Akten der Volkspolizei Der Kunstdiebstahl von Gotha: Das ungesicherte Schloss

Fünf alte Meister-Gemälde wurden vor 40 Jahren aus dem Schloss in Gotha gestohlen. Ende 2019 tauchten sie wieder auf. Doch der Diebstahl von damals ist noch immer ungeklärt. Aus alten Akten der Volkspolizei, die MDR THÜRINGEN eingesehen hat, wird deutlich: Ausreichend gesichert waren damals weder die wertvollen Gemälde noch das Gebäude selber.

von Ludwig Kendzia

Blick ins Museum Schloss Friedenstein in Gotha nach dem Kunstraub von 1979
Blick ins Museum Schloss Friedenstein in Gotha nach dem Kunstdiebstahl von 1979. Bildrechte: MDR/BStU

Es war der einsame Kampf des Heinz Wiegand. Ein Kampf um die Sicherheit einer der wertvollsten Gemäldesammlungen in Europa. 1973 wird der ehemalige Lehrer und Historiker Chef der Gothaer Museen und damit auch des Schlosses in der Residenzstadt. Gleich zu Beginn seiner Amtszeit trommelte Wiegand seine Mitarbeiter zu einer Besprechung zusammen. Thema: die Sicherheit der wertvollen Kunstsammlung und des gesamten Gebäudes. Denn obwohl sich Gotha hinter dem Eisernen Vorhang mitten im Überwachungsstaat DDR befand, so war Wiegand offenbar alarmiert. Immer wieder hatte es Kunstdiebstähle im sozialistischen Ostdeutschland gegeben. Doch seine Mitarbeiter sahen das 1973 scheinbar nicht so wie ihr Chef. Keiner habe sich bei der Besprechung vorstellen können, dass es jemand wage, aus einem staatlichen Museum der DDR ein Gemälde zu stehlen, so Wiegand damals.

Geheime Akte nach Ost-Berlin

Vermerkt ist diese Aussage von ihm in einem internen Protokoll des Volkspolizeikreisamtes Gotha, kurz nach dem spektakulären Kunstdiebstahl vom 14. Dezember 1979. Das Dokument bezieht sich auf eine Zeugenvernehmung von Wiegand, bei der er auch zur Sicherheit im und um das Schloss befragt wurde. Nur wenige Monate danach geht eine geheime Akte über das Sicherheitsthema an das mächtige Ministerium des Inneren (MdI) nach Ost-Berlin. Das Konvolut, das MDR THÜRINGEN einsehen und auswerten konnte, ist eine Auflistung von Verwaltungsversagen, Fehleinschätzungen von Parteifunktionären und den Folgen sozialistischer Planwirtschaft in der ehemaligen DDR. Es ist aber auch das Dokument des einsamen Kampfes von Heinz Wiegand, der seit seinem Amtsantritt 1973 getrieben war von der Sorge, dass die wertvolle Gemäldesammlung im Residenzschloss schutzlos war.

Thüringen

Gotha Spektakulärer Kunstdiebstahl: Diese Gemälde alter Meister sind wieder da

1979 wurden fünf Gemälde alter Meister aus dem Schlossmuseum in Gotha gestohlen. Lange blieb das als "Kunstraub von Gotha" bekannt gewordene Verbechen ungeklärt. 40 Jahre später sind die Werke wieder aufgetaucht.

Das Gemälde "Alter Mann" von Jan Lievens
Das Werk "Alter Mann" von Jan Lievens gelangte unter Ernst II. nach Gotha. Das Gemälde ist eine Rembrandt-Kopie. Das Original befindet sich heute in der Sammlung der Universität Harvard in den USA. Bildrechte: MDR/Stiftung Schloss Friedenstein
Das Gemälde "Alter Mann" von Jan Lievens
Das Werk "Alter Mann" von Jan Lievens gelangte unter Ernst II. nach Gotha. Das Gemälde ist eine Rembrandt-Kopie. Das Original befindet sich heute in der Sammlung der Universität Harvard in den USA. Bildrechte: MDR/Stiftung Schloss Friedenstein
Das Gemälde "Brustbild eines unbekannten Herrn mit Hut und Handschuhen" von Frans Hals
Das "Brustbild eines unbekannten Herrn mit Hut und Handschuhen" ist ein Werk des Niederländers Frans Hals und seiner Werkstatt. Bildrechte: Stiftung Schloss Friedenstein
Das Gemälde "Heilige Katherina" von Hans Holbein dem Älteren
Die "Heilige Katherina" von Hans Holbein dem Älteren entstandt um 1509/1510. Dargestellt ist vermutlich die Tochter eines 1478 hingerichteten Ratsherrn. Bildrechte: MDR/Stiftung Schloss Friedenstein
Das Gemälde "Selbstbildnis mit Sonne" von Anthonis van Dyck
Das "Selbstbildnis mit Sonnenblume" von Anthonis van Dyck. Bei dem Werk handelt es sich um eine Kopie des 1632 bis 1633 entstandenen Selbstportraits. Das Original befindet sich in der privaten Sammlung des Duke of Westminster. Bildrechte: MDR/Stiftung Schloss Friedenstein
Das Gemälde "Landstraße mit Bauernwagen und Kühen" von Jan Brueghel dem Älteren
Die "Landstraße mit Bauernwagen und Kühen" von Jan Brueghel dem Älteren kam unter Herzog Ernst II. von Sachsen-Gotha-Altenburg in die Kunstkammer. Bildrechte: Stiftung Schloss Friedenstein
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Schloss Friedenstein war nicht umzäunt

Da war die fehlende Umzäunung des Geländes. Als Heinz Wiegand sein Amt als Direktor antrat, war sie zwar Teil der sozialistischen Bauplanung für den Kreis Gotha, allein es fehlte die Umsetzung. Bis Mitte der 1970er-Jahre, so ist es aus der Innenministeriums-Akte zu entnehmen, kamen die Arbeiten nur schleppend voran. Mal fehlte das Material, mal musste die damals zuständige Produktionsgenossenschaft des Handwerks (PGH) "Schlosserhandwerk Waltershausen" ihre Arbeiten immer wieder einstellen. Grund laut Akte: ein wichtiger Auftrag "an einem Objekt zur Landesverteidigung". Die Vopo-Genossen aus dem Bezirk Erfurt vermerkten in dem Bericht an ihre Bosse in Ost-Berlin nüchtern, dass es sich bei dem "Objekt zur Landesverteidigung" um ein Erholungsheim des Obersten Gerichtshofes der DDR im Thüringer Wald handelte. Der Bau der Freizeiteinrichtung für die Top-Juristen hatte offenbar einen höheren Stellenwert als die Sicherheit des Schlosses in Gotha. Zur Tatzeit Mitte Dezember 1979, so heißt es in der Akte, habe es nur zwei Tore gegeben und einige Teile des Zauns seien fertig gewesen. Damit lag das Gebäude schutzlos offen.

Keine Lampen für die Außenbeleuchtung am Schloss

Da war die fehlende Außenbeleuchtung. Wiegand hatte schnell erkannt, dass ausreichend Licht auf dem Gelände potenzielle Einbrecher abschrecken würde. Der Auftrag für einen Bau der Außenbeleuchtung lief seit 1977, doch es passierte so gut wie nichts. Auch in den folgenden zwei Jahren kam es zu keinem Aufbau. Zwar wurden die Beleuchtungsmasten geliefert, aber keine Lampen. So blieb es auf dem Gelände rund um das Schloss so gut wie dunkel.

Da war der Kampf um den Einbau einer Alarmanlage. Bereits Mitte der 1970er-Jahre hatte Wiegand eine Firma in Dresden ausfindig gemacht, die eine solche Anlage bauen könnte. Doch auch hier stand die sozialistische Planwirtschaft den Sicherheitsbedenken des Museumsdirektors im Weg. Erst musste Gotha jahrelang warten, dann wurden nur Teile der Anlage geliefert, aber für den Einbau musste Wiegand eigene Leute suchen.

Kampf um Telefonleitung zur Volkspolizei in Gotha

Dann wurde die Anlage zuerst im Ostflügel installiert. Hintergrund war, dass sich dort vor der Fassade des Gebäudes ein großes Trafohäuschen befand, über das Gangster leicht einsteigen konnten. Die später gestohlenen Alten Meister hingen aber im Westflügel.

Dann stellte sich heraus, dass es keine Telefonleitung zur Gothaer Volkspolizei vorhanden war, die im Falle eines Einbruchs automatisch informiert worden wäre. Wiegand intervenierte und beschwerte sich mehrfach, bis hoch zu Genossen in der Abteilung Kultur im Rat des Bezirks Erfurt. Doch laut der späteren Volkspolizeiakte erhielt er nicht einmal eine Antwort auf seine Briefe. Die gesamte Alarmanlage im Schloss wurde dann auch erst 1980 fertig, da war der Diebstahl schon passiert. Erst im Nachgang wurde ganz schnell eine Telefonleitung zum zuständigen Volkspolizeikreisamt Gotha freigemacht. Dafür wurde eine alte Reserveleitung des DDR-Zivilschutzes genutzt.

"Heilige Katherina" von Hans Holbein dem Älteren von 1509/1510.
Die "Heilige Katherina" von Hans Holbein dem Älteren von 1509/1510 gehört zu den fünf Gemälden die nach Gotha zurückkehren. Bildrechte: MDR/ Stiftung Schloss Friedenstein

Wachpersonal zu wenig und zu alt

Außerdem fehlte Wachpersonal im Schloss. Wiegand hatte bereits kurz nach seinem Start als Museums-Direktor bei den zuständigen staatlichen Stellen um mehr Wachleute und mehr Wachhunde gebeten. Doch auch das jahrelang ohne Erfolg. In der Akte an das Ministerium des Inneren wird vermerkt, dass Wiegand mehrfach daraufhin gewiesen hatte, dass die Männer zum Schutz des Gebäudes zu wenige und zu alt seien. Sie waren fast alle über 65 Jahre und verdienten sich als Rentner noch etwas dazu.

Doch selbst nach dem Raub im Dezember 1979 stellte der Staat nicht mehr Wachleute zur Verfügung. Ganz im Gegenteil, es wurde sogar Personal in andere Bereiche versetzt. Das sorgte dann selbst auf höchster Ebene für Unruhe. Am 21. November 1980 ging ein Brandbrief an den damaligen Vorsitzenden des Rats des Bezirks Erfurt, Richard Gothe. Verfasst hatte ihn Generalmajor Gerhard Wittig, damals Chef der Volkspolizei im Bezirk. Wittig schreibt: "Der Abzug von planmäßig eingesetzten Kräften führt zur Nichtdurchführung von Sicherungsmaßnahmen." Doch da war es bereits zu spät: Die fünf wertvollen Gemälde waren gestohlen und sollten die kommenden 40 Jahre verschwunden bleiben.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 15. Januar 2020 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. Januar 2020, 07:05 Uhr

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