Ländlicher Raum Warum die Zukunft von Steinbach am Stammtisch entschieden wird

Zweimal bereits hat sich der Bad Liebensteiner Ortsteil Steinbach in Thüringen erfolgreich am Wettbewerb "Unser Dorf hat Zukunft" beteiligt. Jetzt schickt der Freistaat das Bergdorf ins Rennen um den europäischen Dorferneuerungspreis. Dabei setzen die Steinbacher auf ihren Zusammenhalt und die Ideen ihres "Zukunftsstammtisches".

Autorenbild Ruth Breer
Bildrechte: MDR/Daniela Dufft

von Ruth Breer

Im "Messerstübchen" rücken sie zusammen, bis alle rund 35 Menschen Platz gefunden haben, Jung und Alt dicht an dicht. Das Stübchen mitten in Steinbach ist eine Mischung aus Dorfladen, Bäckerei und Gaststätte. Auf den Tischen stehen Teller mit Fettbroten, dazu gibt es Bier. Zum Auftakt wird angestoßen, dann geht’s los.

Der Bad Liebensteiner Bürgermeister Michael Brodführer moderiert, aber jeder kann kommen und mitreden - Stammtisch eben. Es wird auch mal lauter, nicht immer sind sich alle einig. Trotzdem arbeitet die Runde in mehr als zwei Stunden viele Themen ab, es werden Arbeitsgruppen gebildet, Termine vereinbart, Argumente ausgetauscht. Es ist bereits das 21. Treffen des Zukunftsstammtischs, der im Juni 2017 gegründet wurde. Viele, die dort sitzen, sind ohnehin schon in einem oder mehreren der 14 Vereine des Ortes aktiv – vom Wintersport bis zum Karneval.

Die Gaststätte "Messerstübchen" in Steinbach, einem Orteil von Bad Liebenstein im Wartburgkreis.
Die Gaststätte "Messerstübchen" in Steinbach von außen. Bildrechte: MDR/Ruth Breer

Mit Wasserrad und Jugendanger gegen Einwohnerschwund

Die Runde soll die "Gegenbewegung" schaffen zum jahrelangen Abwärtstrend, sagt der Bürgermeister. In den letzten zwei Jahrzehnten sank die Zahl der Einwohner um ein Viertel auf rund 1.100. Das Bergdorf am Thüringer Wald hat viele Probleme: schwierige Hanglagen, schlechte Infrastruktur, Industriebrachen und Leerstand. Der Zukunftsstammtisch geht dagegen an: Hier werden Ideen besprochen, wie der Ort wieder attraktiver werden kann, damit junge Leute bleiben oder sogar hierher ziehen. Nach zweieinhalb Jahren ist einiges bereits umgesetzt: die Heimatstube wurde umgestaltet, Geld in den Kindergarten investiert. Es gibt Bankpatenschaften, damit die Sitzgelegenheiten im Ort in Schuss bleiben – und eine Mitfahrbank als Alternative zum Nahverkehr.

Die Mitfahrbank in Bad Liebenstein-Steinbach
Die Mitfahrbank in Bad Liebenstein-Steinbach Bildrechte: Carola Kampfmeier/Stadt Bad Liebenstein

Wasserrad erzeugt Energie für Straßenbeleuchtung

Das größte Projekt ist das Steinbacher Wasserrad. Es liefert die Energie für rund 90 Prozent der Straßenlaternen im Dorf. Andere Vorhaben sind angeschoben, zum Beispiel der "Jugendanger". Nachdem ein Förderverein einen schönen Kinderspielplatz geschaffen hatte, soll jetzt Raum für junge Leute geschaffen werden – mit einem Basketballkorb, einer Hütte vielleicht oder einem kleinen Strand am Bach. Dafür hat die Stadt ein zugewachsenes und ungenutztes Grundstück neben dem Kindergarten gekauft. Der Förderverein kann es jetzt beräumen. Erworben hat die Stadt auch ein leerstehendes Gebäude am Markt. Es soll zurückgebaut werden, um den Platz im Ortskern zu vergrößern – damit dort wieder mehr Veranstaltungen stattfinden können. Mehr Leben ins Dorf, so das Ziel.

Dieses Wasserrad in Steinbach im Wartburgkreis produziert Strom für die Straßenlaternen.
Das Wasserrad in Steinbach im Wartburgkreis produziert Strom für die Straßenlaternen. Bildrechte: MDR/Ruth Breer

Zusammenhalt im Dorf ist gewachsen

Der Stammtisch wirkt, macht auf Steinbach aufmerksam und motiviert, sagt Bürgermeister Brodführer. Der Zusammenhalt im Dorf ist gewachsen, bestätigen die Teilnehmer. Als Zugereister habe ihr die Runde geholfen, im Ort anzukommen und sich zuhause zu fühlen, sagt eine Frau. Und ein junger Mann hebt die Vielseitigkeit hervor: "Hier finden sich zu einem Thema Leute zusammen, die sich vorher nicht kannten, und bringen es voran. Es gibt nicht nur eine Idee, sondern viele. Die klappen nicht alle, aber wenn nur zwei-drei funktionieren, dann haben wir schon gewonnen." Eine Zukunft für Steinbach, damit wollen sie jetzt auch im europäischen Wettbewerb überzeugen.

Warum der Satz "Die Welt retten" für Gelächter sorgt

"Lokale Antworten auf globale Herausforderungen", so lautet das Motto des Wettbewerbs in diesem Jahr, erklärt Stadtsprecherin Stefanie Kießling am Stammtisch. "Im Prinzip wollen die wissen, was Steinbach dazu beiträgt, die Welt zu retten", sagt sie und erntet Gelächter. Jetzt gehe es darum, die bereits vorhandenen Projekte den einzelnen Bewertungskriterien zuzuordnen – wie Umgang mit Ressourcen, Mobilität, regionale Wertschöpfung. Auch dazu wird eine Arbeitsgruppe eingesetzt. Sie soll die schriftliche Bewerbung unterstützen, die bis Mitte Februar vorliegen muss, und den Besuch der Jury im Frühsommer vorbereiten.

Preis wird in Österreich verliehen

Bis Juli soll das Ergebnis bekannt gegeben werden, im Herbst wird der Preis bei einem Fest in Oberösterreich verliehen. Dabei verzichtet die Gemeinde auf externe Hilfe. Sie setzt keinen Planer oder Projektmanager ein, sondern vertraut auf die Erfahrungen der Vorjahre beim Wettbewerb "Unser Dorf hat Zukunft". Es sei sinnvoller, die Dorfgemeinschaft zu aktivieren, sagt Stadtsprecherin Stefanie Kießling, die in Steinbach wohnt. "Wir können das gut selbst stemmen."

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 10. Januar 2020 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. Januar 2020, 14:37 Uhr

1 Kommentar

Gute Idee vor 12 Wochen

Sehr gute Aktion

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Dr. Sandmann (Luca Zamperoni, h.M.), Christian (Francis Fulton-Smith, 2.v.l.), . Tanja (Christina Athenstädt, 3.v.l.), Clara (Lisa-Marie Koroll, l.), Paul (Julian König, r.), Charlotte (Anne Sophie Triesch, 3.v.r.), Rosalie (Nelly Hoffmann, v.M.) und Piwi (Meo Wolf, 2.v.r.) blicken in die Kamera. + Audio
Dr. Sandmann (Luca Zamperoni, h.M.) hat grünes Licht gegeben: Christian (Francis Fulton-Smith, 2.v.l.) darf das Krankenhaus verlassen. Tanja (Christina Athenstädt, 3.v.l.), Clara (Lisa-Marie Koroll, l.), Paul (Julian König, r.), Charlotte (Anne Sophie Triesch, 3.v.r.), Rosalie (Nelly Hoffmann, v.M.) und Piwi (Meo Wolf, 2.v.r.) freuen sich und holen Christian gemeinsam ab. Bildrechte: ARD/Volker Roloff

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