Nach dem Busunglück von Berka vor dem Hainich Betroffene auf dem Weg zurück in die Normalität

Bei einem Schulbusunglück im nördlichen Wartburgkreis sind zwei achtjährige Kinder ums Leben gekommen. Für die Schulgemeinschaft und die betroffenen Dörfer war das ein unfassbarer Schock. Eine Schulpsychologin berichtet, wie Kindern und Eltern rund um die Grundschule in Berka vor dem Hainich in den vergangenen Tagen geholfen wurde, das Geschehene zu verarbeiten.

Am stärksten beeindruckt haben Susanne Fink die Kinder. Nachdem ihr Schulbus von der glatten Straße gerutscht war und sich überschlagen hatte, seien sie "selbst organisiert" und in Gruppen zur Schule gelaufen, hätten unterwegs an Häusern geklingelt, um Hilfe zu holen. Ein Junge habe Pflaster aus seinem Ranzen geholt und verteilt. Die leitende Schulpsychologin des Schulamtes Westthüringen berichtet auch, dass Eltern ruhig und besonnen auf das Unglück reagiert hätten. Sie gehörte zu den vielen Helfern, die am Vormittag des 23. Januar in der Schule eintrafen: Polizisten und Feuerwehrleute, Notärzte und Sanitäter, Notfallseelsorger und Schulpsychologen, dazu Vertreter von Behörden.

In der Gemeinschaft Stärke geben

Susanne Fink
Susanne Fink Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Am ersten Tag sei es vor allem darum gegangen, "Hilfe, Zuspruch und Wärme" zu vermitteln, sagt Susanne Fink. Die Kinder aus dem Bus seien in Krankenhäuser der Region verteilt worden. Die anderen Mädchen und Jungen wurden zum Teil von den Eltern abgeholt, andere blieben in der Schule. Ein Elternbrief ging noch am gleichen Tag raus mit der Bitte, die Kinder, wenn möglich, am Freitag wieder in die Schule zu schicken: damit sie über das Erlebte sprechen können. Es helfe, "sich in Gemeinschaft gegenseitig Stärke zu geben", sagt Susanne Fink. Am Freitag gingen Viererteams in die vier Klassen: die vertraute Klassenlehrerin als Bezugsperson, ein Polizist, um zu informieren und Sicherheit auszustrahlen - dazu jeweils ein Notfallseelsorger und ein Schulpsychologe.

Trauerrituale

Es sei in solchen Situationen ganz wichtig, an die Stärken der Kinder anzuknüpfen, sagt Susanne Fink, sie zurückhaltend zu begleiten und aufzunehmen, was sie möchten - und ihnen nichts aufzudrängen. Die Kinder schrieben Briefe, malten Bilder, bemalten Steine. Sie besprachen, wo in der Schule an die beiden verstorbenen Mitschüler Erik und Florentine erinnert werden soll. Bei einer Andacht in der Kirche stellten sie Kerzen auf. Einige hatten den Wunsch, die Unglücksstelle zu besuchen.Trauerrituale, die helfen, die schwierige Situation zu begreifen.

Einige der Kinder aus dem Bus hätten im Krankenhaus auch den Busfahrer besucht, erzählt Fink, er sei ihr Lieblingsbusfahrer. Seelsorger und Psychologen standen aber auch für die Fragen der Eltern bereit. Die wichtigste Botschaft: Jedes Verhalten ihrer Kinder ist eine ganz normale Reaktion auf ein völlig abnormales, trauriges Ereignis. Stille Kinder reden auf einmal wie ein Wasserfall, muntere Kinder schweigen. Eltern registrieren Stimmungsschwankungen oder auch Aggressionen. Das alles darf sein, sagt die Psychologin.

Wieder mit dem Bus zur Schule

Bereits am Montag nach dem Unglück waren bis auf ein Mädchen alle Kinder aus dem Krankenhaus wieder zurück in der Schule. Die Klassen hätten die betroffenen Kinder aus Bischofroda in ihrer Mitte aufgenommen, es sei viel erzählt worden, berichtet Fink. Erneut gingen Schulpsychologen mit in die Gruppen. In der am stärksten betroffenen zweiten Klasse, die mit Erik und Florentine zwei Mitschüler verloren hat, war zusätzlich ein Notfallseelsorger dabei.

Im Lauf der Woche zogen sich die Helfer allmählich zurück. Zwei bis drei ihrer Mitarbeiter seien noch präsent gewesen - und auch weiter ansprechbar, sagt die Schulpsychologin, auch wenn sie nicht mehr vor Ort sind. Die Kinder aus Bischofroda fahren wieder mit dem Bus zur Schule. Das ist wichtig, um kein "Vermeidungsverhalten" aufzubauen, heißt es. Sie werden von einer Sozialpädagogin begleitet, die die Kinder in Berka über die Straße leitet. Auch einige Eltern sind anfangs im Bus mitgefahren. Die Schule geht jetzt Schritt für Schritt zum normalen Unterricht über. Das, so sagt Susanne Fink, wünschten sich auch die Kinder.

Dank an die vielen Helfer

Die Grundschule, so berichtet die Schulpsychologin, wolle allen danken, die bei diesem schlimmen Vorfall geholfen haben, Briefe geschickt oder ihre Solidarität anders gezeigt haben - wie beispielsweise ein Cateringunternehmen, das Essen brachte. Auch die Kirche habe ihren Teil beigetragen, in der Seelsorge und mit der Andacht am Freitag in Bischofroda. Die Zusammenarbeit aller Helfer beschreibt Susanne Fink als reibungslos. Es sei ein schlimmer Vorfall gewesen, sagt sie. Aber zu sehen, wie Ehrenamtliche und Profis ihre Verantwortung gemeinsam wahrgenommen hätten, das sei auch ergreifend gewesen.

Quelle: MDR THÜRINGEN/dr

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 25. Januar 2020 | 06:00 Uhr

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