Nationalparkleiter Manfred Großmann erklärt vor einer Schautafeln Besuchern den Nationalpark Hainich.
Manfred Großmann erläutert den Teilnehmern der Führung die Ausdehnung des Parks. Bildrechte: MDR/Ruth Breer

Nationalpark Hainich "Wenn Bäume schreien könnten, hätten wir im Wald ohrenbetäubenden Lärm"

Ein Urwald mitten in Deutschland - damit wirbt der Nationalpark Hainich um Besucher. Was tun, wenn jetzt Buchen gleich auf größeren Flächen vertrocknen? Die Devise der Parkverwaltung gilt auch dann: Natur Natur sein lassen. Das hat der Nationalpark-Chef bei einer ersten geführten Wanderung zum Buchensterben deutlich erklärt.

Autorenbild Ruth Breer
Bildrechte: MDR/Daniela Dufft

von Ruth Breer

Nationalparkleiter Manfred Großmann erklärt vor einer Schautafeln Besuchern den Nationalpark Hainich.
Manfred Großmann erläutert den Teilnehmern der Führung die Ausdehnung des Parks. Bildrechte: MDR/Ruth Breer

Wie schief er gelegen hat mit seinen Prognosen, das räumt Nationalparkleiter Manfred Großmann gleich zu Beginn der Wanderung ein. Vor einem Jahr hatte er angesichts der Schäden in den Thüringer Fichtenwäldern eine Pressemitteilung verbreitet, dass die Buchen im Hainich der Trockenheit trotzen - alles im grünen Bereich, so die Botschaft. Ein Jahr später sieht das anders aus. Zwar überwiegen auf den Satellitenfotos, die Großmann zur Einstimmung ausbreitet, immer noch die grünen Flächen - aber es gibt deutliche bräunlich-rote Flecken. Einer davon ist der Burgberg - und den will Großmann der Wandergruppe zeigen.

Rund 40 Leute warten am Parkplatz Mallinde oberhalb von Berka vor dem Hainich im Wartburgkreis auf die geführte Wanderung. "Buchen in Bedrängnis - Auswirkungen von Trockenheit und Hitze im Nationalpark Hainich", so der Titel, nicht gerade ein Wohlfühlprogramm für den Sonntagnachmittag. Gekommen sind Anwohner und Interessierte, Waldbesitzer und ehrenamtliche Nationalparkführer. Sie wollen vom Fachmann erfahren, was im Hainich los ist - ob es wirklich so schlimm ist, was getan werden kann gegen das Buchensterben - und was sie den Besuchern sagen können.

Fachleute von dramatischer Entwicklung überrascht

Manfred Großmann berichtet von einer dramatischen Entwicklung, die selbst Forstfachleute überrascht habe. Die Bodenfeuchte sei seit Jahren gesunken. Die Niederschläge fehlten in der Vegetationsphase, und die Hitze habe den Bäumen gerade an den Südwesthängen viel abverlangt. 340 Sonnenstunden im Juni - wo es sonst im Durchschnitt etwa 200 seien. Die Temperaturen fünf Grad höher als sonst. Da verdunste eine alte Buche 400 bis 500 Liter Wasser am Tag.

Nationalpark Hainich Wanderung zwischen sterbenden Bäumen

Große Buchenbestände im Nationalpark Hainich sind durch die anhaltenden Trockenheit bedroht. In Fühungen erklärt die Nationalpark-Verwaltung, wie die Natur auf die Trockenheit reagiert - und warum sie Bäume sterben lässt

Nationalparkleiter Manfred Großmann erklärt vor einer Schautafeln Besuchern den Nationalpark Hainich.
Manfred Großmann erklärt am Wanderparkplatz Mallinde mit Karte und Satellitenfoto, wo es hingehen soll: am Burgberg, einer Südwestlage, sind die Buchen besonders stark geschädigt. Vor drei Monaten, so sagt er, war das noch nicht zu erkennen. Mittlerweile ist auf dieser Fläche ein Drittel der Buchen abgestorben, kaum eine Buche ist normal belaubt. Im Nationalpark gibt es ca. 300 Hektar in ähnlicher Lage mit gleichem Schadensbild. Bildrechte: MDR/Ruth Breer
Nationalparkleiter Manfred Großmann erklärt vor einer Schautafeln Besuchern den Nationalpark Hainich.
Manfred Großmann erklärt am Wanderparkplatz Mallinde mit Karte und Satellitenfoto, wo es hingehen soll: am Burgberg, einer Südwestlage, sind die Buchen besonders stark geschädigt. Vor drei Monaten, so sagt er, war das noch nicht zu erkennen. Mittlerweile ist auf dieser Fläche ein Drittel der Buchen abgestorben, kaum eine Buche ist normal belaubt. Im Nationalpark gibt es ca. 300 Hektar in ähnlicher Lage mit gleichem Schadensbild. Bildrechte: MDR/Ruth Breer
Besucher wandern durch den Nationalpark Hainich.
Wandergruppe vor dem Burgberg Bildrechte: MDR/Ruth Breer
Besucher im Wald im Nationalpark Hainich
Auf dem Burgberg Bildrechte: MDR/Ruth Breer
Vertrockneter Baum im Nationalpark Hainich
Blick nach oben Bildrechte: MDR/Ruth Breer
Besucher im Wald im Nationalpark Hainich
Ein lichter Buchenwald, ein Eindruck wie im Frühling - auf großer Fläche sind die Buchen entweder tot oder sehr schütter belaubt. Bildrechte: MDR/Ruth Breer
Vertrocknete Bäume im Nationalpark Hainich
Trockene Bäume können unvermittelt Äste oder die ganze Krone verlieren - dafür ist nicht einmal starker Wind notwendig. Bildrechte: MDR/Ruth Breer
Menschen wandern im Nationalpark Hainich.
Einige Bäume haben im Sommer noch Notbüschel ausgetrieben mit Blättern, die etwa dreimal so groß sind wie normale Buchenblätter. Bildrechte: MDR/Ruth Breer
Eine Buche im Nationalpark Hainich, an deren Stamm Blätter ausgetrieben sind.
Dieser Baum hat solche Büschel mehrfach direkt am Stamm angesetzt. Bildrechte: MDR/Ruth Breer
Nationalparkleiter Manfred Großmann erläutert Besuchern im Nationalpark Luftaufnahmen des Waldes.
Großmann zeigt Drohnenfotos und Satellitenbilder, die deutlich machen, wie dramatisch schnell sich die Buchenwälder verändert haben. Bildrechte: MDR/Ruth Breer
Nationalparkleiter Manfred Großmann erläutert Besuchern im Nationalpark Luftaufnahmen des Waldes.
Dramatische Satellitenbilder. Bildrechte: MDR/Ruth Breer
Alle (10) Bilder anzeigen

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Johannes und der Morgenhahn | 05. August 2019 | 07:40 Uhr

Lichter Wald wie im Frühling

Durch einen schattigen Wald führt Großmann die Gruppe bis zur Wiese oberhalb des Silberborn. Von hier aus ist der Schaden schon zu sehen. Auf den gegenüberliegenden Hügeln ragen tote Fichten heraus - aber auch zahlreiche trockene Laubbäume sind zu erkennen als braune Flächen im grünen Walddach. Deutlicher wird es, als die Wanderer den Burgberg hochlaufen. Ein Wald wie im Mai, so licht ist es dort. Eigentlich müsste es im August dunkel und schattig sein. Viele Buchen sind völlig kahl, andere haben nur ganz kleine Blätter entwickelt, die im Juni vertrocknet sind, kein Baum mit normaler Belaubung. Dafür haben einige in der Not im Sommer direkt am Stamm Büschel mit riesigen Blättern ausgetrieben, etwa dreimal so groß wie normal. Und bei anderen zeigen schwarze Spuren am Stamm, dass die Buche krank ist, unter Rindenschleimfluss leidet.

Wenn die Bäume schreien könnten, hätten wir jetzt im Wald einen ohrenbetäubenden Lärm.

Manfred Großmann

Rund 300 Hektar im Nationalpark seien ähnlich geschädigt wie hier, sagt Manfred Großmann. Diese Bestände seien nicht zu retten, würden in den nächsten Jahren völlig zusammenbrechen, so seine Prognose. "Keine Chance mehr für diese Bäume?", fragt jemand in der Gruppe. Nein, sagt der Nationalpark-Chef, die Buche tue sich schwer mit Regenerieren. Und räumt ein: Vor drei Monaten hätte er eine solche Situation noch kategorisch ausgeschlossen. Anders als für die Forstwirtschaft ist das ökonomisch für den Nationalpark kein Problem. Aber auch Großmann spricht von einem Gefühl von Ohnmacht und Hilflosigkeit. Man könne gar nichts tun gegen das Baumsterben - und: "Wenn die Bäume schreien könnten, hätten wir jetzt im Wald einen ohrenbetäubenden Lärm."

Buchensterben dokumentieren und erforschen

Die Nationalparkverwaltung hat bereits begonnen, die Situation im Hainich zu dokumentieren und zu erforschen - mit regelmäßigen Satellitenaufnahmen, die ohnehin angefertigt werden, und mit Luftaufnahmen. Spannend und noch völlig unbeantwortet ist für Großmann die Frage, welche Baumart sich nach dem Absterben der alten Buchen durchsetzen wird. Die jungen Buchen? Oder haben jetzt, in den lichten Wäldern, Eichen eine Chance? An den Eingängen zum Nationalpark sollen Warnschilder für die Besucher aufgestellt werden. "Die Gefahren sind deutlich größer geworden", sagt Großmann. Da das Feinwurzelsystem der Buchen zerstört sei, könnten sie ansatzlos umbrechen, "dazu braucht es keinen Sturm". Ein weiterer wichtiger Punkt: die Umweltbildung. Die Öffentlichkeit muss sensibilisiert werden, sagt Großmann, auch dazu dient die geführte Wanderung.

Waldschäden als Thema von Umweltbildung

Viele Fragen muss der Nationalparkchef unter den trockenen Bäumen beantworten. Gefährdet das Buchensterben den Status als Welterbe? Nein, meint Großmann - auch umgefallene Buchen sind noch ein Buchenwald - und betroffen sei ja nur ein kleiner Teil der Nationalparkflächen. Werden nicht mal die Bäume am Baumkronenpfad vorsorglich gegossen? Nein - das Motto sei, Natur Natur sein zu lassen - und wenn Bäume dort sterben, wo viele Besucher hinkämen, dann gehöre das eben zum Nationalpark. Auf den Einwand, dass dann sicher Gäste wegbleiben würden, reagiert er fast ruppig. "Dann ist das so." Doch setzt Großmann auf die Erfahrung des Nationalparks Bayerischer Wald. Dort hat man das Waldsterben nicht beschönigt, sondern zum Thema gemacht - und das habe die Besucher durchaus interessiert.

Nach mehr als zwei Stunden nehmen die Wanderer eindrückliche Bilder und viele Informationen mit nach Hause. Gelesen und gehört hatten sie viel, aber "es mit eigenen Augen zu sehen, war doch erschreckender als geahnt", sagt ein Teilnehmer. Ähnlich sieht es eine junge Frau, die gehofft hatte, das intakte Ökosystem im Nationalpark halte Hitze und Trockenheit besser stand. Die Schäden seien größer als vermutet, sagt auch ein Forst-Dienstleister, der eigens aus Ostthüringen angereist ist - der flächige Ausfall der Buchen sei schon eine "Vollkatastrophe".

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Johannes und der Morgenhahn | 05. August 2019 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. August 2019, 16:35 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

9 Kommentare

07.08.2019 10:03 Bernd Jenne 9

# 06.08.2019, 10:33 | Müller: Sie schreiben: "Hallo ich verstehe nicht wieso das Totholz dann nicht noch vor dem unkontrolliert umstürzten gefällt wird, ein Menschenleben ist bestimmt wichtiger wie ein Toter Baum aber so sind halt unsere Grünen Lächerlich !" Dass man stehendes Totholz nicht fällt ist absolut nicht "lächerlich". Denn stehendes Totholz ist ökologisch um ein Vielfaches wertvoller und zudem langlebiger als liegendes Totholz! Zahllose Tier-, Pilz- und Pflanzenarten können nur in stehendem aber nicht in liegendem Totholz existieren. Zudem gibt es in stehendem Totholz unzählige Nistmöglichkeiten für Vögel, Kleinsäuger und Insekten. Ein Specht wird z.B. nicht in einem liegenden toten Stamm seine Nisthöhle bauen. Und wir Menschen sind auf all diese Arten angewiesen. Verschwinden diese Arten geht es auch uns Menschen schlecht. Deshalb macht es Sinn stehendes Totholz nur entlang der Waldwege zu fällen.

06.08.2019 20:54 Kelte vom Oechsenberg 8

@ 7 Müller: Sie haben wahrscheinlich noch nie die Definition eines Nationalparks studiert. Hier hat die Natur das Sagen und nicht des Menschen Wille. Was ein Naturpark mit den Grünen zu tunhat, das erschließt sich mir nicht. Nicht immer ist die Aussage aus der Bibel, ".... macht euch die Welt untertan." richtig. Sollten sie ein Haus haben, dann haben sie eventuell auch einen "Steingarten" vorm Haus und fahren einen CLK. Ich sage mal: Keine Ahnung von Nichts, aber davon jede Menge. Schöne Woche noch

Mehr aus der Region Eisenach - Gotha - Bad Salzungen

Mehr aus Thüringen