Einigung nach langjährigem Streit Wartburgkreis: Hotelier übernimmt Keltendorf in der Rhön

Autorenbild Ruth Breer
Bildrechte: MDR/Daniela Dufft

Einst lebten Kelten in der Rhön. Daran erinnern Wanderwege, aber auch ein kleines Keltendorf, das vor rund 15 Jahren am Öchsenberg bei Sünna im Wartburgkreis aufgebaut wurde. Bei Festen und Erlebnistagen konnten sich die Besucher in die Zeit vor rund 2.500 Jahren versetzen lassen. Seit vier Jahren aber liegt das Keltendorf wegen eines Streits zwischen Grundstückseigentümer und Gemeinde im Dornröschenschlaf. Das könnte sich demnächst wieder ändern.

Eine Reihe kleiner Handwerkerhäuser rund um einen Platz.
Eine Reihe kleiner Handwerkerhäuser rund um den Platz. Bei Festen wurde dort in den vergangenen Jahren Handwerk vorgeführt. Bildrechte: MDR/ Ruth Breer

Silbrig ragen die mächtigen Palisaden in den blauen Himmel: Hohe Holzpfähle umgeben das Dorf, ein Wehrturm ragt heraus. Durch ein Torhaus geht es hinein in eine verwunschene Welt: niedrige Häuser mit tief herabgezogenen Dächern umrahmen einen Platz mit einer überdachten Feuerstätte. Die Fassaden aus einfachem Fachwerk sind mit Lehm verschmiert, die kleinen Fensteröffnungen mit Tierhaut bezogen. Dazwischen halboffene Werkstätten mit Schmiedeamboss oder mit Mahlstein und Backofen. An einigen Stellen bröckelt der Lehm. Seitlich am Hang verbindet Weidengeflecht niedrige Holzpflöcke: Ein Kräutergarten, der offenbar schon länger nicht mehr gepflegt wurde. Oberhalb des Platzes ein größeres Gebäude, das Langhaus. Es ist derzeit verschlossen. Außer Vogelgezwitscher ist kaum etwas zu hören.

Keltendorf ist bei freiem Eintritt geöffnet

Für Besucher ist das Keltendorf in Sünna täglich geöffnet, der Eintritt frei. Am Eingang hängt eine Spendenkasse. Auf einigen Informationstafeln können sich die Gäste über die Kelten informieren, die einst in der Rhön lebten und Spuren ihrer Besiedlung hinterließen. "Wirklich sehr schön", sagte eine ältere Dame aus Sachsen, die sich gemeinsam mit Tochter und Schwiegersohn die Gebäude anschaut. "Ruhiger als sonst" sei es, stellt der Schwiegersohn fest. Das ist es schon einige Jahre.

Ein Gebäude aus Holz als Zutrittstor zum Keltendorf.
Der Zutritt ins Dorf ist täglich von 10 bis 18 Uhr möglich, der Eintritt ist kostenfrei, es wird um eine Spende gebeten. Rechts daneben das Langhaus. Bildrechte: MDR/ Ruth Breer

Auf privatem Grund

Der Nachbau eines keltischen Dorfes von vor 2.500 Jahren startete im Jahr 2004, als Projekt des Regionalen Entwicklungskonzepts Thüringer Rhön von der EU gefördert. Viele ehrenamtliche Helfer unterstützen das Vorhaben, der Förderverein "Eisenzeitlich-keltische Geschichte der Rhön" war ab 2006 der erste Betreiber im Auftrag der Gemeinde. Allerdings stand das Dorf immer auf privatem Boden: das Grundstück gehört dem Inhaber des benachbarten Keltenhotel, der Familie Stütz. Die kündigte 2016 den Pachtvertrag - seither wurde um eine Lösung für die Touristenattraktion gerungen.

Jahrelange Verhandlungen

Die Gemeinde Unterbreizbach als Eigentümerin der Gebäude wollte zunächst mit einem Grundstückstausch das Keltendorf vollständig in ihren Besitz bringen. Das scheiterte, genauso wie der Versuch, dem Hotelier das Grundstück abzukaufen. Daraufhin verlangte die Gemeinde eine Entschädigung für das Keltendorf, wollte 70.000 bis 100.000 Euro haben - Torsten Stütz aber nur maximal 10.000 Euro zahlen. Nachdem ein Gutachter den Wert der Gebäude einschätzte, haben sich beide Seiten geeinigt auf einen "mittleren fünfstelligen Betrag". Der Vertrag wurde vor gut zwei Wochen unterzeichnet, der Preis bezahlt.

Ein Zuschussgeschäft

Das Keltendorf sei eine Herausforderung, sagt Patricia Stütz. Aber darin sei die Familie "nicht unerfahren", habe das Projekt von Anfang an begleitet. Es sei finanziell ein Zuschussgeschäft. Aber da die Gäste keinen Unterschied machten zwischen Hotel und Keltendorf, sei es letztlich eine "Mischkalkulation" gewesen. Das heißt, das Hotel braucht die Attraktion gleich nebenan. Aber Patricia Stütz spricht auch von einer "gewissen Leidenschaft" für das Dorf. Das müsse jetzt "in Schuss gebracht" und wieder belebt werden. Kleine Arbeiten wie das Ausbessern von Fenstern oder Lehmputz, die Pflege des Kräutergartens oder das Grasmähen seien sicher schneller möglich als größere Sanierungen. Angesichts der wirtschaftlichen Gesamtlage "können wir nur kleine Schritte machen", sagt sie.

Ein Haus aus Holz wird von einem Palisadenring geschützt.
Eindrucksvoller Nachbau: so könnte ein eisenzeitliches Keltendorf einst ausgesehen haben: geschützt von einem Palisadenring. Bildrechte: MDR/ Ruth Breer

Feste vorerst nicht möglich

Die wirtschaftliche Gesamtlage ist auch nicht gerade günstig, um das Keltendorf wieder mit Leben zu füllen. Große Feste mit vielen Menschen, Handwerkern, Bogenschützen, Lesungen - nicht absehbar, wann das alles in Corona-Zeiten wieder stattfinden kann. Genauso die Wandertage von Schulen und Kindergärten, auf die die Hoteliersfamilie setzt. Bis zu 800 Kinder im Jahr seien früher zu Gast gewesen, erzählt Patricia Stütz.

Aktive müssen mitziehen

Beleben können das Keltendorf letztlich aber nur die vielen Aktiven und Ehrenamtlichen, die bei Festen und an Erlebnistagen in historischem Gewand auftraten, Handwerk vorführten und den Besuchern die Geschichte erklärten. Von ihnen fühle man sich gut unterstützt, sagt Patricia Stütz. Manfred Heidrich, der Vorsitzende des Fördervereins "Eisenzeitlich-keltische Geschichte der Rhön", ist da etwas zurückhaltender. In der Vergangenheit sei viel Porzellan zerschlagen worden, sagt er. Es sei schwieriger geworden, die Mitglieder zum Mittun zu bewegen. Aber immerhin sei jetzt die "lähmende Hängepartie" überwunden. Der Verein wolle im Gespräch bleiben und versuchen, die Möglichkeiten auszuloten, sagt Heidrich. Aber auch: Ein öffentlicher Träger mit größeren finanziellen Möglichkeiten wäre ihm lieber gewesen.

Die Nachbildung einer alten Schmiede.
In diesem Gebäude führte ein Schmied sein Handwerk vor. Bildrechte: MDR/ Ruth Breer

Zweitbeste Lösung

Ähnlich sieht das Bürgermeister Roland Ernst (parteilos). Die Entschädigung ist für ihn nur die zweitbeste Variante. Im Gemeinderat sei aber das Keltendorf schon so viele Jahre Thema gewesen, dass jetzt die Luft raus war. "Vielen Gemeinderäten ist mit dem Vertrag ein Stein vom Herzen gefallen." Jetzt solle man in die Zukunft schauen, meint Ernst, und das Keltendorf endlich wieder beleben. Denn das sei ja das eigentliche Ziel der Auseinandersetzung gewesen - und der Grund, warum es 2006 eröffnet wurde. Die Gemeinde werde den neuen Eigentümern des Dorfs keine Steine in den Weg legen.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Das Fazit vom Tag | 14. Mai 2020 | 18:00 Uhr

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