Schloss Friedenstein
Gotha gilt als heimliche Hauptstadt der Familienforschung. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Deutscher Genealogentag Experten diskutieren in Gotha die Zukunft der Ahnenforschung

Immer mehr Menschen stöbern in alten Kirchenbüchern, fotografieren Gräber, einige lassen auch ihre DNA testen. Noch nie waren so viele auf der Suche nach ihren Wurzeln. Profi-Familienforscher aus aller Welt trafen sich beim 71. Deutschen Genealogentag in Gotha.

von Astrid Mudra

Schloss Friedenstein
Gotha gilt als heimliche Hauptstadt der Familienforschung. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Sie stöbern in alten Kirchenbüchern, fotografieren Gräber und einige schicken auch DNA-Proben ein. Noch nie waren so viele Menschen auf der Suche nach ihren Wurzeln. Und noch nie war Ahnenforschung so einfach. 500 Gäste aus aller Welt kamen vom 13. bis zum 15. September zum 71. Deutschen Genealogentag in Gotha, um über die Zukunft der Genealogie zu sprechen. Diese Zukunft verheißt die Vernetzung riesiger Datenmengen im Internet.

Christian Kirchner
Christian Kirchner, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Genealogie Thüringen e.V. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Die Genealogie ist im Umbruch", sagt Christian Kirchner, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Genealogie Thüringen e.V. Der Verein mit rund 180 Mitgliedern will sich zukunftsfähig aufstellen. Und DNA-Bestimmungen zählen da ganz bestimmt dazu. 45 Millionen Stammbäume hat das israelische Unternehmen MyHeritage bereits zusammengestellt, vier Milliarden Profile erfasst. 100 Millionen Nutzer haben schon auf die Dienste von MyHeritage zurückgegriffen. Am Stand in Gotha wurden während des Deutschen Genealogentags auch DNA-Kits verteilt. Zwei Wattestäbchen, etwas Speichel - viel mehr braucht es nicht, um erfahren, wo in der Welt die Vorfahren gelebt haben und wohin sie ausgewandert sind. Nach drei bis vier Wochen kommt dann das Ergebnis aus einem Labor in Texas. Dank DNA-Test konnten erst kürzlich Zwillinge zusammengeführt werden, die als Babys in Korea ausgesetzt wurden und nichts voneinander wussten, erzählt eine Sprecherin.

Über die Arbeitsgemeinschaft Genealogie Thüringen (AGT) Die Arbeitsgemeinschaft Genealogie Thüringen e. V. besteht seit 1984. Der Verein zählt derzeit rund 180 Mitglieder. Sie kommen aus Thüringen, aus ganz Deutschland, einige auch aus den USA, aus Kanada, der Schweiz, Brasilien oder Äthiopien.

Jeden Mittwoch von 14 bis 18 Uhr können sich Interessierte im "Haus der Genealogie" in Gotha am Brühl 4 informieren, wie man z. B. Ahnenblätter oder Stammbäume erstellt. Ahnenforschungsprofis helfen beim Entziffern alter deutscher Handschriften. Regionalgruppen gibt es im Eichsfeld, im Weimarer Land, in Mühlhausen, Bad Langensalza, Erfurt, Arnstadt, Gotha, Eisenach sowie Südthüringen.

Kirchenbücher werden ins Internet gestellt

Erfahrene Ahnenforscher wie Christian Kirchner finden DNA-Analysen allerdings datenschutzrechtlich heikel. Sie lieben den Geruch alten Papiers in staubigen Archiven. Mehr als 4.000 Vorfahren hat der Thüringer Familienforscher auf herkömmliche Art ausfindig gemacht. Jetzt hilft er anderen Mitgliedern "tote Punkte" im Familienstammbaum zu überwinden.

Vor 20 Jahren musste er noch zum Pfarrer fahren, in Kirchenbüchern wühlen und alles von Hand abschreiben, berichtet Kirchner. Das ist Geschichte. Die Evangelische Kirche in Deutschland lässt ihre Kirchenbücher im Internet veröffentlichen. 90.000 Kirchenbücher mit 30 Millionen Seiten hat ARCHION bereits online gestellt. Weitere Einträge aus Thüringen sollen ab Jahresende folgen.

Um sich in Thüringens kleinstaatlichen Flickenteppich mit vielen Grafschaften, Residenzen und freien Städten zurechtzufinden, braucht es Heimatwissen, weiß Kirchner. Er erzählt, wie unzählige Missionare, Kaufleute und Truppen entlang der alten Handelsstraße Via Regia das Land durchquerten. Manche Durchreisende haben sich auch im Erbgut verewigt "… haben sich fleischlich vermischt" schrieben protestantische Pfarrer in die Kirchenbücher.

Gotha - die heimliche Hauptstadt der Ahnenforscher

Dr. Josef Dreesen ist aus Sankt Wendel nach Gotha gekommen, um über die "Lady Di" des 19. Jahrhunderts zu sprechen: Luise Dorothea Paulina zu Sachsen, wie diese Gothaer Herzogin hieß, war keine geringere als eine Stammmutter des britischen Königshauses.

Josef Dreesen
Dr. Josef Dreesen Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wegen angeblicher Untreue wurde sie aus Schloss und Hof verbannt und nach ihrer Scheidung totgeschwiegen. Heute schaut man auch in Gotha wieder zu ihr auf. Weil die Schicksale ähnlich sind, wird Luise hierzulande gern mit Lady Diana vergleichen. In der Sonderausstellung im herzoglichen Museum auf Schloss Friedenstein ist erstmals ein Bild von Luise und ihren beiden Söhnen zu sehen. Einer davon, Prinz Albert, heiratete Queen Victoria.

Details sind auch im "Gotha" nachzulesen, dem Genealogischen Handbuch des Adels. Von 1763 bis 1944 durchgängig in Gotha publiziert und seit 2015 wieder erschienen, ist das Buch bis heute ein "Who is who" des europäischen Adels. Grund genug, dass sich Deutschlands Ahnenforscher zum vierten Mal in Gotha treffen, der "heimlichen" Hauptstadt der Genealogie.

Ahnenforschung ist wie Kartoffelchips essen. Man kann einfach irgendwann nicht mehr aufhören.

Ursula Krause.
Ursula Krause
DNA-Expertin Ursula Krause Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Man weiß nie, was man findet. Die Suche nach den Ahnen ist wie ein großes Puzzle" erzählt André Greßler von der Arbeitsgemeinschaft Genealogie Thüringen. Seine Vorfahren waren einst Köhler und Bauern aus Goldlauter. In langjährigen Recherchen fand er unter den Ahnen auch einen Pfarrer, der Nachkomme der hessischen Landgrafen ist. In fast allen Fällen führt die Suche nach Adel im Namen jedoch zur Enttäuschung, berichten Profi-Ahnenforscher. Was bleibt, ist die Freude an einer riesigen Familie.

"Ahnenforschung ist wie Kartoffelchips essen", sagt Ursula Krause. "Man kann einfach irgendwann nicht mehr aufhören. Und je besser die Technik ist und je mehr unterschiedliche Werkzeuge wir haben, desto mehr Spaß macht es." Wer konnte das ahnen.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 15. September 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. September 2019, 14:03 Uhr

0 Kommentare

Mehr aus der Region Gotha - Arnstadt - Ilmenau

Mehr aus Thüringen

Wolfspräparat mit hellbraunem Fell und Hybrid mit schwarzem Fell in Museum 1 min
Bildrechte: MDR THÜRINGEN

Bis zum Januar ist ein bei Ohrdruf erlegter schwarzer Wolfshybride als Präparat zu sehen, dessen Vater mutmaßlich ein Labrador war. Zum Vergleich steht daneben eine auf der A71 überfahrene Wölfin.

Di 10.12.2019 15:13Uhr 00:45 min

https://www.mdr.de/thueringen/mitte-west-thueringen/erfurt/video-wolfshybrid-im-erfurter-naturkundemuseum100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video