Neubau des Landeskriminalamtes in Erfurt
Das Thüringer Landeskiminalamt in Erfurt. Bildrechte: IMAGO

Terrorfahndung in Thüringen Neue Hinweise zu verdächtigem Syrer

Vor Weihnachten wird ein junger Syrer in Gewahrsam genommen. Das Thüringer Landeskriminalamt hält ihn für einen Unterstützer der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in Deutschland. Doch es fehlen endgültige Beweise. Nun gibt es Hinweise auf Drogen- und Waffenhandel.

von Axel Hemmerling und Ludwig Kendzia

Neubau des Landeskriminalamtes in Erfurt
Das Thüringer Landeskiminalamt in Erfurt. Bildrechte: IMAGO

Das italienische Restaurant liegt in einem ruhigen Gässchen des lauschigen Ortes im Landkreis Gotha. Das Thüringer Landeskriminalamt will den Namen der kleinen Gemeinde lieber nicht in den Medien lesen. Zu groß ist die Sorge, dass die Menschen in und um den betreffenden Ort in Angst und Panik geraten. Denn dort wohnt und arbeitet ein junger Mann, der je nach Lesart der einen oder anderen deutschen Sicherheitsbehörde entweder der Kopf oder der Logistiker einer islamistischen IS-Zelle sein soll. Aber offiziell ist Abdullah M. (*Name geändert) Mitarbeiter in diesem kleinen netten italienischen Restaurant.

Im Visier von Polizei und Geheimdienst

Ein Mann auf einer Wiese. Das Gesicht und Teile des Bildes wurden unkenntlich gemacht.
Der mutmaßliche Kontaktmann des IS in Thüringen. Bildrechte: MDR

Doch inzwischen ist Abdullah M. ins Visier von Polizei und Geheimdiensten geraten. Er steht im Verdacht, zu einem bundesweiten IS-Unterstützernetzwerk zu gehören. Doch bisher reichten die Beweise für eine Festnahme des syrischen Flüchtlings nicht aus - obwohl die Hinweise sich immer mehr verdichten, dass M. kein unbeschriebenes Blatt sein könnte. Das geht, nach Recherchen von MDR THÜRINGEN, aus den Auswertungen von Handys und Computern hervor, die bei M. gefunden wurden.

So soll er unter anderem seit Monaten hohe Geldbeträge von mehreren tausend Euro auf Konten in Syrien und den USA transferiert haben. Bisher ist völlig unklar woher Abdullah M. das Geld hat. Möglicherweise aus einem kriminellen Netzwerk, in das er seit seiner Flucht verstrickt sein könnte. So könnten die Gelder aus dem Drogenhandel stammen, lautet eine Vermutung. Auch ist nicht auszuschließen, dass die Finanztransfers mit dem Handel von Waffen zusammenhängen. In diesen soll, so heißt es aus Sicherheitskreisen, Abdullah M. im türkisch-syrischen Grenzgebiet verwickelt gewesen sein. Ein hoher Fahnder fasst es so zusammen:

An dem Burschen ist was dran, nur was genau, das bleibt die Frage?

Inzwischen ist der Fall Abdullah M. keine rein Thüringer Angelegenheit mehr. Bereits am 17. Dezember 2017, also sechs Tage bevor der 22-Jährige in Gewahrsam genommen wurde, gab es eine erste Koordinierung zwischen Bundes- und Landesbehörden. Denn M. steht seit seiner Ankunft in Deutschland 2015 im Kontakt mit anderen potentiellen Islamisten, die verdächtigt werden, die Terrorgruppe IS zu unterstützen. Dass der Fall von bundesweiter Bedeutung ist, zeigt eine vertrauliche Konferenz in Berlin am 18. Januar dieses Jahres. In Berlin-Treptow befindet sich das Terrorabwehrzentrum von Bund und Ländern. An diesem Januartag treffen sich dort fast 40 Terrorfahnder von Bundeskriminalamt und den Landeskriminalämtern aus Thüringen, dem Saarland, Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg. Auch Terror-Analysten des Bundesamtes für Verfassungsschutz und weitere Länder-Verfassungsschutzämter sind bei dem geheimen Treffen dabei. Dort wird klar, den "rauchenden Colt" - also einen klaren Beweis für eine aktive Terrorzelle - hält man bisher nicht in den Händen.

Konferenz in Terrorabwehrzentrum: Netzwerk von Abdullah M. wird deutlich

Das Bundesamt für Verfassungsschutz in Köln, 2014
Das Bundesamt für Verfassungsschutz. Bildrechte: dpa

Doch das Netzwerk von Abdullah M. und seinen Freunden wird bei dieser Konferenz deutlicher. Die meisten von ihnen stammen angeblich aus dem syrischen Ort Deir ez-Zor am Euphrat im Osten des Bürgerkriegslandes. Traurige Berühmtheit erlangte die Stadt durch ein Massaker der Terrormiliz IS. 2014 wurden dort 700 Menschen, die alle zum arabischen Stamm der Schuʿaitat gehörten, hingerichtet. Erst knapp drei Jahre später wurde die Stadt nach langen Kämpfen vom IS befreit. Da war M. nach seiner Flucht bereits zwei Jahre in Thüringen.

Abdullah M. und seine Kontaktleute sind inzwischen in ganz Deutschland verstreut. Sie halten weiterhin Verbindung nach Syrien. Das geht aus den Auswertungen von tausenden Telefondaten hervor. Aber auch zu anderen Syrern, die in Europa und den USA leben. Immer wieder sollen sich Hinweise finden, dass Abdullah M. eher aus dem kriminellen Milieu kommt. "Doch das schließt einen Kontakt oder gar Hilfe für Terroristen nicht aus", so ein Staatsschützer gegenüber MDR THÜRINGEN.

In den Behörden wird die Nervosität in den Wochen um Weihnachten nun von einer gewissen Ratlosigkeit abgelöst. Noch immer wird mit enorm hohem Aufwand auf allen Ebenen die Nadel im Heuhaufen gesucht. Noch immer ist kein greifbares Ergebnis da. Dass die Zeit drängt, machen die aktuellen Festnahmen in Sachsen und Berlin deutlich. Auch dort gehen Terrorfahnder dem Verdacht nach, dass mit möglichen kriminellen Geschäften der islamistische Terror unterstützt werden soll. Sollte sich das bestätigen, so der Staatsschützer, wäre das eine neue Qualität für Deutschland.

Wie das Landeskriminalamt am Mittwoch mitteilte, dauert die "Erkenntnisverdichtung" im Fall des Syrers weiter an. Derzeit handele es sich noch um einen sogenannten Gefahrenabwehrsachverhalt in Bearbeitung des LKA. Momentan sei geplant, über die Staatsanwaltschaft Gera einen aktuellen Sachstand an den Generalbundesanwaltschaft zu übersenden, ob der Anfangsverdacht einer Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung im Ausland bestehe. Weitere Informationen wollte das LKA nicht mitteilen.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 14. Februar 2018 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. Februar 2018, 19:00 Uhr

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22 Kommentare

16.02.2018 20:02 Eulenspiegel 22

„Vor Weihnachten wird ein junger Syrer in Gewahrsam genommen.Das Thüringer Landeskriminalamt hält ihn für einen Unterstützer der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in Deutschland. Doch es fehlen endgültige Beweise. Nun gibt es Hinweise auf Drogen- und Waffenhandel.“
Seit rund 2 Monaten sucht man nach Beweisen. Und welche Beweise hat man?
„Ein hoher Fahnder fasst es so zusammen:
An dem Burschen ist was dran, nur was genau, das bleibt die Frage?“
Auf gut Deutsch. Man hat nicht den geringsten Beweis gegen diesen Mann in der Hand. Und es könnte auch alles ganz anders sein.
Seine Heimatstadt Deir ez-Zor war vor dem Krieg eine blühende Stadt. Es gab diverse Öl-Fördergebiete, zum Teil mit erster Raffinierung vor Ort. Außerdem wurde Viehzucht und Ackerbau mit Bewässerung betrieben. Nun ist alles zerstört. Die ganze Stadt ist ein Trümmerfeld. Alle Kirchen und Moscheen sind zerstört.

16.02.2018 09:04 Bryan Brewster 21

Nicht festnehmen sondern ausweisen - für ewig

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