Glockenweihe in Tambach-Dietharz Erste Thüringer Glocke aus NS-Zeit ersetzt

In der Bergkirche in Tambach-Dietharz ist am Sonntag eine neue Christusglocke durch Propst Christian Stawenow geweiht worden. Es ist die erste Glocke in Thüringen, die eine Glocke mit Inschriften aus der NS-Zeit ersetzt.

von Sandra Voigtmann

Eine Kirchenglocke umrahmt von einem Blumenkranz.
Die neue Christusglocke soll ab Januar im Kirchturm erklingen. Bildrechte: MDR/ Franziska Grewe

Eine neue Christusglocke ist am Sonntag in der Bergkirche in Tambach-Dietharz durch Propst Christian Stawenow geweiht worden - am dritten Adventssonntag, dem "Sonntag Gaudete": Freuet euch! Die Vorgeschichte der neuen Glocke allerdings war alles andere als freudig.

Die Bergkirche hatte bis zum Zweiten Weltkrieg drei Glocken. Zwei von ihnen, die Schöpferglocke und die Vollenderglocke, wurden während des Zweiten Weltkrieges eingeschmolzen. Die Christusglocke hing seit 1936 in der Bergkirche. Sie erhielt damals die Inschrift: "Dem Christus der Deutschen". Außerdem war auf ihr der verkürzte Vers 28 aus Matthäus 11 zu lesen: "Kommt her zu mir alle, ich will euch erquicken."

Kirchenglocke mit Christussymbolen
Die neue Christusglocke wird am Sonntag in der Bergkirche von Tambach-Dietharz geweiht. Bildrechte: Pfarramt Crawinkel-Wölfis

Ein schweres Erbe, das auch fünf weitere Gemeinden in Thüringen tragen. Die Kirchgemeinde in Tambach-Dietharz (Landkreis Gotha) entschied sich, die Christusglocke aus dem Jahr 1936 zu ersetzen. Das war nicht unumstritten. Es gab im Ort eine Unterschriftensammlung zum Verbleib der Glocke in Tambach-Dietharz. Doch eine Kirchenglocke läutet nicht nur zur vollen Stunde und gibt damit die Zeit an, so Pfarrer Reinhardt.

Sie lädt ein zum Gebet, zum Gottesdienst und sendet die Botschaft Christi in die Welt. Derartige Glocken-Inschriften passten nicht zu solchen Aufgaben. Eingeschmolzen werden sollte die Glocke aber nicht, sagte Pfarrer Lars Reinhardt. Sie steht seit September in der Ausstellung in Eisenach zum "Entjudungsinstitut".


Die neue Christusglocke wurde vor drei Wochen im November in Sinn im mittelhessischen Lahn-Dill-Kreis gegossen. Sie entspricht genau der Größe der alten Glocke und wiegt etwa 250 Kilogramm, so Pfarrer Reinhardt. Klanglich werde sie zu den anderen beiden Glocken, die bereits seit März 2017 wieder in der Bergkirche hängen, passen.
Die Schöpferglocke und die Vollenderglocke wurden bereits im Dezember 2015 im Rahmen der Restaurierung der Bergkirche neu gegossen in der Gießerei des Klosters Maria Laach in der Eifel. Sie wurden im September 2017 von der damaligen Landesbischöfin Ilse Junkermann geweiht.

Neue Glocke steht zunächst im Altarraum

Ab Januar erklingt die neue Christusglocke im Kirchturm der Bergkirche. Im Moment steht sie noch geschmückt im Altarraum, bevor sie sich im Kirchturm verstecken muss. So kann das neue Schmuckstück der Bergkirche erstmal noch besichtigt werden.

Die neue Christusglocke trägt den kompletten Vers Matthäus 11, 28: "Kommt her zu mir alle, die ihr müde und beladen seid, ich will euch erquicken." Den wichtigen Zwischensatz, ließen die Nazis weg, so Pfarrer Reinhardt. Er mache den Vers erst aus, passte wohl aber nicht in die damalige Ideologie.

Eine Kirchenglocke aus Tambach-Dietharz mit Nazisymbolen und Schriftzügen.
Die Nazi-Glocke von Tambach-Dietharz in der Ausstellung in Eisenach zum "Entjudungsinstitut". Bildrechte: MDR/Ruth Breer

Um den Vers noch zu unterstreichen, ziert die Glocke eine Menschenkette. Laut Reinhardt steht Christus in deren Mitte. Dargestellt werden außerdem spielende Kinder und Alte, Rollstuhlfahrer und Menschen mit Krücken.

Die Tambach-Dietharzer Kirchgemeinde ist die erste Kirchgemeinde in Thüringen, die mit der Christusglocke eine Glocke mit Inschriften aus der NS-Zeit ersetzt. Die neue Glocke wurde am 13. Dezember 2019 in Tambach-Dietharz. Finanziert wurde die neue Glocke jeweils zur Hälfte von der Landeskirche (EKM) und dem Kirchenkreis Waltershausen-Ohrdruf. Sie kostete rund 12.000 Euro.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 15. Dezember 2019 | 06:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. Dezember 2019, 14:51 Uhr

17 Kommentare

Peter W. vor 6 Wochen

Dass den Herrn Broder das Mißfallen an Hitler und seinen Nazis nicht gefällt, kann ich mir schon vorstellen. Wie Höcke wäre ihm ein verklärt-romantischer Blick auf diese "Vogelschiss"-Zeit sicherlich lieber.

Pumukl vor 6 Wochen

Erstaunlich finde ich noch immer die staatlichen Zensurrichtlinien in Ostdeutschland. Die Mauer ist zwar gefallen, doch in den Köpfen ist sie noch allgegenwärtig!

martin vor 6 Wochen

@schnibbler: Sie schreiben völlig zu Recht "...immerhin auch ein stück zeitgeschichte. alles totschweigen und verbannen halte ich kulturell gesehen für nicht zielführend."

Auch deshalb finde ich es richtig, dass die Glocke vom nicht einsehbaren Glockenturm in eine Ausstellung wandert.

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