Corona und Insolvenz JD Norman macht Werke dicht - Hunderte Mitarbeiter verlieren Job

Autorenbild Ruth Breer
Bildrechte: MDR/Daniela Dufft

Die Automobilindustrie war schon vor der Corona-Krise gebeutelt. Dass es derzeit noch schwieriger ist, verlässliche Zusagen für die Zukunft zu bekommen, hat jetzt der insolvente Zulieferer JD Norman im Industriegebiet Kindel bei Eisenach erfahren: Der Insolvenzverwalter fand keinen Investor, das Werk muss schließen. Die IG Metall beklagt den weiteren Arbeitsplatzabbau in der Region und fordert Hilfe vom Land.

Beschäftigte stehen mit einem selbstgebauten Sarg vor dem Werk von JD Norman.
JD Norman hat die Schließung seiner Werke angekündigt, die Eisenacher Belegschaft versammelte sich zum Protest. Bildrechte: MDR/Ruth Breer

Einen schwarzen Sarg tragen sie vor dem Demonstrationszug her - mit roten Aufklebern des vorherigen Unternehmens: Die "Rege Motorenteile" hatte vor 22 Jahren das Werk auf dem Kindel bei Eisenach neu gebaut. Anfang 2017 allerdings ging der Betrieb in Insolvenz. Ein Jahr später der Neustart mit einem jungen US-Investor als JD Norman Germany GmbH. Aber auch der scheiterte nach knapp zwei Jahren. Nun das endgültige Aus. Produziert wird nur noch bis Ende September, alle bekommen die Kündigung: 450 Mitarbeiter auf dem Kindel und 150 weitere im Werk im hessischen Witzenhausen.

JD Norman: Fehlmanagement und Desinteresse?

Viele haben es kommen sehen. Es sei mit den neuen US-Investor nur noch bergab gegangen, sagt eine Frau. Man habe immer noch gehofft, aber nun… Hart sei das, sagt ein Mann, der seit 22 Jahren auf dem Kindel arbeitet. Enttäuschend, meint ein anderer. Warum das Aus kam? "Durch Fehlmanagement, E-Mobilität und Desinteresse der Politik trauern wir um 450 Arbeitsplätze", heißt es auf einem großen Transparent im Demonstrationszug. Das Management sei weit weg gewesen, das Unternehmen habe "nur vor sich hin gedümpelt", berichten mehrere Mitarbeiter. Einige geben dem Hauptkunden VW eine Mitverantwortung. Für Volkswagen sei immer alles rechtzeitig produziert worden, notfalls sieben Tage die Woche rund um die Uhr - aber nun habe VW das Werk "hängen lassen", erzählt ein Mann. Corona sei sicher auch mit Schuld, sagt ein anderer und eine Frau ergänzt, es sei zuletzt Vieles zusammengekommen.

Schwierige Suche nach Investoren in der Insolvenz

Rund neun Monate hat Insolvenzverwalter Holger Leichtle nach einem Investor für die beiden Werke auf dem Kindel und im hessischen Witzenhausen gesucht. Die Ausgangsposition war schwierig: Ein Unternehmen, das vor allem Motorenteile für klassische Verbrenner herstellt, musste sich der Strukturwandel hin zur Elektromobilität behaupten. Dazu die zweite Insolvenz, leere Kassen, ein veralteter Maschinenpark. Trotzdem war Leichtle zwischenzeitlich sehr zuversichtlich. Die Produktivität wurde gesteigert, die Maschinenlaufzeiten verlängert, Abläufe wurden effizienter. Mehr als 500 Investoren wurden angesprochen, bei mehreren habe es ernsthaftes Interesse geben. Sie hätten mit den Kunden verhandelt über garantierte Abnahmemengen und höhere Preise. Die Forderungen wären ohnehin schwierig zu akzeptieren gewesen für die Kunden, sagt Leichtle, dann aber sei zusätzlich noch Corona gekommen. In dieser Situation hätten sich die Kunden entschieden, sich nicht auf die "erheblichen Forderungen der Investoren für die Zukunft" einzulassen. Daraufhin sprangen auch die Investoren ab.

Insolvenzverwalter Holger Leichtle vor dem Werk von JD Norman
Insolvenzverwalter Holger Leichtle hat das Aus für JD Norman verkündet. Bildrechte: MDR/Ruth Breer

Geld fehlt für Weiterbetrieb bei JD Norman

Da das Unternehmen derzeit aber hohe Verluste erwirtschaftet, kann es ohne Investor und ohne Geld nicht fortgeführt werden. Nach Leichtles Angaben wären Investitionen in siebenstelliger Höhe notwendig. Immerhin konnte die sogenannte "Fortführungsvereinbarung" mit den Hauptkunden um zwei Monate verlängert werden. Sie sichert Lohnzahlungen und Produktion jetzt bis Ende September. Er bedauere das Ende sehr, sagt der Insolvenzverwalter und lobt den "enormen Einsatz" und die "sehr engagierte Belegschaft". Trotz aller Unsicherheiten sei termingerecht und qualitativ hochwertig gearbeitet worden.

Gewerkschaft: 3.500Arbeitsplätze in der Branche verloren

Bitter ist das Aus nicht nur für die Mitarbeiter, sondern auch für die Region. "Westthüringen säuft ab", hatte die IG Metall als "Zukunftsprognose" auf ihr Transparent geschrieben. Der Erste Bevollmächtigte der Gewerkschaft in Eisenach, Uwe Laubach, sieht seine Warnungen bestätigt. Seit fünf Jahren mache die IG Metall auf den Strukturwandel in der Automobil- und Zulieferbranche aufmerksam, auf den hohen Preisdruck, den die Hersteller auf die Zulieferunternehmen ausübten. Der Region Westthüringen, die so sehr von der Branche abhänge, drohe im schlimmsten Fall die De-industrialisierung, so Laubach.

Uwe Laubach von der IG Metall spricht zu Demonstranten bei JD Norman.
Uwe Laubach von der IG Metall sprach zu den Demonstranten bei JD Norman. Bildrechte: MDR/Ruth Breer

Innerhalb der vergangenen Jahre sind nach seinen Angaben 3.500 Arbeitsplätze bei Auto- und Zulieferfirmen verlorengegangen. Und JD Norman werde sicher nicht der letzte Fall sein, befürchtet Laubach. Er appellierte an die Landesregierung, sich mehr Gedanken um die Region Westthüringen zu machen. Es müsse ein Zukunftsbild entwickelt werden mit industriellen Alternativen jenseits der Autobranche.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Das Fazit vom Tag | 25. Juni 2020 | 18:00 Uhr

50 Kommentare

Baldur von Ascanien vor 6 Wochen

So ist es in der freien Marktwirtschaft halt, ich kann niemand zwingen mir Arbeit zu geben. Da hatte der Karl Eduard schon recht. Aber vor 30zig Jahren wollte DAS keiner hören........

lobo56 vor 6 Wochen

Wo wie erklärt ??
Es sind unternemerische Entscheidungen, die das Ergebnis zur Folge oder auch beabsichtigt haben.
Das einer Landesregierung zuzuschieben, egal welcher, ist einfach nur falsch.

lobo56 vor 6 Wochen

Was für ein Unsinn. Die "Regierung ", d.h. die Politik hat über Jahre,viel zu lange , die Autoindustrie gefördert .
Das Erdöl nicht unbegrenzt zur Verfügung steht ist bekannt. Wir können natürlich auch weiterhin Verbrenner produzieren, die in 10 Jahren keiner mehr kauft. Warum fahren wir nicht mehr nur Zweitakter ? Weil die Entwicklung weitergeht...

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