Ein Transporter fährt in die Justizvollzugsanstalt Tonna.
Ein Transporter fährt in die Justizvollzugsanstalt Tonna. Bildrechte: dpa

Justiz Gewalttat in Thüringer Haftanstalt Tonna

In der Thüringer Justizvollzugsanstalt Tonna hat ein Häftling Justizvollzugsbeamte angegriffen und verletzt. Der Gefangene leidet offenbar aufgrund von Drogenmissbrauch an schweren psychischen Störungen. Ein Problem, das Experten im Thüringer Strafvollzug immer häufiger beobachten.

von Axel Hemmerling und Ludwig Kendzia

Ein Transporter fährt in die Justizvollzugsanstalt Tonna.
Ein Transporter fährt in die Justizvollzugsanstalt Tonna. Bildrechte: dpa

Am Anfang sah alles nach reiner Routine aus. Frank M.* hatte bereits seit einigen Tagen psychische Probleme. Deshalb wurde der Häftling der Justizvollzugsanstalt (JVA) Tonna im Landkreis Gotha in einen kameraüberwachten Raum verlegt. Dort soll er nach MDR THÜRINGEN-Informationen randaliert haben. Daraufhin wurde beschlossen, den Häftling in einen besonders gesicherten Haftraum zu verlegen. Drei Beamte wurden damit beauftragt.

Nur scheinbar beruhigt

Frank M. soll sich, so heißt es von Augenzeugen, beim Eintreffen der Beamten wieder beruhigt haben. Doch plötzlich und ohne eine Vorwarnung habe er seinen Kopf in das Gesicht eines der Beamten gestoßen. Dessen Kollegen stürzten sich auf den Häftling, um ihn zu fixieren. Doch dieser prügelte weiter wie wild um sich. Erst nachdem Verstärkung gekommen war, gelang es den JVA-Männern, den Häftling in den Griff zu bekommen. Das Ergebnis: Ein Beamter erlitt eine Platzwunde am Kopf, ein Zweiter wurde schwer an der Hand und ein Dritter im Gesicht verletzt. Alle drei mussten sich ärztlich behandeln lassen.

Mitgefangene in Zellen eingeschlossen

Für die Mitgefangenen soll der Vorfall Konsequenzen gehabt haben: In den Stunden nach der Attacke sollen sie in Ihren Zellen eingeschlossen worden sein. Was immer wieder ein schwerwiegender Eingriff auf den Stationen ist und für Unmut unter den Gefangenen sorgt. Denn nur in dieser Zeit können sich die Gefangen frei auf den Gängen bewegen. Das Thüringer Justizministerium bestätigt den Vorfall, der sich bereits vor knapp einer Woche ereignet hat, auf MDR THÜRINGEN-Nachfrage. Der Häftling werde in Kürze ins Haftkrankenhaus nach Leipzig für eine weitere medizinische Behandlung verlegt, heißt es.

Drogenmissbrauch und psychische Probleme

Die Gewalttat ist eine drastische Folge eines Problems, das Strafvollzugsexperten, aber auch die Verantwortlichen in den Haftanstalten zunehmend beobachten. Viele der Häftlinge kommen mit ernsthaften psychischen Störungen in die Gefängnisse. Die meisten aufgrund von Drogenmissbrauch. Auch Frank M. hat eine entsprechende Vorgeschichte, heißt es aus JVA-Kreisen. So soll er bereits immer wieder Psychosen gehabt haben, die mit seinem Drogenkonsum zusammenhängen könnten.

"Damit müssen die Kollegen tagtäglich umgehen, und das macht die Arbeit immer schwieriger", sagt Jörg Bursian. Er ist der Thüringer Landeschef des Bundes der Strafvollzugsbediensteten. Diese Probleme, mit denen viele Häftlinge kämen, hätten unmittelbare Auswirkungen auf die Beamten und die Mitgefangenen. So beobachte er eine Zunahme besonders der verbalen und psychischen Gewalt gegen die Bediensteten.

Gewerkschafter beklagt dünne Personaldecke

Bursian sagt, er befürchte aber auch, dass solche Vorfälle wie in Tonna vergangene Woche immer wieder auftreten. Hier müsse dringend gegengesteuert werden. Eine Lösung für ihn sei, dass Beamtenteams dauerhaft auf einer Gefangenenstation arbeiten. "Die kennen dann ihre Häftlinge und deren Hintergründe", so der Gewerkschafter. Konfliktpotenzial könnte schneller erkannt und gegengesteuert werden. "Aber so eine dauerhafte Besetzung ist aufgrund der angespannten Personalsituation in den Thüringer Haftanstalten gar nicht möglich", klagt Bursian. So gebe es eine ständige Personalrotation, damit die Löcher in den Dienstplänen gestopft werden könnten.

Ministerium: Personalabbau gestoppt

Die Debatte um das Personal in den Thüringer Haftanstalten kennt Thüringens Justizminister Dieter Lauinger (Grüne). Auch die zunehmenden Probleme mit drogenabhängigen Häftlingen und den psychischen Folgen sind im Justizministerium bekannt. Deshalb soll es Hilfe geben. Das Ministerium verweist darauf, dass im vergangenen Jahr 25 Anwärter in die Ausbildung aufgenommen wurden, so viele wie seit zehn Jahren nicht mehr. Damit sei auch der Personalabbau gestoppt worden. Zudem wurde in den vergangenen Monaten die Ausrüstung der Beamten verbessert. So gebe es inzwischen Schutzhelme für die Bediensteten in den JVA.

Außerdem soll das Gesundheitsmanagement verbessert werden, um dem hohen Krankenstand Herr zu werden. Das scheint auch nötig. Denn laut Gewerkschafter Bursian ist jeder der rund 900 Justizvollzugsbeamten in Thüringen im Jahresdurchschnitt 30 Tage krankgeschrieben. Der Schnitt aller erwerbstätigen Thüringer liegt deutlich darunter: 2017 war jeder von ihnen nach einer Statistik der gesetzlichen Krankenkasse Barmer 21,5 Arbeitstage krankgeschrieben.

Trotz der Ankündigungen aus dem Thüringer Justizministerium bleibt Gewerkschafter Bursian für die Zukunft skeptisch: "Bisher ist über eine Verbesserung der Personalsituation nur geredet worden, passiert ist kaum etwas."

(* Name von der Redaktion geändert)

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 05. April 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. April 2019, 19:00 Uhr

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9 Kommentare

06.04.2019 14:36 martin 9

@8 tom: Ob die Reststrafe zur Bewährung ausgesetzt wird, hängt - gerade bei Ersttätern - hauptsächlich an der Prognose.

Natürlich ist ein Knast auch ein lokaler Wirtschaftsfaktor - aber hier geht es zunächst einmal um die Personalsituation. O.K. - man könnte eine der beiden Knäste dicht machen und das Personal auf die anderen Anstalten verteilen. Aber ob das die Situation deutlich verbessern würde?

06.04.2019 13:16 Tom Elger 8

Würde man Erstverbüßer im Strafvollzug tatsächlich nach Zweidrittel der verbüßten Haftzeit auf Bewährung entlassen, wie in der Literatur oft behauptet, dann könnten die beiden maroden Thüringer Haftanstalten: Untermaßfeld und Hohenleuben, geschlossen werden. An der Sicherheitslage würde sich nichts verschlechtern und diese freien Steuermittel könnten sinnvoller eingesetzt werden. Doch leider dient der regionale Knast auch als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme und örtlicher Wirtschaftsfaktor. Schlecht für die Allgemeinheit.

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