Kriminalfall Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Kunstdiebstahl in Gotha

Es ist ein spektakulärer Kriminalfall: In Gotha sind zu DDR-Zeiten fünf Gemälde alter Meister gestohlen worden. Jetzt sind sie wieder aufgetaucht. Die wichtigsten Fragen und Antworten zu dem aufsehenerregenden Kunstdiebstahl.

Das Gemälde "Selbstbildnis mit Sonne" von Anthonis van Dyck
"Selbstbildnis mit Sonne" von Anthonis van Dyck gehört auch zu den fünf wieder aufgteauchten Gemälden aus Gotha. Bildrechte: MDR/Stiftung Schloss Friedenstein

Welche Bilder verschwanden bei dem Kunstdiebstahl in Gotha?

Es handelt sich um die Werke "Brustbild eines jungen Mannes" von Frans Hals, "Landstraße mit Bauernwagen und Kühen" von Jan Brueghel dem Älteren, "Selbstbildnis mit Sonnenblume" von Anthonis van Dyck, "Alter Mann" von Jan Lievens sowie von Hans Holbein dem Älteren "Heilige Katharina". Die Bilder wurden aus drei Räumen offenbar gezielt ausgewählt, denn die wertvollen Cranach-Bilder, die nebenan hingen, wurden nicht mitgenommen.

Wann wurden die Bilder aus Schloss Friedenstein gestohlen?

Dass die in Gotha gestohlenen Gemälde wieder aufgetaucht sind, wird fast genau 40 Jahre nach dem Diebstahl aus Schloss Friedenstein bekannt: Die fünf Werke verschwanden in der Nacht zum 14. Dezember 1979 aus der Gemäldegalerie. Seitdem wurde vergeblich nach ihnen gesucht. Es war der größte Kunstdiebstahl der DDR.

Thüringen

Gotha Diese Gemälde alter Meister sind wieder da

Das Gemälde "Alter Mann" von Jan Lievens
Das Werk "Alter Mann" von Jan Lievens gelangte unter Ernst II. nach Gotha. Das Gemälde ist eine Rembrandt-Kopie. Das Original befindet sich heute in der Sammlung der Universität Harvard in den USA. Bildrechte: MDR/Stiftung Schloss Friedenstein
Das Gemälde "Alter Mann" von Jan Lievens
Das Werk "Alter Mann" von Jan Lievens gelangte unter Ernst II. nach Gotha. Das Gemälde ist eine Rembrandt-Kopie. Das Original befindet sich heute in der Sammlung der Universität Harvard in den USA. Bildrechte: MDR/Stiftung Schloss Friedenstein
Das Gemälde "Brustbild eines unbekannten Herrn mit Hut und Handschuhen" von Frans Hals
Das "Brustbild eines unbekannten Herrn mit Hut und Handschuhen" ist ein Werk des Niederländers Frans Hals und seiner Werkstatt. Bildrechte: Stiftung Schloss Friedenstein
Das Gemälde "Heilige Katherina" von Hans Holbein dem Älteren
Die "Heilige Katherina" von Hans Holbein dem Älteren entstandt um 1509/1510. Dargestellt ist vermutlich die Tochter eines 1478 hingerichteten Ratsherrn. Bildrechte: MDR/Stiftung Schloss Friedenstein
Das Gemälde "Selbstbildnis mit Sonne" von Anthonis van Dyck
Das "Selbstbildnis mit Sonnenblume" von Anthonis van Dyck. Bei dem Werk handelt es sich um eine Kopie des 1632 bis 1633 entstandenen Selbstportraits. Das Original befindet sich in der privaten Sammlung des Duke of Westminster. Bildrechte: MDR/Stiftung Schloss Friedenstein
Das Gemälde "Landstraße mit Bauernwagen und Kühen" von Jan Brueghel dem Älteren
Die "Landstraße mit Bauernwagen und Kühen" von Jan Brueghel dem Älteren kam unter Herzog Ernst II. von Sachsen-Gotha-Altenburg in die Kunstkammer. Bildrechte: Stiftung Schloss Friedenstein
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Was ist bisher über die Täter und den Tathergang bekannt?

Vermutlich sind es zwei Täter, die offenbar mithilfe von Steigeisen an der Dachrinne des Westflügels in die zweite Etage von Schloss Friedenstein gelangen und dort ein ungesichertes Fenster einschlagen. Ein Feuchtigkeitsmelder registriert den Temperaturabfall - weshalb der Tatzeitpunkt auf etwa 2:30 Uhr nachts eingegrenzt werden kann. Das Museum verfügte zwar über eine Alarmanlage - nur funktionierte sie damals noch nicht. In der Eile ließen die Täter zwei der handgefertigen "Steigeisen" am Tatort zurück. Die kriminaltechnische Untersuchung ergab, dass die eingesetzten Materialien weder in der DDR, noch im Wirtschaftsbereich des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) zum Einsatz kamen. Die tatsächliche Herkunft der Materialien blieb ungeklärt. Über die Täter wird immer wieder spekuliert: Kommen Sie aus dem Westen? Oder steckt die Stasi-Firma "Kommerzielle Koordinierung" hinter dem Diebstahl? Immerhin haben die fünf Bilder damals einen Wert von fast fünf Millionen West-Mark.

Wo waren die Bilder in den vergangenen Jahren und wie sind sie jetzt wieder aufgetaucht?

Vieles rund um den Kunstdiebstahl von 1979 liegt noch im Dunkeln. Bislang ist unklar, wo die fünf Werke zwischenzeitlich lagerten. Eine Spur führt nach Westdeutschland. Bei einer Sonderkommission "Alte Meister" des Landeskriminalamtes in Berlin soll es nach MDR THÜRINGEN-Informationen 1984 die letzten Hinweise gegeben haben.

Im Juli 2018 trat eine Erbengemeinschaft über einen Anwalt an die Stiftung Schloss Friedenstein heran - mit dem Hinweis, die Bilder seien in ihrem Besitz. Wie sie dahin gelangten, ob sie tatsächlich echt sind und ob es noch andere Vorbesitzer gab, ist bislang nicht bekannt.

Im Sommer 2018 begannen der damalige Stiftungsratsvorsitzende, Gothas Oberbürgermeister Knut Kreuch, und die Ernst von Siemens Kunststiftung mit den Verhandlungen. Der besagte Anwalt soll sich zunächst mit Kreuch allein getroffen und ihm Fotos der Gemälde gezeigt haben. Der Oberbürgermeister sagt, er habe damals Gänsehaut gehabt, als er die Aufnahmen sah - als erster Gothaer nach fast 40 Jahren. Nach weiteren Verhandlungen wurden die Bilder dann Ende September 2019 übergeben. Geld floss nach Angaben von Kreuch nicht, zunächst sollen die Werke analysiert werden.

Wann sind die Bilder wieder in Gotha?

Die gestohlenen Bilder befinden sich derzeit im Rathgen-Forschungslabor der Staatlichen Museen Berlin. Dort werden sie auf ihre Echtheit überprüft. Die Untersuchungen sind auf etwa drei Monate angelegt, also etwa bis zum Jahreswechsel. Ob sie danach zurück nach Gotha kommen, ist allerdings alles andere als sicher.

Die Stiftung Schloss Friedenstein blieb in den vergangenen 40 Jahren nach eigener Auffassung stets rechtlich Eigentümerin der Bilder, auch wenn sich die Bilder nicht in ihrem Besitz befanden. Durch die Übergabe der Bilders, so die Stiftung, befinden sich diese wieder in Besitz und Eigentum der rechtmäßigen Eigentümer. Die Stiftung gab an, dass sich ihre Rechtspositionen "fundamental" von der der Verhandlungspartner unterscheiden.

Der Diebstahl von 1979 ist im Jahr 2009 verjährt. Die Ernst von Siemens Stiftung und die Stiftung Schloss Friedenstein sind nach eigenen Angaben weiterhin an einer gütlichen Lösung des Falles interessiert: Die Erbengemeinschaft verlangt offenbar gut fünf Millionen Euro, die Gotha aber nicht bereit ist zu zahlen. Einspringen könnte die Siemens-Stiftung - aber auch sie sieht nur zehn bis 15 Prozent des Marktwertes als übliche Ablöse an. Nach Angaben von Oberbürgermeister Knut Kreuch gibt es eine Vereinbarung, wonach "ein Betrag" zu zahlen ist. Sollte das Geld nicht aufgebracht werden können, sollen die Gemälde wieder zurückgehen. Eine Ausstellung der alten Meister in der Thüringer Residenzstadt wird es also wohl erst geben, wenn sich die Bilder als echt herausstellen und sich alle Parteien auf Summe einigen können.

Quelle: MDR THÜRINGEN/maf,sv

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 06. Dezember 2019 | 19:00 Uhr

2 Kommentare

IM Larve vor 42 Wochen

Geld und Machtgeile Kapitalisten aus Westdeutschland kommen auch infrage.
Die Gier nach etwas, was der andere nicht hat, das war in der DDR zu dem Zeitpunkt noch nicht so ausgeprägt.
Aber heute ist es genauso.

pkeszler vor 42 Wochen

Der Stasi ist alles zuzutrauen. Sie wollte wohl die Bilder zu Geld machen? Wer kommt sonst infrage, die Bilder in den Westen, in das damalige Ausland, zu bringen?

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