Wartburgkreis Völkershausen: 30 Jahre nach dem Gebirgsschlag

13. März 1989 - an diesen Tag erinnern sich viele Menschen in der Thüringer Rhön genau. Eine Sprengung im Kalibetrieb hatte einen Gebirgsschlag ausgelöst. Am schlimmsten traf er den Ort Völkershausen. Geblieben sind die Erinnerungen - und ein eher untypisches Rhöndorf.

von Ruth Breer

Zwei Männer mit gelbem Helm vor zerstörter, bröckelnder Hausfassade 1 min
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13. März 1989. Um 14:02 Uhr geschah es: Zehn, zwölf Sekunden, länger hat es nicht gedauert. Der Fußboden bewegte sich in Wellen, berichten Zeitzeugen, im Treppenhaus wurden sie von einer Seite zur anderen geworfen oder fielen vom Sofa. Schornsteine stürzten auf die Straße, Mauern brachen ein, Giebel lösten sich. Nach diesen wenigen Sekunden lag Völkershausen im Südwesten Thüringens, nahe der Grenze zur BRD, um etwa einen Meter tiefer als zuvor.

Staubwolke über Völkershausen

Über dem Ort habe eine Staubwolke gestanden, erinnern sich Zeitzeugen. Das Beben mit einer Stärke von 5,6 auf der Richterskala war selbst in Magdeburg und Frankfurt am Main zu spüren. Die Menschen stürzten in Panik aus den Häusern ins Freie. "Es sah aus wie im Krieg", schildert Otto-Gerd Lotz seinen Eindruck, als er an dem Tag in sein Heimatdorf zurückkehrte. Wie durch ein Wunder kam niemand ums Leben.

3 Männer, einer mit wenig Haar, einer graues Haar und einer blondes vor Häuserfront 3 min
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Gebirgsschlag Völkershausen Der große Schlag

Der große Schlag

Zwölf Sekunden lang bebte vor 30 Jahren die Erde in Völkershausen. Häuser gerieten ins Wanken, Dachstühle brachen zusammen. Die damals dabei waren, haben die Bilder noch heute im Kopf.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Do 07.03.2019 08:52Uhr 02:41 min

https://www.mdr.de/thueringen/west-thueringen/wartburgkreis/gebirgsschlag-audio-zeitzeugen100.html

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Kalibergbau an der Grenze der Sicherheit

Mann zeigt auf ein Landkarte
Lothar Armbrust, K+S Kali GmbH. Damals lautete der Name des Bergwerks "Ernst Thälmann". Bildrechte: MDR THÜRINGEN

Was war passiert? Eine Routine-Sprengung im Kaliwerk "Ernst Thälmann" in Merkers hatte ein Abbaufeld von etwa zwei mal drei Kilometern Ausdehnung einstürzen lassen. 800 Meter unter der Erde waren rund 3.200 Stützpfeiler eingeknickt, eine Kettenreaktion. Die DDR-Behörden sahen die Ursache dafür in der Laugenversenkung der hessischen Kali-Industrie.

Doch war das Problem hausgemacht: Um möglichst effektiv den Devisenbringer Kalisalz abzubauen, waren Stützpfeiler nur halb so dick stehengelassen worden, wie eigentlich erforderlich. "Strategie der dynamischen Gebirgsbeherrschung" hieß das. Der Bergbau war an die Grenze der Sicherheit herangefahren, und das war schiefgegangen. Nicht zum ersten Mal: Gebirgsschläge hatte schon 1961 unter Merkers, 1975 unter Sünna die Erde beben lassen.

Nach dem großen Unglück die große Hilfe

Das Risiko ahnten auch die Menschen in der Region, von denen viele in der Kaliindustrie arbeiteten. Um ihrem Unmut zu begegnen - schließlich standen sowohl die Kommunalwahlen wie auch der 40. Jahrestag der Republik bevor - bot die DDR-Regierung sehr schnell eine große Hilfsaktion für Völkershausen auf:

Blick auf alte Zeitung mit Schlagzeile 3 min
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Gebirgsschlag Völkershausen Die große Hilfe

Die große Hilfe

Schon kurz nach dem Beben liefen die Hilfsaktionen an: unbürokratisch und mit vielen helfenden Händen. Zeitzeugen erinnern sich.

MDR THÜRINGEN - Das Radio So 10.03.2019 05:00Uhr 03:24 min

https://www.mdr.de/thueringen/west-thueringen/wartburgkreis/gebirgsschlag-audio-zeitzeugen102.html

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Soldaten und Bautrupps aus der ganzen Republik wurden in das Rhöndorf beordert. Versicherungen zahlten unbürokratisch für das Verlorene, berichten Zeitzeugen. Es gab auf einmal alles, was sonst knapp war: Baumaterial, Bananen und Farbfernseher. Fast alle Häuser waren beschädigt, rund 50 wurden abgerissen. Darunter auch die Kirche, das Schloss und viele historische Fachwerkhäuser. Am Ortsrand wurden Mehrfamilienhäuser und ein neuer Kindergarten gebaut, Eigenheime in Fertigteilbauweise errichtet.

Modernes Dorf mit vielen Neubauten

Ein aufgeklapptes Buch mit Fotos von zerstörten Gebäuden
Die Kirche war so baufällig, dass sie abgerissen werden musste. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wer heute nach Völkershausen fährt, stellt schnell fest, dass dieses Dorf anders aussieht als andere in der Rhön. Es gibt nur noch wenige der typischen Fachwerkhäuser, viele Neubauten und einige Baulücken. Völlig verändert der Ortskern: den Friedensplatz prägen zwei Flachbauten, in denen ein Laden und Arztpraxen untergebracht sind. Ein moderner Neubau ist auch die Kirche. Wie Völkershausen vor dem Gebirgsschlag aussah, das zeigen alte Fotos in Schaukästen. Manch einer im Ort bezweifelt, dass tatsächlich so viele Häuser und das Schloss hätten abgerissen werden müssen.

Bürgermeister Stefan Schramm sagt, das sei für die Bautrupps damals eben einfacher gewesen, heute würde man historische Bausubstanz viel eher erhalten. Früher sei es "dörflicher, enger und gemütlicher" gewesen, meint Mike Steinhauer, der zahlreiche Dokumente zu dem Gebirgsschlag zusammengestellt hat. Otto-Gerd Lotz sagt, der Ort sei moderner geworden. Das sehen auch andere so und verweisen auf neue Straßen und das Ortszentrum. Vom Wiederaufbau habe Völkershausen letztlich auch Positives gehabt, sagt eine Frau.

Kirchturm, bei dem die Spitze herunterfällt 2 min
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Gebirgsschlag Völkershausen Völkershausen HEUTE

Völkershausen HEUTE

Nach dem Beben wurde "aufgeräumt". Die Bagger beseitigen stark beschädigte Gebäude. Darunter das Schloss und die Kirche. Die Modernisierung stößt nicht nur auf Freude.

MDR THÜRINGEN - Das Radio So 10.03.2019 18:00Uhr 02:04 min

https://www.mdr.de/thueringen/west-thueringen/wartburgkreis/gebirgsschlag-audio-zeitzeugen104.html

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Zusammenhalt und Unstimmigkeiten

Und was hat der Gebirgsschlag mit den Menschen gemacht? Viele mögen gar nicht mehr reden über das Unglück vor 30 Jahren, zu schmerzhaft sei das. Völkershausen habe in der Katastrophe gut zusammengehalten, die Hilfsbereitschaft sei groß gewesen, erzählen andere Zeitzeugen.

Das hat den Ort gestärkt.

Manche berichten aber auch von Unstimmigkeiten. Wo viel verteilt wurde, fühlte sich offenbar nicht jeder immer gerecht behandelt. Für den Sonntag nach dem Jahrestag hat Mike Steinhauer in die Kirche eingeladen zu einem Bürgerforum. Dort sollen alle ihre Erinnerungen austauschen können und gemeinsam an den Tag vor 30 Jahren zurückdenken, als um 14:02 Uhr wenige Sekunden ausreichten, um ein ganzes Dorf zu verändern.

Mann mit Bart 2 min
Mik Bildrechte: MDR THÜRINGEN

Das Beben vor 30 Jahren hat sich in die Erinnerung gegraben. Mike Steinhauer hat die Geschehnisse im Dorf in einem Gedicht verarbeitet.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Fr 08.03.2019 13:09Uhr 01:42 min

https://www.mdr.de/thueringen/west-thueringen/wartburgkreis/gebirgsschlag-audio-zeitzeugen106.html

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Wartburgkreis Gebirgsschlag vor 30 Jahren verändert Völkershausen

Ein kurzer Moment veränderte die Geschichte eines ganzen Dorfes. So sieht der 1.200-Einwohner-Ort Völkershausen heute aus.

Ortsschild Völkershausen
Für das Rhön-Dorf Völkerhausen brachte der 13. März 1989 eine neue Zeit: Bei einer Sprengung in der Kaligrube "Ernst Thälmann" brach eine ganze Abbaufläche zusammen. Bildrechte: MDR THÜRINGEN
Ortsschild Völkershausen
Für das Rhön-Dorf Völkerhausen brachte der 13. März 1989 eine neue Zeit: Bei einer Sprengung in der Kaligrube "Ernst Thälmann" brach eine ganze Abbaufläche zusammen. Bildrechte: MDR THÜRINGEN
Mann mit Brille zeigt auf eine Karte
Heute wird das Kalibergwerk von der K+S Kali GmbH betreut. Karl-Heinz Heinemann zeigt den Ort des damaligen Geschehens. Bildrechte: MDR THÜRINGEN
Zwei Männer mit gelbem Helm vor zerstörter, bröckelnder Hausfassade
Der "Gebirgsschlag" im alten Bergwerk hinterließ im Dorf Völkerhausen große Zerstörung. 80 Prozent der Häuser wiesen Schäden auf. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Kirchturm, bei dem die Spitze herunterfällt
In Häuserwänden klafften Risse, der Kirchturm war einsturzgefährdet. Statt zu reparieren, wurde großzügig abgerissen. Darunter viele historische Gebäude. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Kirchengebäude modern im Sonnenlicht
Kirche und Pfarrhaus wurden wieder aufgebaut. Dafür flossen auch Spenden aus dem Westen. Bildrechte: MDR THÜRINGEN
graubeige Häuser mit Satelittenschüsseln und Balkon
Für die Bewohner von Völkershausen gab es viel Hilfe und - für DDR-Verhälnisse - ungewöhnlich unbürokratischen Beistand. Mit vereinten Kräften, auch der NVA, entstanden neue Häuser. Weil Fertigbauteile verwendet wurden, verlief der Bau schnell. Bildrechte: MDR THÜRINGEN
gepflasterter Platz mit Baum und Flachbauten,Bushaltestelle
Die frei entstandenen Flächen, die modernen Fassaden in der Ortsmitte haben das Rhöndorf sehr verändert. Bildrechte: MDR THÜRINGEN
Tafel mit schwarzweiß Fotos und altes Schloss
Infotafeln im Ort erinnern heute daran, was durch den Gebirgsschlag im März 1989 "verloren" ging. Darunter das Schloss im Ort, das von einigen im Ort auch vermisst wird. Bildrechte: MDR THÜRINGEN
altes Fachwerkhaus frisch saniert
Vereinzelt gibt es Zeugnisse vom alten Baustil in den Rhöndörfern. Ein gut saniertes Fachwerkhaus. Bildrechte: MDR THÜRINGEN
Steinstele mit Schriftszug Gebirgsschlag
Eine Stele im Ort erinnert an die wenigen Sekunden vor 30 Jahren, die Völkershausen verändert haben. Bildrechte: MDR THÜRINGEN
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Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Fazit | 10. März 2019 | 18:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. März 2019, 06:00 Uhr

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2 Kommentare

10.03.2019 13:53 part 2

@1, ebenso wie in der Medienlandschaft und Politik der real existierenden Demokratie, denn mehr Schein als Sein gab es schon immer, in allen Gesellschaftsordnungen.

10.03.2019 09:26 Aufgeblasenes Deutsch 1

" Strategie der dynamischen Gebirgsbeherrschung "

Wenn die SED etwas konnte,
dann mit bombastischem Wortgeklingel die Wahrheit verdrehen.

Das Erbe ist dort heute noch bei den völkischen Gruppierungen aller Art zu beobachten.

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Ein Bagger steht auf den Gleisen. 1 min
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