Veränderungen. Dementsprechend emotional entwickelte sich der Abend weiter. Aus den Talsperren solle mehr Wasser in den Fluss abgelassen werden, wurde gefordert. Schon jetzt, so die Ministerin, werde aber dreimal so viel Wasser in die Apfelstädt am Ausgang der Talsperre Tambach-Dietharz geleitet als sie der Talsperre am Eingang zuführt. Die Westkaskade sei nur zur Bewässerung der Buga 2021 in Erfurt wieder in Betrieb genommen worden, lautete ein Vorwurf. Dieses Wasser fehle der Apfelstädt.

Dutzende Personen stehen vor einem Gebäude und schauen durchs Fenster.
Zahlreiche Bürger fanden keinen Platz im Bürgerhaus und verfolgten den Abend von draußen. Bildrechte: MDR/Sandra Voigtmann

Nur wenig Brauchwasser für Buga 2021 entnommen

Tatsächlich, so hieß es von den zuständigen Verwaltungsangestellten der Stadt Erfurt und der Fernwasserversorgung, würden nur geringe Mengen als Brauchwasser für die Bundesgartenschau entnommen. Auch die Obstbauern der Fahner Höhe beziehen Wasser über die Westringkaskade, eine Leitung die bereits vor Jahrzehnten gebaut und im letzten Jahr wieder nutzbar gemacht wurde. Seit einigen Wochen erst ist sie wieder in Betrieb, hieß es. Anträge von Landwirten zur Brauchwassernutzung über diese Leitung würden derzeit geprüft. Das Niedrigwasser in der Apfelstädt wurde und werde durch die Westringkaskade nicht verursacht, sagte Siegesmund. Es folgten Argumente und Gegenargumente. Statistiken und belegte Fakten scheinen dabei für viele im Saal keine Rolle zu spielen.

Unmut im Publikum: "Wollen Sie uns verarschen?"

Auch die Wasserkraftwerke an der Westringkaskade waren ein Thema. Das in Seebergen war nicht Stein des Anstoßes, das in Erfurt an der Einmündung zur Gera aber schon. Dass es auch dort in erster Linie um Stromerzeugung geht und das Schaukraftwerk sozusagen nur eine Bauart ist, wollte niemand im Saal hören. Umweltstaatssekretär Olaf Möller sagte, es gehe dabei auch um eine Einnahmequelle zur Sicherung stabiler Trinkwasserpreise. Doch das war im Protestgemurmel kaum zu hören. "Die Apfelstädt könnte ein Stolperstein ihrer Karriere sein", wurde aus dem Publikum an Anja Siegesmunds Adresse gerufen. "Kommerz über Umweltschutz - das ist, was die Grünen wollen!", "Wollen Sie uns verarschen?", auch das war zu hören.

Siegesmund: Wasser aus der Talsperre für die Apfelstädt

Siegesmund kam mit einem Vorschlag nach Günthersleben-Wechmar. Das Thüringer Umweltministerium will den Wasserstand der Apfelstädt im Kreis Gotha mit Wasser der Talsperre Wechmar stabilisieren, sagt sie. Das Wasser aus der Talsperre solle bei Bedarf in die Apfelstädt eingeleitet werden. Wechmar ist eine landeseigene Talsperre, hieß es. Eigentlich sollte sie aus Kostengründen zurück gebaut werden. Doch die Rückbauplanung sei gestoppt und ein Konzept zur Nutzung werde bereits erstellt. Schon im nächsten Jahr könnte Wasser aus der Talsperre in die Apfelstädt fließen, so Siegesmund. Allerdings sei auch ihr klar, dass dafür ausreichend Schneefälle oder Regen gebraucht würden, denn sonst wäre der Wasserpegel zu niedrig. Geholfen werde auch nur dem Unterlauf der Apfelstädt hinter den Versickerungsstellen.

Ein Schild mit der Aufschrift "Mir tut die Seele weh, wenn ich die vielen Steine und Unkraut in der Apfelstädt und Mühlgraben seh".
Protestplakat vor dem Bürgerhaus. Bildrechte: MDR/Sandra Voigtmann

Wenig versöhnliche Worte an der Apfelstädt 

Eine Lösung für den Oberlauf der Apfelstädt böte die Talsperre Wechmar nicht. Der Vorschlag traf auf wenig Gegenliebe bei den Gästen im Saal. Dass es ein emotionaler Abend werden würde, damit habe sie gerechnet, sagt Siegesmund am Ende des Abends. Aber Dialog sei wichtig. Und auch solche Situationen müssten ausgehalten werden. Sie habe dennoch das Gefühl, dass sich alle neben Schritten voneinander weg auch hier und da aufeinander zu bewegt haben. Die Menschen aus Wandersleben, Wechmar oder Neudietendorf hatten nicht ganz so versöhnliche Worte. Der Abend habe nichts gebracht, wurde gesagt. Es sei nur um den heißen Brei herum geredet worden. Man würde sie belügen.

Fronten bleiben verhärtet

Der Gründer der Bürgerinitiative Rico Heinemann fand es ein starkes Zeichen der Ministerin, dass sie gekommen sei. Zufrieden ist er mit den Aussagen von Anja Siegesmund aber nicht. Er wünscht sich, dass in Trockenzeiten weniger Wasser über die Westringkaskade abläuft und dadurch der Apfelstädt mehr Wasser bleibt. Die Talsperre Wechmar sieht er als Teillösung. Der Fluss sei aber 36 Kilometer lang. Nur 15 Kilometern Fluss zu helfen und den anderen nicht, ist für den Grünen keine befriedigende Lösung. Die Fronten bleiben verhärtet.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 27. Oktober 2020 | 19:00 Uhr

4 Kommentare

Matthi vor 4 Wochen

Alles auf den Klimawandel zu schieben da macht es sich die Ministerin zu einfach es ist ein Faktor von vielen. Es kann auch nicht sein das für die BUGA oder andere Verbraucher die Apfelstädt geopfert wird.

Freies Moria vor 4 Wochen

Hut ab vor dem Mut zur Diskussion, hätte ich nicht erwartet.
Im großen Bild scheint es mir aber so zu sein, daß es viel zu wenig "Brennpunkte" gibt, wo "die Regierung" (egal ob Land oder Bund) sich solche Mühe gibt.
Das sieht dann, berechtigt oder nicht, leider so aus, als gäbe es in den meisten "Brennpunkten" nicht einmal eine Faktenlage, wie sie hier der Bevölkerung präsentiert wurde.
Und das führt genau zu dem Misstrauen, welches aus diesem Artikel spürbar wird. Im Grunde war das Vertrauen schon lange vorher aufgebraucht. Das ist nicht nur traurig, sondern es macht einen Neuanfang ganz schwer, wie man hier deutlich sieht. Umso dringender ist der Neuanfang, der Vertrauensaufbau!

Blume65 vor 4 Wochen

Warum war frau siegesmund da sind doch wahlen nächstes jahr .erst mal ruhig stellen am ende passiert eh nix

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