Letzte Ruhe Bestatter in Ohrdruf fährt Verstorbene in historischer Kutsche zum Friedhof

Michael Trenker aus Ohrdruf bringt Verstorbene mit einer historischen Bestattungskutsche zur letzten Ruhe. Bis vor 60 Jahren gehörten die noch zum ganz normalen Stadtbild. Vom Haus des Verstorbenen oder von der Kirche bis zur Trauerhalle auf dem Friedhof geht die letzte Reise mit zwei Pferdestärken.

Bestattungskutsche Ohrdruf
In langsamem Schritttempo geht es zum Friedhof. Bildrechte: MDR/Bestattungsinstitut Würdevoller Abschied

Michael Trenker suchte vor fünf Jahren etwas Besonderes für sein Bestattungsinstitut "Würdevoller Abschied" in Ohrdruf. Eine historische Bestattungskutsche konnte er sich damals auch für sein Unternehmen gut vorstellen. Bis vor 60 Jahren gehörten Bestattungskutschen auch in Ohrdruf noch zum ganz normalen Stadtbild, sagt er. Doch irgendwann wurden sie ganz von Autos verdrängt. Und damit, so Michael Trenker, hielt auch im Bestattungssektor die Hektik und Schnelllebigkeit Einzug.

Klassischer "Scheunenfund"

Er hörte sich um und recherchierte im Internet. Dort wurde er auf eine Anzeige aufmerksam. Beim Hauskauf nahe Stuttgart entdeckte der neue Besitzer auf dem Speicher eine historische Bestattungskutsche. 60 Jahre stand sie dort ungenutzt. Der Zahn der Zeit hatte an ihr genagt. Da der Mann sie selbst nicht haben wollte, suchte er einen Liebhaber historischer Kutschen, der sie ihm abkauft. Mit Michael Trenker war ein Liebhaber schnell gefunden. Nicht verwunderlich, Trenker besitzt selbst zwei Pferde und konnte so Hobby und Beruf verbinden.

Aufwendige Restaurierung nötig

Etwa 130 Jahre alt war die Bestattungskutsche, als Michael Trenker sie kaufte. Das Leder war hinüber, sagt er. Die Farbe, die Vorhänge, so ziemlich alles musste erneuert werden. Die Grundsubstanz aber sei aber gut gewesen, so dass er alles noch verwenden konnte. Spricht es und kann sich ein Lächeln nicht verkneifen. Der Stolz über das, was er geschafft hat, ist ihm deutlich anzusehen.

Bestattungskutsche Ohrdruf
In der Kutsche steckt sehr viel Arbeit, erzählt der Bestatter. Bildrechte: MDR/Bestattungsinstitut Würdevoller Abschied

Stolz auf die eigene Leistung

Es war viel Arbeit. Volle acht Wochen lang hieß es jeden Tag nach Feierabend bis in die Nacht hinein schleifen, pinseln, hämmern und, und, und. Und mit einem Augenzwinkern sagt er, er habe ja gewusst, worauf er sich einlässt. So eine alte Kutsche restauriert man nicht mal eben nebenbei. Bereut hat er es nie. Seit fünf Jahren glänzt die Kutsche nun wieder in schwarzer Farbe mit goldener Schrift. Rote Samtvorhänge mit goldener Borte schmücken die glaslosen Fensteröffnungen. Glasfenster wurden bei diesem Modell noch nicht verwendet damals. Die Holzräder sind mit Eisen beschlagen.

Zusammenarbeit mit verschiedenen Fuhrunternehmen

Nicht jedes Pferd kann eine solche Kutsche heute überhaupt noch ziehen, sagt Trenker. Er selbst arbeitet mit verschiedenen Fuhrunternehmern zusammen, die bei Trauerfeiern einen Kutscher und die Pferde stellen.

Denn er selbst kann diese Aufgaben an so einem Tag nicht übernehmen. Er hat dann andere Aufgaben. Die Kutscher haben inzwischen Erfahrungen gesammelt. Und auch die Pferde sind an die Geräusche wie Glockenläuten, Posaunenchöre oder die Eisenräder auf Kopfsteinpflaster gewöhnt. Selbst wenn die Kutsche bei Schnee oder glitschigem Laub ein wenig ins Rutschen kommt, bringt die Pferde das nicht aus der Ruhe. Ein entschleunigter Abschied mit zwei Pferdestärken - in Thüringen ist das wieder möglich.

Bestattungskutsche Ohrdruf
Nicht jedes Pferd kann eine solche Kutsche ziehen. Bildrechte: MDR/Bestattungsinstitut Würdevoller Abschied

Schon häufiger wurde er gefragt, ob das nicht etwas zu ungewöhnlich sei, mit einer Bestattungskutsche dem Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen. Darauf hat er sofort eine Antwort parat, die einleuchtet.

Warum soll eine Bestattung nicht genauso unvergesslich sein wie eine Hochzeit?!

Michael Trenker

Auch Angehörige können zur Ruhe kommen

Vom Haus des Verstorbenen oder von der Kirche bis zur Trauerhalle auf dem Friedhof geht die letzte Reise mit zwei Pferdestärken. Oft seien es Pferdeliebhaber, die sich eine solche letzte Reise wünschen.

Kutscher und Bestatter tragen schwarze Umhänge mit Pelerine und Zylinder, die Pferde schwarze Überhänge, vor der Kutsche läuft ein Kreuzträger. Alles wirkt sehr friedlich. In langsamem Schritttempo geht es zum Friedhof. Die Angehörigen können so auch zur Ruhe kommen und ihren Gedanken nachhängen, sagt Michael Trenker. In einer so schnelllebigen Zeit wie heute würde eine solche Art des Trauerzuges extrem entschleunigen.

Viele Angehörige sprechen ihn nach der Trauerfeier an, um ihm zu sagen, dass das alles sie entspannt und ihnen gut getan habe. Und dass sie froh sind, sich für die historische Bestattungskutsche entschieden zu haben. Anfragen kommen übrigens inzwischen aus ganz Deutschland. Und wenn möglich, bringt Michael Trenker seine Bestattungskutsche überall hin.

Bestattungskutsche Ohrdruf
Trenker hat mittlerweile Anfragen aus ganz Deutschland. Bildrechte: MDR/Bestattungsinstitut Würdevoller Abschied

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 22. November 2020 | 17:00 Uhr

4 Kommentare

Critica vor 6 Tagen

Es kommt alles wieder, so auch dies. Meine Großeltern wurden in den 1960er Jahren bereits mit einer Kutsche zum Friedhof gefahren.
Also keine Neuerfindung.

pkeszler vor 6 Tagen

Critica: Es kommt alles wieder, besonders in Zeiten, wie der jetzigen, ob alte Kutsche, altes Boot von den Fischern oder eine alte Dampfeisenbahn.

MAENNLEiN-VON-DiESER-WELT vor 7 Tagen

I seh‘ nur a Kutschn — ohne a Leichn ! 😎

Chapeau ! 🎩 ⚰️ 🕯 ✝️

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