Vor 100 Jahren: Rechter Terror in Mechterstädt

Der Name des thüringischen Dorfes Mechterstädt steht für rechtsterroristische Morde, begangen vor fast 100 Jahren - und für einen der großen Justizskandale der frühen Weimarer Republik. Am 25. März jährt sich das Massaker.

Die Geschichte dieser Morde beginnt 1919 in Marburg in Hessen. Die Studenten der Universität sind hier mehrheitlich Gegner der Weimarer Demokratie. Viele von ihnen haben im Ersten Weltkrieg als Offiziere gekämpft. In der Niederlage von 1918 und der darauf folgende Revolution sehen sie eine Schmach, die gerächt werden muss.

Am 25. März 1920 wurden fünfzehn Männer aus der Gemeinde Thal, heute ein Ortsteil von Ruhla, von Marburger Studenten ermordet. 52 min
Bildrechte: Adelheid Schulze/Heimatstube Mechterstädt

Als im Herbst 1919 der sozialdemokratische Reichswehrministers Gustav Noske die Anweisung gibt, im ganzen Land Zeitfreiwilligen-Einheiten zu bilden, ergreifen die Studenten die Gelegenheit. Etwa 1.150 schließen sich zusammen und bilden den "Studentenkorps Marburg", kurz "StuKoMa". Eigentlich wollte Noske mit dieser Anweisung zum Schutz der Republik beitragen, doch in Marburg hilft sie den Feinden der Demokratie sich zu bewaffnen. Sie bekommen Waffen aus Reichswehrbeständen, mit denen sie militärische Übungen durchführen und sich auf einen Umsturz vorbereiten.

Der Kapp-Putsch wird zum Auslöser

Wolfgang Kapp
Putschist Wolfgang Kapp starb 1922 in Leipzig kurz vor seinem Prozess an den folgen einer Operation. Zuvor hatten Ärzte Krebs diagnostiziert. Bildrechte: IMAGO

Dann kommt der Kapp-Putsch: Am 13. März 1920 marschieren die Generäle Walther von Lüttwitz und Erich Ludendorff mit ihrer "Brigade Erhardt" ins Berliner Regierungsviertel ein und zwingen den sozialdemokratischen Reichspräsidenten Friedrich Ebert zur Flucht. Der deutsch-nationale Beamte Wolfgang Kapp soll neuer Kanzler werden. Im entfernten Marburg sehen die Studenten ihre Zeit gekommen.

Das "StuKoMa" stellt sich sofort auf die Seite der Putschisten. Intern wird der ehemalige Reichswehroffizier und völkische Schriftsteller Bogislav von Selchow zum Anführer gewählt. Gemeinsam planen sie die militärische Übernahme der Stadt Marburg. Doch bevor es zur Ausführung des Plans kommt, ist der Kapp-Putsch schon niedergeschlagen. Am 17. März schreibt von Selchow enttäuscht in sein Tagebuch: "Schwarz-rot-gold, die Juden, die Kapitalisten, die Liberalisten, die Versailles-Unterzeichner, diese ganze elende knechtische Brut hatte gesiegt."

Doch dann kommt ein Gerücht auf, dass in Thüringen Arbeiterwehren als "rote Armeen" die Gegend unsicher machen und eine Machtübernahme von links vorbereiten. Die Studenten des "StuKoMa" wollen das verhindern. Bewaffnet und uniformiert brechen ungefähr 2.000 Mann am 20. März in Richtung Eisenach und Gotha auf.

Arbeiter entwaffnen Kapps Unterstützer

Tatsächlich haben sich im sozialdemokratisch regierten Thüringen Arbeiterwehren gebildet. Kurz nachdem der Kapp-Putsch niedergeschlagen ist, ruft am 19. März die USPD geführte Regierung in Gotha dazu auf, die Anhänger der Putschisten zu entwaffnen. Diesem Aufruf folgen ungefähr 50 Arbeiter aus Bad Thal bei Ruhla. Sie ziehen in die Nachbardörfer, dringen in die Häuser mutmaßlicher Kapp-Anhängern ein, beschlagnahmen Waffen, quittieren die Mitnahme und liefern die Waffen beim Bürgermeister in Thal ab.

"Auf der Flucht erschossen"

Tage später, am 24. März kommen 60 Abgesandte des "StuKoMa" mit zwei LKWs und mehreren Maschinengewehren in Bad Thal an. Die angeblichen "Rädelsführer des spartakistischen Aufstandes" sind da schon längst zu ihren Familien nach Hause zurückgekehrt. Trotzdem durchkämmt das "StuKoMa" den Ort und nimmt ungefähr 40 Arbeiter fest. Nach einem Verhör werden die meisten freigelassen, doch 15 verbleiben in Gefangenschaft. Sie müssen die Nacht im benachbarten Sättelstädt verbringen, wo sie ins Spritzenhaus der dortigen Feuerwehr eingesperrt werden.

Am frühen Morgen des 25. März ereignet sich der Massenmord. Das "StuKoMa" lässt die Gefangenen zum Transport antreten. Angeblich will man sie nach Gotha führen und vor ein Militärgericht stellen. Doch dann fallen Schüsse im dichten Morgennebel. Alle 15 Arbeiter werden auf der Straße von Sättelstädt nach Mechterstädt erschossen, "auf der Flucht", wie die Studenten später aussagen werden.

Auf einem historischen Foto sind viele Menschen bei einer Beerdigung zu sehen und ein Redner
Große Anteilnahme bei der Beerdigung der 15 toten Arbeiter in Mechterstädt. Bildrechte: Schulze/Heimatstube Mechterstädt

Weimarer Gesinnungsjustiz

Im Juni 1920 werden 14 tatbeteiligte Studenten wegen Totschlags vor ein Marburger Kriegsgericht gestellt und – freigesprochen. Es gibt im Dezember eine Berufungsverhandlung vor einem Schwurgericht in Kassel und zwei Jahre später noch ein Revisionsverfahren vor dem Reichsgericht in Leipzig. Doch das Urteil bleibt unverändert: Alle Täter kommen ungeschoren davon. Ein Fall von Gesinnungsjustiz, wie er in der Weimarer Republik häufiger vorkam.

Offenbar gehörten einige Staatsanwälte und Richter den gleichen Studentenverbindungen und rechtsextremen Bünden an wie die Angeklagten. Es wurde im großen Stil gemauschelt und geschoben. Zum Beispiel verschwand ein Foto der Leichen aus den Gerichtsakten, das bewiesen hätte, dass alle Opfer durch Nahschüsse in Hinterkopf oder Nacken hingerichtet worden waren. Belastende Zeugenaussagen wurden unterschlagen oder nachträglich in den Prozessunterlagen gefälscht.

Spätes Gedenken in Marburg

Kurt Tucholsky, der damals als Journalist die Prozesse verfolgte, schrieb später für die Weltbühne das bitterböse "Marburger Studentenlied". In diesem heißt es:

An einer Mauer ist eine moderne Tafel zu sehen, auf der die Uni Marburg an die Mordtat von Studenten der Uni in Thüringen erinnert
Gedenktafel an der Uni Marburg. Bildrechte: MDR/Lorenz Hoffmann

Uns tut kein deutscher Richter nichts
und auch kein Staatsanwalte.
Die Schranken unsres Kriegsgerichts
der liebe Gott erhalte!

Seit dem 1. Mai 1921 erinnert auf dem Friedhof in Thal, wo die ermordeten Arbeiter beigesetzt wurden, ein Gedenkstein an die Morde von Mechterstädt. Erst im April 2019, beinahe ein Jahrhundert nach den Ereignissen, wurde auch an der alten Universität in Marburg eine Bronzetafel eingeweiht.

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Quelle: MDR THÜRINGEN/ask

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Feature: Das Massaker von Mechterstädt | 25. März 2020 | 22:00 Uhr

2 Kommentare

kleinerfrontkaempfer vor 26 Wochen

100 Jahre später eine Gedenktafel. Nicht schlecht aber auch ein Armutszeugnis der Extraklasse doitscher Geschichtsbewältigung.
Die Kenntnisse und das Wissen über die politischen Vorgänge in der 1. Weltkriegszeit und den Vorgängen danach dürften heute sehr rudimentär oder gar nicht vorhanden sein.

W.S. vor 27 Wochen

Mir hat mein Opa, damals 6 Jahre alt, erzählt, wie die Arbeiter aus Thal den elterlichen Bauernhof mit Waffengewalt ausgeraubt haben. Trotzdem hat er mit dem Handwagen geholfen die Leichen zusammen zu fahren. Jede Medaille hat 2 Seiten.

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