Rechtsextremes Terror-Trio Untergetauchte waren offenbar noch wochenlang in Jena

Die rechtsextremen Bombenbauer aus Jena haben sich in den ersten Tagen nach ihrem Untertauchen im Januar 1998 möglicherweise noch in der Stadt aufgehalten. Hinweise darauf finden sich in den Ermittlungsakten, die dem MDR THÜRINGEN in Kopie vorliegen. 1998 notierte das Thüringer Landesamt für Verfassungsschutz zum Aufenthaltsort von Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe: "...man gehe davon aus, dass sich die Flüchtigen nach wie vor im Raum Jena aufhalten." Diese Notiz findet sich in den Akten des Bundesamtes für Verfassungsschutz vom November 2011.

Juliane W. und Ralf Wohlleben halfen

Nach der Aktenlage wurde das Trio vom damaligen NPD-Funktionär Ralf Wohlleben und seiner damaligen Freundin Juliane W. unterstützt. W. tauchte am 26. Januar 1998 vor der Wohnung des gesuchten Uwe Mundlos in Jena auf, als die Wohnung gerade von der Polizei durchsucht wurde. Auf die Fragen der Polizisten gab sie an, Fernsehen schauen zu wollen. In der Wohnung befand sich aber kein Fernsehgerät. Die Polizei notierte damals: "Es ist der Eindruck entstanden, sie sei lediglich zur Überprüfung zu der Wohnung geschickt worden." Den Auftrag hatte sie offenbar von Wohlleben erhalten.

Inzwischen gehen die Fahnder davon aus, dass die drei in den ersten Wochen bei Wohlleben Unterschlupf gefunden haben könnten. Juliane W. sagte am Sonntag dem MDR THÜRINGEN auf Anfrage, dass sie nicht rechtsextrem sei und dass sie zu den Vorgängen von damals nichts sagen könne.

Am 11. Februar 1998, wurden vom Konto des zweiten Flüchtigen, Uwe Böhnhardt, 1.800 DM abgehoben. Die Überwachungskameras in der Jenaer Sparkasse konnten allerdings keine Hinweise auf Bönhardt, Mundlos und Zschäpe geben.

Von Jena nach Chemnitz

Am 12. Februar 1998 veröffentlichte die Polizei einen Fahndungsaufruf. Die Ermittler gehen heute davon aus, dass das Trio einen Tag danach von Jena nach Chemnitz geflohen ist. Dort kam es offenbar in der Wohnung des Rechtsextremisten Max-Florian B. unter. Dessen damalige Freundin Mandy S. hatte die Unterkunft arrangiert. B. hatte davon offenbar zunächst nichts gewusst. Er befand sich nach Recherchen des MDR THÜRINGEN auf einem Neonazi-Festival in Budapest und erfuhr erst nach seiner Rückkehr von seiner Freundin, dass in seiner Wohnung "drei Personen schlafen, die ein Problem haben.“

Bis Mitte März 1998 soll auch die Jenaer Wohnung von Beate Zschäpe benutzt worden sein. Nachbarn alarmierten damals die Polizei. Die Beamten verschafften sich Zugang und notierten: "Der Zustand lässt darauf schließen, dass die Wohnung in letzter Zeit regelmäßig aufgesucht wurde." Die Polizisten fanden frische Lebensmittel im Kühlschrank. Wer in der Wohnung war, geht aus den Akten nicht hervor, sie wurde nicht weiter überwacht. 

Telefone wurden überwacht - ohne Erfolg

Spuren zu den Flüchtigen gab es auch über deren Telefonanschlüsse. Zehn Tage nach deren Flucht begannen Zielfahnder des Landeskriminalamtes mit der Überwachung von Telefonen, vier Wochen lang wurde Böhnhardts Mobiltelefon abgehört. Trotz des aktivierten Handys gelang es den Beamten nicht, Böhnhardt oder die beiden anderen Flüchtigen zu orten. Nicht überwacht wurde jedoch der Anschluss von Beate Zschäpe. Aus den Akten geht hervor, dass Böhnhardts Handy und Zschäpes Festnetzanschluss mindestens bis Mitte Mai benutzt wurden. Von Böhnhardt Konto wurde Mitte Mai eine Telefonrechnung von knapp 60 DM abgebucht, von Zschäpes Konto mehr als 100 DM. Insgesamt wurden bis Mitte November 1998 knapp 20 Anschlüsse überwacht.

Zuletzt aktualisiert: 14. Mai 2012, 22:28 Uhr

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12 Kommentare

15.05.2012 16:05 Binom 12

@Wahrheitstänzer zusammengefasst: Drei Tage Kondolieren der Opfer und Rufe nach Zentralisierung nützen nichts. Alternative: Bildungs- und Jugendarbeit sowie zivilgesellschaftliche Initiativen. Sensibilisierung von Polizeien hinsichtlich rechtsradikaler und rassistischer Gewalt sowie die Bereitschaft staatlicher Stellen sich kritisch mit ihrer eigenen Vergangenheit und aktuellen Praxis auseinanderzusetzen. Ist das schon kommunistisch für sie? Der Verweis auf das Antifaschistische Archiv in Berlin, dass Hinweise auf die Bekanntheit der NSU in der "Szene" belegen konnte und dies publik machte und damit die "professionellen" Beobachter düpierte hat wohl diesen Beißreflex bei Ihnen ausgelöst.

15.05.2012 08:58 Sibylle 11

Die "Pannen" gehen schon damit los, dass der MDR-Link des heutigen ersten Artikels zum Thema NSU einen auf die Seite von "Forbes" führt (und nicht zum MDR), und da kann man heute einsehen, wie viel Milliardäre so an einem Tag verlieren oder zugewinnen. Also mir würde so ein Tagesgewinn für mehrere Leben dicke reichen.
Und so landen wir dann doch beim Thema brauner Sumpf im Staat:

Es geht um Macht und Machtverstrickung - und ich glaube, weder Regierung noch gar der ganze gut bezahlte Verfassungsschutz haben ein Interesse daran, wirklich etwas aufzudecken. Braunes Gedankengut ist "under cover" noch überall vorhanden.