Auswertung der Handy-Kontakte IS-Verdächtiger aus Thüringen kannte Ansbach-Attentäter

Der Fall eines IS-Terrorverdächtigen aus Thüringen beschäftigt weiter die Behörden. Jetzt wird bekannt: Der junge Syrer stand offenbar im Kontakt mit dem Ansbach-Attentäter. Dieser hatte sich 2016 in die Luft gesprengt und 15 Menschen verletzt. Inzwischen hat sich die Bundesanwaltschaft der Sache angenommen.

von Ludwig Kendzia und Axel Hemmerling

Es ist der Tag von Orkan "Frederike". Am 18. Januar dieses Jahres zieht er tosend über Deutschland. Während eine Sturmwarnung die nächste jagt, sitzen knapp 40 Frauen und Männer in einem fensterlosen Raum. Er befindet sich auf einem alten Kasernengelände im Berliner Stadtteil Treptow. Dem Standort des Gemeinsamen Terrorabwehrzentrums (GTAZ) von Bund und Ländern. An einem langen Tisch haben sich hochrangige Beamte des Bundeskriminalamtes, mehrerer Landeskriminalämter, des Bundesamts für Verfassungsschutz und verschiedener Länder-Verfassungsschutzämter eingefunden. Sie haben einen kniffligen Fall vor sich, der zu diesem Zeitpunkt bereits eine Vorgeschichte hat und zu einem blutigen IS-Terroranschlag nach Ansbach in Bayern führt.

Kontakt zum Ansbach-Attentäter

Am 24. Juli 2016 zündete der damals 27 Jahre alte Syrer Mohammed Daleel eine Bombe in der Ansbacher Innenstadt. Bei dem Anschlag stirbt er an seinen Verletzungen. 15 Menschen werden zum Teil schwer verletzt.

Ein Bestatter verlässt in seinem Wagen den nach einem Bombenanschlag abgesperrten Tatort in Ansbach
Anschlag in Ansbach im Juli 2016. Bildrechte: dpa

Bei den Ermittlungen stellt sich heraus, dass Daleel versucht hatte, die Bombe auf einem Musikfestival in Ansbach zu platzieren. Doch das gelang ihm nicht, weil er daran gehindert wurde das Gelände zu betreten. Daraufhin ging er zu einem naheliegenden Weinlokal, in dessen Außenbereich der Sprengsatz in seinem Rucksack dann detonierte. Kurz vorher stand Daleel offenbar per Handy in Kontakt mit seinen mutmaßlichen IS-Auftraggebern im Nahen Osten.

Bei der anschließenden Spurensuche fanden die Ermittler in seinem Handy hunderte von Kontaktdaten. Bei einer ganzen Reihe von diesen Namen sollen, so ist es aus Sicherheitskreisen zu hören, beim BKA, verschiedenen Landeskriminal- und Verfassungsschutzämtern alle Lampen auf Rot gegangen sein. Denn in der Liste tauchten sogenannte Gefährder und Kontaktpersonen auf, die alle Verbindungen zur Terrormiliz IS haben sollen. Darunter fand sich auch eine Spur nach Waltershausen im Landkreis Gotha. Der Ansbacher Attentäter Daleel hatte Kontakt zu dem 22-jährigen Syrer Abdullah M. (*Name geändert). Dieser war bereits seit seiner Einreise 2015 aus Syrien im Visier verschiedener Nachrichtendienste.

Dubiose Geldtransfers nach Syrien

Im Laufe der folgenden Überwachung wurde klar, dass Abdullah M. Kontakte zu einer ganzen Reihe von mutmaßlichen IS-Unterstützern hatte. Allerdings konnten weder Verfassungsschutz, noch Polizei bei ihm oder den anderen Straftaten feststellen. Was sie beobachten konnten, war, dass Abdullah M. über einen US-Geldtransferdienst hohe Summen in die USA und nach Syrien überwies. Woher er das Geld hatte und an wen es konkret weitergeleitet wurde, ließ sich nicht genau feststellen. Klar war, aus seinen Hartz IV-Bezügen und dem Gehalt als Kellner in einem Lokal in Waltershausen konnten die großen Summen nicht stammen.

Hinweis auf geplanten Anschlag

Ende vergangenen Jahres gab es dann einen Hinweis an eine deutsche Polizeibehörde, dass ein Anschlag des IS zu Weihnachten bevorstehen soll.

Stadtkirche "Zur Gotteshilfe" in Waltershausen
Die 13.000-Einwohner-Stadt Waltershausen westlich von Gotha. Bildrechte: MDR/Heidje Beutel

An deren Planung und Organisation sollte sich auch Abdullah M. aus Waltershausen beteiligen, hieß es. Deshalb nahm das Landeskriminalamt den Mann in Gewahrsam, um ihn jedoch Anfang Januar wieder zu entlassen.

Die Ermittlungen liefen aber weiter und im April entschloss sich die Staatsanwaltschaft Gera, die für solche Terrorverfahren in Thüringen zuständig ist, den Fall an den Generalbundesanwalt abzugeben. Ein Sprecher in Gera sagte MDR THÜRINGEN, dass die Karlsruher Bundesanwälte derzeit den Verdacht auf Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung prüfen. Von der Bundesanwaltschaft heißt es auf Nachfrage zum Stand des Verfahrens: "kein Kommentar."

Interne Dokumente zeigen Netzwerk

Doch ein Blick in interne Ermittlungsunterlagen, die MDR THÜRINGEN vorliegen, zeigt: Das Netzwerk, zu dem Abdullah M. mutmaßlich gehört, umfasst mindestens 12 Personen. Alles Männer, die aus Syrien über verschiedene Umwege nach Deutschland eingereist sind. Die meisten der Terrorverdächtigen haben neben ihrem angeblich richtigen Namen noch einen Aliasnamen. Bereits bei den ersten Überprüfungen nach dem Anschlag von Ansbach wird klar, das Netzwerk spannt sich über verschiedene Bundesländer. Da gibt es in Baden-Württemberg zwei Männer, auf deren Namen Mobiltelefone zugelassen sind, die aber von Mitgliedern einer mutmaßlichen IS-Zelle genutzt werden. Laut den internen Akten gibt es den Verdacht, dass diese Zelle Operationen in Deutschland und den Niederlanden planen könnte.

Eine weitere Spur des Netzwerkes führt nach Bielefeld. Dort sollen sich Männer aufhalten, von denen mindestens einer an Hinrichtungen in der ehemaligen IS-Hochburg Rakka in Syrien beteiligt gewesen sein soll. Auch hier gibt es offenbar ein Netzwerk aus Unterstützern und Kontaktpersonen aus dem Umfeld des IS. Es führen auch Spuren ins Saarland, wo mutmaßliche IS-Unterstützer in Kontakt mit Abullah M. in Waltershausen gestanden haben. Noch scheint sich kein klares Bild des Logistikernetzwerkes zu ergeben. Aber Polizei und Verfassungsschutz sind in Alarmbereitschaft. Das gilt auch für Abdullah M., denn er hat Waltershausen inzwischen verlassen und ist nach Nürnberg gezogen. Dort soll er in einem großen Freizeitpark arbeiten, knapp 30 Kilometer von Ansbach entfernt.

Quelle: MDR THÜRINGEN

AKTUELLES AUS THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 29. Juni 2018 | 06:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 29. Juni 2018, 05:00 Uhr

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14 Kommentare

30.06.2018 13:54 Ekkehard Kohfeld { selbst ernannter Jesus,Ziegelstein,MDR Donald [ (X) Notorischer Lügner ] } 14

murtin 13 @12 muellerf: Manche Menschen glauben lieber an Märchen und Verschwörungstheorien, als sich mit einer komplexen Wirklichkeit auseinander zu setzen. Es lebe die Einfältig- äh Einfachheit.#Richtig das sprechen sie ja aus dem Nähkästchen:-))))

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30.06.2018 13:16 martin 13

@12 muellerf: Manche Menschen glauben lieber an Märchen und Verschwörungstheorien, als sich mit einer komplexen Wirklichkeit auseinander zu setzen. Es lebe die Einfältig- äh Einfachheit.

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