Wundertüten und Sorgenkinder Gothaer "Kunstraub-Gemälde" machen Restauratoren einige Arbeit

40 Jahre nach ihrem Raub aus dem Schlossmuseum in Gotha sind fünf wertvolle Gemälde an ihren alten Standort zurückgekehrt. Im Herbst 2021 sollen sie in einer Ausstellung der Öffentlichkeit wieder präsentiert werden. Doch bis dahin ist noch viel zu tun für die Restauratoren.

Die beim Kunstraub 1979 in Gotha gestohlenen Bilder wurden am Rathgen-Forschungslabor der Staatlichen Museen zu Berlin analysiert.
Untersuchung eines der gestohlenen und nun zurückgekehrten Gemälde im Rathgen-Forschungslabor in Berlin im Jahr 2020. Bildrechte: MDR/Rathgen-Forschungslabor, Staatliche Museen zu Berlin, Stiftung Preußischer Kulturbesitz

Es war der spektakulärste Kunstdiebstahl in der DDR. In der Nacht zum 14. Dezember 1979 stiegen Diebe ins Schlossmuseum in Gotha ein und stahlen fünf hochkarätige Werke aus dem 15. bis 17. Jahrhundert. 40 Jahre galten die Bilder als verschollen. Kaum jemand glaubte noch an die Rückkehr der Gemälde nach Gotha.

2018 wurden die Gemälde Gothas Oberbürgermeister Knut Kreuch zum Kauf angeboten - von einem Anwalt einer Erbengemeinschaft. Es folgten monatelange, geheime Verhandlungen. Knut Kreuch erinnert sich gut an diese für ihn sehr aufregende Zeit, in der er auch Angst hatte, sagt er. Um die Gemälde. Aber auch um sich.

Die "Plaudertasche" konnte schweigen

Er konnte zunächst mit niemandem über das Angebot des Anwalts sprechen. Niemand hätte ihm zugetraut, dass er auch schweigen kann, sagt er. Er, die Plaudertasche. Doch er musste. Erst nach einiger Zeit holte er sich mit der Ernst von Siemens Kunststiftung und der Anwältin Friederike von Brühl starke Partner ins Boot. Im September 2019 gab es dann das Happy End, von dem die Öffentlichkeit aber erst mehr als zwei Monate später erfuhr. Ein wahrer Krimi, für den sich bereits jemand die Filmrechte gesichert haben soll. Gut möglich also, dass der "Kunstraub von Gotha" irgendwann als Spielfilm über die Kinoleinwände flimmert.

Der Gothaer Oberbürgermeister Knut Kreuch vor Gemälden der niederländischen Malerei.
Knut Kreuch vor den zurückgeholten Gemälden Bildrechte: MDR/Sandra Voigtmann

Im September 2019 wurden die Gemälde dann im Berliner Rathgen-Institut an Kreuch übergeben. Ein Gänsehautmoment, sagt er. Erst mehr als zwei Monate später erfuhr die Öffentlichkeit davon. Am 17. Januar 2020 wurden die Gemälde dann erst in Berlin und ab 20. Januar 2020 in Gotha der Öffentlichkeit präsentiert. Fünf Tage lang konnten die unrestaurierten Gemälde, die in billigen Rahmen steckten, in einem der Holländersäle im Herzoglichen Museum Gotha bestaunt werden. Viele Besucher hatten damals Tränen in den Augen. Seitdem ist Einiges passiert. Die Rückkehrer-Ausstellung wurde vorbereitet und die Gemälde kamen in Restaurierungswerkstätten.

Restaurierung in Thüringen und Potsdam

Von den fünf Gemälden werden drei in Thüringen restauriert. Das "Brustbild eines unbekannten Herrn mit Hut und Handschuhen" von Frans Hals wird in den eigenen Werkstätten der Stiftung Schloss Friedenstein in Gotha restauriert - von der Restauratorin Fuhyi Kuo. Zwei weitere Gemälde, "Landstraße mit Bauernwagen und Kühen" aus der Werkstatt von Jan Brueghel d.Ä. und "Selbstbildnis mit Sonnenblume" von einem unbekannten Künstler nach Anthonis van Dyck, sind in die Werkstätten freier Restauratoren in Thüringen gegangen. Die Gemälde von Ferdinand Bol und Hans Holbein d.Ä. reisten nach Potsdam. Sie werden in den Werkstätten der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg restauriert.

Gemälde werden auf Schloss Friedenstein restauriert
Die "Landstraße mit Bauernwagen und Kühen" aus der Werkstatt von Jan Brueghel d. Ä. Bildrechte: MDR/Sandra Voigtmann

Fenstersturz, Dachboden, Wohnzimmerschmuck auf Raufasertapete - die noch immer nicht ganz aufgeklärte Reise der Gemälde in den letzten Jahrzehnten hat Spuren hinterlassen, sagt Timo Trümper, Gemäldekurator der Stiftung Schloss Friedenstein. Konservatorisch seien die Gemälde zwar alle in einem stabilen Zustand gewesen. Doch das Erscheinungsbild sei stark verunklärt gewesen, durch Beschädigungen und Verschmutzungen. Der eigentliche künstlerische Wert der Bilder versteckt hinter Retuschen und Grauschleier. Eine Notsicherung der Gemälde, um sie vor dem Verfall zu bewahren, war glücklicherweise nicht nötig. Aber eine Restaurierung sei immer wie eine Wundertüte, sagt Trümper. Erst im Prozess stelle sich heraus, wieviel tatsächlich zu tun sei. Während das eine Bild sich als Glücksfall herausstellt, wird ein anderes zum Sorgenkind. Ziel bei allen Restaurierungen ist, den ursprünglichen Charakter der Bilder wieder herzustellen, sagt Trümper.

Himmel erstrahlt wieder in hellem Blau

"Landstraße mit Bauernwagen und Kühen" ist fast fertig restauriert. Die Wandfarbspritzer, die bei einer Wohnungsrenovierung auf die nicht abgedeckten Gemälde gekommen sein müssen, waren bei diesem Bild das kleinste Problem. Der Himmel des Gemäldes war über die Zeit zu einer gelb-braunen Soße geworden, sagt Trümper. Jetzt nach der Reinigung erstrahle der Himmel wieder, wie eigentlich gemalt, in hellem Blau mit weißen Wolken. Schon Anfang Februar soll dieses Gemälde fertig restauriert sein und wird dann wieder nach Gotha zurückkommen.

Sorgenkind "Heilige Katharina"

Sorgenkind ist die "Heilige Katharina" von Hans Holbein d. Ä. Obwohl es das kleinste Bild ist. Doch es ist sehr feinmalerisch, sagt Trümper. Die fein gemalten Haare der Katharina müssen einzeln gereinigt werden. Das geht nur unter dem Mikroskop und braucht sehr viel Zeit. Weitere Schritte zur Restaurierung werden noch beraten. Es werden noch Querschnitte gemacht, Makroaufnahmen mit dem Mikroskop, Infrarot- und Röntgenaufnahmen. Auch mikroskopisch kleine Proben werden genommen, kaum größer als ein Staubkorn, so Trümper. Ziel ist es auch hier, herauszufinden, was ist Original und was kam später dazu. Erst in drei Monaten werde die "Heilige Katharina" dann wieder strahlen.

Gemälde werden auf Schloss Friedenstein restauriert
Sorgenkind: Gemälde "Heilige Katharina" von Hans Holbein d. Ä. Bildrechte: MDR/Sandra Voigtmann

In Gotha steckt Restauratorin Fuhyi Kuo beim "Brustbild eines unbekannten Herrn mit Hut und Handschuhen" mittendrin in den Arbeiten. Es soll spätestens im April fertig sein. Das "Selbstbildnis mit Sonnenblume", das ebenfalls in Thüringen restauriert wird, soll Anfang März zurück nach Gotha kommen.

Suche nach historischen Rahmen

Alle Bilder sollen dann im Frühsommer bereits gerahmt werden. Historische Rahmen sollen ihren künstlerischen Wert unterstreichen. Im stiftungseigenen Gothaer Depot konnten unter den 2.500 historischen Rahmen keine passenden gefunden werden. Deshalb suchte man außerhalb der eigenen Mauern. Sie müssen in Stil und Alter zum Bild passen, sagt Trümper.

Gemälde-Restauratorin der Stiftung Schloss Friedenstein, betrachtet das «Brustbild eines jungen Mannes» von Frans Hals (1582/83-1666).
Das "Brustbild eines jungen Herrn mit Hut und Handschuhen" von Frans Hals wird in Gotha restauriert. Bildrechte: dpa

Als die Gemälde 1979 gestohlen wurden, steckten sie vermutlich bereits in Rahmen aus dem 19. Jahrhundert und nicht mehr in Originalrahmen aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Der Rahmen der "Heiligen Katharina" wurde in der Diebesnacht zerstört. Die Reste sind weder in den Asservatenkammern der Polizei noch im Depot der Stiftung gefunden worden. Doch Trümper ist zuversichtlich, was die Rahmen für die Bilder betrifft. Erst mit ihnen werden die Gemälde dann in einem musealen Ausstellungszustand sein. Eine der bedeutendsten Kunstsammlungen Europas wird dann wieder etwas vollständiger sein. Die Kosten für die Restaurierung blieben im veranschlagten Rahmen von 40.000 Euro.

Rückkehrer-Ausstellung im Herbst 2021

Ab dem 24. Oktober 2021 sind die Gemälde dann Mittelpunkt der Rückkehrer-Ausstellung. "Wieder zurück in Gotha - die verlorenen Meisterwerke" wird sie heißen. Sie erzählt die Geschichte von Verlust und Rückkehr. Die Verlustgeschichte der Gothaer Kunstsammlungen im 20. Jahrhundert und die der Rückkehrer seit 1990. Es geht um Verkäufe nach 1918, um kriegsbedingte Auslagerungen, um Diebstähle, sowjetische Trophäenbrigaden, das Duma-Gesetz und Rückgaben aus anderen Museen. Der Diebstahl von 1979 war der letzte Nackenschlag für die bereits stark dezimierte Gothaer Kunstsammlung, sagt Timo Trümper.

Die Geschichte von Verlust, Rückgabe und Rückkehr soll nachvollziehbar gemacht werden in der Ausstellung. Es geht auch um die Geschichten hinter den Gemälden, die erzählt werden sollen durch Dokumente wie Stasi-Akten oder historische Fotos. Die Ausstellung wird nicht nur kunsthistorisch interessant, sondern ist ähnlich wie der Weg der fünf gestohlenen Gemälde immer ein Krimi. Neben den Gemälden des Diebstahles sind dann im Herzoglichen Museum auf zwei Ebenen auch knapp 50 weitere Objekte zu sehen - Gemälde, Grafiken, Kunsthandwerk, Münzen und Medaillen. Geplant sind auch einige ungewöhnliche Details, die Gemäldekurator Timo Trümper noch nicht verraten will.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 20. Januar 2021 | 19:00 Uhr

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