Kunstdiebstahl Gestohlene Bilder zurück in Gotha: "Ich dachte, ich sehe sie nie wieder"

Für eine Woche sind in Gotha nun die 1979 gestohlenen Gemälde zu sehen. Im Herzoglichen Museum wurde der "Blaue Saal" für sie geräumt. Die Gothaer können es kaum erwarten, die Bilder nach 40 Jahren Pause zu betrachten.

Isabelle Fleck
Bildrechte: MDR/Flo Hossi

von Isabelle Fleck

Drei Frauen lassen sich vor einem Gemälde fotografieren
Die Gemälde des legendären Kunstdiebstahls von Gotha sind zurück. Hier lassen sich Besucherinnen vor der "Sonnenblume" fotografieren. Bildrechte: MDR/Isabelle Fleck

200-mal hat das Telefon von Kerstin Schink in den vergangenen drei Tagen geklingelt. 200 Anrufer wollten wissen, wann sie endlich die Bilder anschauen können. Doch Schink musste die Interessierten vertrösten: "Montag, ab 14 Uhr. Eine Woche lang". Die blonde Frau steht fröhlich hinter dem Kassentresen. "Es ist ein guter Tag. Es ist aufregend", sagt sie und stellt sich auf einen "Ansturm" ein.

Normalerweise würde das Herzogliche Museum an einem Montag um 16 Uhr schließen. Aber ein "normaler Tag" ist das heute nicht. Denn erstmals nach 40 Jahren sind die gestohlenen Gemälde wieder in Gotha zu sehen. Fotografieren ist an diesem besonderen Tag auch ausnahmsweise ohne Foto-Erlaubnis möglich. "Aber ohne Blitz!", sagt sie nochmal dazu.

Gotha Präsentation Gemälde
"Es ist ein guter Tag. Es ist aufregend", sagt Kerstin Schink. Bildrechte: MDR/Isabelle Fleck

Petra Hildebrandt und Marion-Christine Meißner können 14 Uhr kaum abwarten. Die beiden Kunstliebhaberinnen aus Saalfeld und Rudolstadt finden, "für die Kunst lohnt sich jeder Weg". Sie haben schon einige Zeit im Herzoglichen Museum verbracht und sind durch die anderen Ausstellungsräume gestreift. Um 13:30 Uhr halten sie es kaum noch aus und wollen endlich zu den verloren geglaubten Bildern.

Zwei Frauen
Petra Hildebrandt und Marion-Christine Meißner konnten es kaum erwarten. Bildrechte: MDR/Isabelle Fleck

Das "Brustbild eines unbekannten Herrn mit Hut und Handschuhen“ von Frans Hals hat es Marion-Christine Meißner besonders angetan. "Er sieht knackig aus und hat schöne Bäckchen. Ich sehe einen selbstbewussten, gestandenen Mann", sagt sie. Ihre Freundin mag das "verschmitzte Lächeln" des Porträtierten. Die beiden Juristinnen schauen die Bilder auch unter diesem Aspekt an und interessieren sich für den Diebstahl und die Geschichte der Heimkehr der Bilder.

Für die Kunst lohnt sich jeder Weg

Petra Hildebrandt und Marion-Christine Meißner

Annemarie Micheli aus Gotha kennt die Bilder "seit 40 Jahren nur von einem Zeitungsschnipsel". Das will sie gleich am ersten Ausstellungstag ändern. Gerade kommt sie von der Seniorenakademie. Und weil das Herzogliche Museum auf dem Heimweg liegt, sie ihre Jahreskarte dafür immer dabei hat und sie die Rückkehr der Bilder "seit Tagen verfolgt", ist auch sie eine der ersten Besucherinnen.

Besucher in einer Ausstellung
Maik Göpel passt auf, dass niemand die Bilder anfasst. Bildrechte: MDR/Isabelle Fleck

Maik Göpel aus Friedrichroda passt auf, dass keiner die Bilder anfasst. Sein Blick streift durch den blauen Raum. "Ich hätte nicht zu träumen gewagt, dass ich die Bilder so schnell zu sehen kriege", sagt Göpel. Er arbeitet erst seit einigen Monaten im Museum und kann sich an zwei Bilder erinnern. "Aber ich weiß nicht, ob ich dieser Erinnerung trauen kann. Es wurde so viel berichtet. Aber ich glaube, die Sonnenblume und den Mann mit dem Kragen habe ich als Schüler gesehen", so Göpel.

Bei Königsbesuchen immer am roten Teppich

Ganz genaue Erinnerungen an die Gemälde hat hingegen Christa Dunkel. Sie gehört zu den ersten Besucherinnen. Christa Dunkel ist bei den Königsbesuchen in Thüringen immer mit einer Sonnenblume am roten Teppich zu finden. Heute hat sie keine Blumen dabei, sondern ein Foto. Es zeigt sie als junge Frau in einer Vitrine im Museum sitzen. Früher war sie nämlich Museumsmitarbeiterin. "1979 im Sommer habe ich geheiratet und im Winter wurden die Bilder geklaut.

Gotha Präsentation Gemälde
Christa Dunkel: Ich dachte, ich sehe die Bilder nie wieder. Bildrechte: MDR/Isabelle Fleck

Ich war damals in der Regionalgeschichte eingeteilt. Ich war für die Senioren zuständig und hatte gerade Kaffee für die Kaffeetafel gekocht, als der Diebstahl bemerkt wurde. Es war unglaublich aufregend. Alle Mitarbeiter mussten einzeln zur Polizei und wurden vernommen. Ich dachte, ich sehe die Bilder nie wieder." Christa Dunkel arbeitet einige Jahre im Museum, bevor sie in die Tourist-Information wechselt. Dass die Bilder wieder da sind, löst in ihr ein "Glücksgefühl" aus. Sie will die Bilder sehen. Schnell. "Das kann ich mir nicht entgehen lassen", sagt Christa Dunkel und verschwindet im Ausstellungsraum.

Ich dachte, ich sehe die Bilder nie wieder.

Christa Dunkel
Gotha Präsentation Gemälde
Thomas Huck, Direktor Sammlung und Restaurierung. Bildrechte: MDR/Isabelle Fleck

Dort steht Thomas Huck in einer Ecke und beobachtet die Pressemeute, die die Bilder gerade anschaut. Erste Besucher mischen sich unter den Pressepulk. "Viele Freunde und Bekannte haben mich gefragt, ob ich ihnen die Bilder schon mal zeigen kann. Das geht natürlich nicht", sagt Huck. Er hat viele Körbe verteilt und auf diese Woche vertröstet.

Seine Kollegen haben die eigentlichen Bilder des blauen Salons abgenommen und die fünf Rückkehrer gehängt. "So könnte es bleiben", sagt er. "Sieht doch sehr gut aus". Doch die Bilder bleiben nur eine Woche. Dann werden sie restauriert. "Ich erinnere mich an die Sonnenblume", sagt er. Die hat er damals als Schüler gesehen.

"Das wird viele Gothaer interessieren"

Ein Mann steht vor einem Gemälde
Herbert Grosser: "Umso schöner ist es, dass die Bilder nun zurück sind." Bildrechte: MDR/Isabelle Fleck

Herbert Grosser hat keine Erinnerung an die Bilder. Der Rentner wollte die Bilder aber trotzdem gleich sehen. "Es ist bedauerlich, dass sie gestohlen wurden und es ist dreist, dass die Diebe Geld rausschlagen wollten. Umso schöner ist es, dass die Bilder nun zurück sind."

Grosser hat es ein Bild besonders angetan: Jan Brueghels "Landstraße mit Bauernwagen und Kühen". Denn, so sagt Grosser: "Ich mag Landschaftsbilder schon immer". Heute nimmt er sich Zeit, um alles in Ruhe durchzulesen und die Bilder anzuschauen. "Das wird viele Gothaer interessieren", ist er sicher. Besonders die Älteren.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 20. Januar 2020 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20. Januar 2020, 20:52 Uhr

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