Kunstdiebstahl 1979 Gemälde von Gotha stammen zum Teil von anderen Malern

Es war der spektakulärste Kunstdiebstahl in der DDR: Der Einbruch in ein Museum in Gotha, bei dem fünf Gemälde entwendet wurden. 2019 wurden sie zurückgegeben, seitdem in Berlin akribisch untersucht, heute erstmals öffentlich gezeigt. Fragen und Antworten.

Gemälde
Das erste Mal seit 40 Jahren wurden die gestohlenen Gemälde aus Gotha gezeigt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Was hat die Untersuchung ergeben?

Das Rathgen-Forschungslabor der Staatlichen Museen zu Berlin hat die Bilder nach ihrer Übergabe 2019 eingehend untersucht. Dabei stellte sich zum einen heraus, dass es sich bei den fünf Gemälden um jene Bilder handelt, die 1979 aus den Sammlungen des Schlosses Friedenstein in Gotha gestohlen worden waren. Es seien "fälschungssichere" Merkmale wie ihr durch röntgen ermittelter Innenzustand, das Rissnetz der Malschichten oder Restaurierungseingriffe der Vergangenheit festgestellt worden. Die Gemälderückseiten belegten Spuren ihrer Geschichte. Dazu zählten alte Inventarnummern teilweise in kyrillischer Schrift aus der Zeit nach 1945, als die Besatzungsmacht die Bilder in die Sowjetunion gebracht hatte, sowie Spuren der nach dem Diebstahl entfernten Etiketten des Schlossmuseums.

Thüringen

Nach Untersuchung Kunstdiebstahl von Gotha: Gemälde erstmals wieder gezeigt

Nach dem großen Kunstdiebstahl von Gotha waren fünf Gemälde Alter Meister 40 Jahre lang für die Öffentlichkeit nicht mehr zu sehen. Am Freitag wurden die Bilder nach einer Analyse erstmals wieder gezeigt.

Der Gothaer Oberbürgermeister Knut Kreuch vor Gemälden der niederländischen Malerei.
Der Gothaer Oberbürgermeister Knut Kreuch vor den fünf Gemälden der niederländischen Malerei, die 1979 in Gotha gestohlen und 40 Jahre später zurückgegeben worden waren. Im Beisein Kreuchs, der die Verhandlungen zur Rückgabe der Bilder geführt hat, wurden die Bilder am Freitag in Berlin erstmals seit ihrem Verschwinden wieder öffentlich gezeigt. Bildrechte: MDR/Sandra Voigtmann
Der Gothaer Oberbürgermeister Knut Kreuch vor Gemälden der niederländischen Malerei.
Der Gothaer Oberbürgermeister Knut Kreuch vor den fünf Gemälden der niederländischen Malerei, die 1979 in Gotha gestohlen und 40 Jahre später zurückgegeben worden waren. Im Beisein Kreuchs, der die Verhandlungen zur Rückgabe der Bilder geführt hat, wurden die Bilder am Freitag in Berlin erstmals seit ihrem Verschwinden wieder öffentlich gezeigt. Bildrechte: MDR/Sandra Voigtmann
Gothas Oberbürgermeister Knut Kreuch (mit Fliege) vor Beginn der Pressekonferenz in Berlin.
Kreuch, der Vizechef des Stiftungsrats der Stiftung Schloss Friedenstein ist, vor Beginn der Pressekonferenz im Berliner Sitz der Münchner Ernst-von-Siemens-Stiftung. Die Stiftung hat den zwischenzeitlichen Besitzern Anwalts- und Logistikkosten in nicht bekannter Höhe erstattet. Bildrechte: MDR/Sandra Voigtmann
Das Gemälde 'Selbstbildnis mit Sonnenblume', entstanden nach 1633, galt zunächst als Selbstporträt von Anthonis van Dyck. Offenbar handelt es sich aber um eine Darstellung des Malers durch einen anderen, bisher unbekannten Künstler.
Und das sind die Bilder, vor denen es bis zu ihrer Rückgabe nur Schwarz-Weiß-Fotos gab: Das Gemälde "Selbstbildnis mit Sonnenblume", entstanden nach 1633, galt zunächst als Selbstporträt von Anthonis van Dyck. Offenbar handelt es sich aber um eine Darstellung des Malers durch einen anderen, bisher unbekannten Künstler. Bildrechte: MDR/Rathgen-Forschungslabor der Staatlichen Museen zu Berlin
Das Gemälde 'Bildnis eines alten Mannes', entstanden nach 1632, war zunächst Jan Lievens zugeschrieben worden. Die neuere Prüfung nennt Meister Ferdinand Dol als Urheber.
Das Gemälde "Bildnis eines alten Mannes", entstanden nach 1632, war zunächst Jan Lievens zugeschrieben worden. Die neuere Prüfung nennt Meister Ferdinand Bol als Urheber. Bildrechte: MDR/Rathgen-Forschungslabor der Staatlichen Museen zu Berlin
Das Gemälde 'Heilige Katharina', entstanden um 1510, stammt von Hans Holbein dem Älteren.
Das Gemälde "Heilige Katharina", entstanden um 1510, stammt von Hans Holbein dem Älteren. Bildrechte: MDR/Rathgen-Forschungslabor der Staatlichen Museen zu Berlin
Das Gemälde 'Brustbild eines unbekannten Herrn mit Hut und Handschuhen', entstanden um 1535, stammt von Frans Hals. Bisher war es wegen scheinbarer Abweichungen der Werkstatt des Meisters zugeschrieben worden.
Das Gemälde "Brustbild eines unbekannten Herrn mit Hut und Handschuhen", entstanden um 1535, stammt von Frans Hals selbst. Bisher war es wegen scheinbarer Abweichungen der Werkstatt des Meisters zugeschrieben worden. Bildrechte: MDR/Rathgen-Forschungslabor der Staatlichen Museen zu Berlin
Das Gemälde 'Landstraße mit Bauernwagen und Kühen', entstanden um 1610, stammt auf der Werkstatt von Jan Brueghel dem Älteren.
Das Gemälde "Landstraße mit Bauernwagen und Kühen", entstanden um 1610, stammt auf der Werkstatt von Jan Brueghel dem Älteren. Bildrechte: MDR/Rathgen-Forschungslabor der Staatlichen Museen zu Berlin
Die beim Kunstraub 1979 in Gotha gestohlenen Bilder wurden am Rathgen-Forschungslabor der Staatlichen Museen zu Berlin analysiert.
UV-Fluoreszenzaufnahme des Brueghel-Gemäldes: Die Aufnahme zeigt zahlreiche Retuschen (dunkle Flecken) und bei früheren Restaurierungen nicht entfernte Firnisreste (grün/grau Schleier). In der Mitte der rechten Bildhälfte sieht man einen retuschierten und restaurierten Riss in der Holztafel. Bildrechte: MDR/Rathgen-Forschungslabor, Staatliche Museen zu Berlin, Stiftung Preußischer Kulturbesitz
Die beim Kunstraub 1979 in Gotha gestohlenen Bilder wurden am Rathgen-Forschungslabor der Staatlichen Museen zu Berlin analysiert.
Digitalmikroskopische Untersuchung der Gemäldeoberfläche des Frans-Hals-Bildes Bildrechte: MDR/Rathgen-Forschungslabor, Staatliche Museen zu Berlin, Stiftung Preußischer Kulturbesitz
Die beim Kunstraub 1979 in Gotha gestohlenen Bilder wurden am Rathgen-Forschungslabor der Staatlichen Museen zu Berlin analysiert.
Rückstände eines von den Dieben entfernten Objektschildes des Schlossmuseums Gotha auf einer Gemälderückseite Bildrechte: MDR/Rathgen-Forschungslabor, Staatliche Museen zu Berlin, Stiftung Preußischer Kulturbesitz
Die beim Kunstraub 1979 in Gotha gestohlenen Bilder wurden am Rathgen-Forschungslabor der Staatlichen Museen zu Berlin analysiert.
Vergleich von zwei Radiografien (Röntgenbildern) des Lievens/Bol, die Pinselführung der bleiweißhaltigen Partien in Weiß und die Holzstruktur (Eiche) stimmen auf beiden Bildern überein und belegen, dass es sich um dasselbe Gemälde handelt. Links: Aufnahme aus dem Archiv des Radiologen M. Meier Siem (1966, heute im Deutschen Röntgenmuseum Remscheid), rechts 2019. Bildrechte: MDR/Rathgen-Forschungslabor, Staatliche Museen zu Berlin, Stiftung Preußischer Kulturbesitz
Die beim Kunstraub 1979 in Gotha gestohlenen Bilder wurden am Rathgen-Forschungslabor der Staatlichen Museen zu Berlin analysiert.
Bildgebende UV-Lichtuntersuchung an den Gemälden im Rathgen-Forschungslabor Bildrechte: MDR/Rathgen-Forschungslabor, Staatliche Museen zu Berlin, Stiftung Preußischer Kulturbesitz
Die beim Kunstraub 1979 in Gotha gestohlenen Bilder wurden am Rathgen-Forschungslabor der Staatlichen Museen zu Berlin analysiert.
Vergleich von zwei Radiografien (Röntgenbildern) des van Dyck. Die Defekte der handwerklich hergestellten Leinwand, der Kett- und Schussfäden, sind auf beiden Bildern identisch, ebenso wie die Pinselführung der bleiweißhaltigen Partien in weiß, was belegt, dass es sich um dasselbe Gemälde handelt. Links: Aufnahme aus dem Archiv des Schlossmuseums Gotha, vor 1979, rechts 2019. Bildrechte: MDR/Rathgen-Forschungslabor, Staatliche Museen zu Berlin, Stiftung Preußischer Kulturbesitz
Gemälde
Das ist der Moment, als der Vorhang zurückgezogen wird und die Bilder für die Öffentlichkeit erstmals zu sehen sind. Nur Sekunden später balgen sich Fotografen um den besten Platz vor den Bildern für ihre Fotos. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Alle (14) Bilder anzeigen

Wer hat die Bilder gemalt?

Mitte Dezember, als die Rückgabe bekannt geworden war, hatte die Stiftung Schloss Friedenstein als Maler der Bilder fünf niederländische Alte Meister benannt: Frans Hals, Anthonis van Dyck, Jan Brueghel der Ältere, Jan Lievens und Hans Holbein der Ältere. Bei der Untersuchung stellte sich jedoch heraus, nur eine einzige Zuordnung korrekt war - im Falle von Hans Holbein dem Älteren. Das Bild von Jan Brueghel dem Älteren stammt dagegen offenbar nicht vom Meister selber, sondern von Malern aus dessen Werkstatt.

Im Falle des Bildes "Brustbild eines unbekannten Herrn mit Hut und Handschuhen", das wegen scheinbarer Abweichungen bisher der Werkstatt von Frans Hals zugeschrieben worden war, schätzen die Experten jetzt den Meister selbst als Maler ein. Das "Selbstbildnis mit Sonnenblume" ist dagegen offenbar gar kein Selbstporträt von Anthonis van Dyck, sondern eine Darstellung dieses Malers durch einen anderen, bisher unbekannten Künstler. Das Werk "Alter Mann" stammt wiederum offenbar nicht von Jan Lievens, wie bisher angenommen wurde, sondern vom Meister Ferdinand Bol.

Was sind die Bilder wert?

Der Wert der verschollenen Bilder wurde zwischenzeitlich auf bis zu 50 Millionen Euro taxiert. In der DDR-Polizeiakte steht dagegen ein Wert von 2,9 Millionen DDR-Mark, der später auf eine Million D-Mark festgelegt wurde. Bei der ersten öffentlichen Präsentation der Bilder nach der Rückgabe am Freitag wurde nun ein Versicherungswert von Millionen Euro genannt.

Welchen Weg haben die Bilder nach dem Diebstahl genommen?

Bei den Verhandlungen um die Rückgabe warteten die zwischenzeitlichen Besitzer mit einer abenteuerlichen und mittlerweile größtenteils widerlegten Erwerbsgeschichte zur Herkunft der Gemälde auf. Sie beriefen sich auf Schilderungen ihrer verstorbenen Eltern. In Westdeutschland ansässig, hätten die Eltern eine Art Lösegeld über eine Million D-Mark für die Ausreise einer in der DDR lebenden, befreundeten Familie gezahlt. Als Pfand hätten die Verwandten von nicht näher bestimmten Vertretern der Stasi die gestohlenen Gemälde erhalten. Diese Stasi-Spur erwies sich als Legende.

Das Diebesgut gelangte vermutlich erst in den 1980er-Jahren durch einen privaten Transport in den Westen. Wo genau die Bilder waren, ist noch unklar. "In Deutschland", sagt Oberbürgermeister Kreuch. Aber es gibt einige Details von Fotos. "Frans Hals hing irgendwo in einem Esszimmer." Auf Brueghel sind weiße Farbtupfer, wohl von einem Zimmeranstrich. Auf einem der Fotos sei Raufasertapete zu erkennen.

Was bekommen die "Anbieter"?

Die Erbengemeinschaft, in deren Besitz die Bilder waren, bekommt so gut wie nichts. Laut Stiftung Schloss Friedenstein übernimmt lediglich die Ernst-von-Siemens-Kunststiftung Kosten für die anwaltliche Beratung und "die Logistik im Rahmen der Abwicklung". Nach einem Bericht des "Spiegel" hatte der erste Anwalt der Erben zunächst 5,25 Millionen Euro verlangt. Diese Zahl wurde nie öffentlich bestätigt. Gothas Oberbürgermeister Knut Kreuch, der die Verhandlungen führte, korrigierte jedoch später, die Forderung habe eine Vertrauensperson der Erbengemeinschaft erhoben. Nach einem Anwaltswechsel überlassen die Erben die Bilder ohne Gegenleistung - nur mit der Aussicht auf eine nicht final verhandlete Zuwendung für ihre Auslagen.

Welchen juristischen Stand gibt es?

Für die Stiftung Schloss Friedenstein Gotha ist der Fall juristisch abgeschlossen: Sie ist nach eigenen Angaben nicht an einer strafrechtlichen Verfolgung der zwischenzeitlichen Besitzer interessiert. Diese seien "weder unmittelbar noch mittelbar am seinerzeitigen Diebstahl beteiligt" gewesen. Das strafrechtliche Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft und des LKA Berlin läuft jedoch weiter. Laut Spiegel soll gegen den Anwalt der Erbengemeinschaft und den sogenannten Einlieferer ermittelt werden, der die Bilder übergeben hatte.

Was geschieht nun mit den Bildern?

Die fünf Bilder sollen nach der Präsentation nach Gotha gebracht und ab Montag (20. Januar) bis Sonntag im Herzoglichen Museum gezeigt werden. Danach sollen die Bilder restauriert werden. Für 2021 ist eine umfassende Ausstellung geplant.

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version des Beitrags hieß es, dass die Gemälde weniger Wert seien. Diese Aussage bezog sich auf eine von mehreren Schätzungen. Im Vergleich zu anderen Angaben etwa aus den Akten der Polizei liegt der aktuelle Versicherungswert aber nicht darunter. Wir haben den Text mit entsprechenden Informationen ergänzt.

Quelle: MDR THÜRINGEN/seg

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 17. Januar 2020 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 17. Januar 2020, 17:08 Uhr

1 Kommentar

sieg55-steff54 vor 4 Wochen

Nicht,daß ein begnadeter W.Beltracci die selbst ernannten Kunstexperten wieder hinters Licht geführt hat.

Mehr aus der Region Gotha - Arnstadt - Ilmenau

Mehr aus Thüringen

Thüringen

Panoramaweg 1 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Baustart für den Panoramaweg zum Petersberg in Erfurt: Der neue barrierefreie Zugang soll die Besucher in Schleifen vom Domplatz auf den Berg führen.

MDR THÜRINGEN Mo 17.02.2020 19:00Uhr 00:25 min

https://www.mdr.de/thueringen/mitte-west-thueringen/erfurt/video-buga-erfurt-petersberg-panoramaweg-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Thüringen

Erhitztes, glühendes Glas in der Farbglashütte Lauscha 1 min
Bildrechte: MDR/THÜRINGEN JOURNAL

Die Elias Farbglashütte in Lauscha ist in eine Stiftung überführt worden. Für die Mitarbeiter und die Stadt ist das eine außerordentlich gute Nachricht.

Mo 17.02.2020 16:00Uhr 00:47 min

https://www.mdr.de/thueringen/sued-thueringen/sonneberg/video-elias-farbglashuette-lauscha-stiftung-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video