Personelle Konsequenz aus Schäfer-Bericht Erfolgreicher LKA-Zielfahnder wird versetzt

von Ludwig Kendzia und Axel Hemmerling

Herrmann Schneider (Name geändert) ist ein stämmiger und breitschultriger Mann. Seine Haare sind militärisch kurz geschnitten, seine Art wirkt bei dem ersten Treffen vorsichtig und konspirativ. Es ist Ende März 2009 im Thüringer Landeskriminalamt und gerade hat sein Chef, LKA-Präsident Werner Jakstat, die überaus erfolgreiche Bilanz der Zielfahnder seines Hauses der Öffentlichkeit vorgestellt. Herrmann Schneider soll nun verdeckt vor einer Kamera des MDR THÜRINGEN JOURNALS Auskunft über diesen Job geben. Wer könnte es besser als er, schließlich ist er seit 1994 in dieser kleinen Eliteeinheit dabei, die das Thüringer LKA über die Landesgrenzen hinaus bekannt gemacht hat. Er hat viele Länder dieser Erde gesehen und Hunderte Verbrecher gefasst - immer im Auftrag einer Thüringer Staatsanwaltschaft.

Ein Aktenvermerk sorgt nach elf Jahren für Aufregung

Doch in seinem Leben gibt es einen Fall, der so etwas wie eine alte Wunde ist: Die Suche nach Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe. Jetzt hat dieser Fall, der am 4. November 2011 sein vorläufiges Ende gefunden hat, ihn seinen Job gekostet. Am 23. Mai hat LKA-Präsident Jakstat, gut zwei Jahre nach der Erfolgs-Bilanz-Pressekonferenz, Schneider mitgeteilt, dass er versetzt werde. "Aus Fürsorgegründen", wie Jakstat dem MDR THÜRINGEN mitteilt. Der Hintergrund ist die Vorstellung des Schäfer-Berichtes acht Tage zuvor. Der ehemalige Bundesrichter Gerhard Schäfer war vor versammelter Presse förmlich in Rage geraten, als er über diesen Zielfahnder und seinen Aktenvermerk vom 14. Februar 2001 sprach. Die Aussagen des Beamten zu seinem damaligen Schriftstück seien "erbärmlich" gewesen. Neben Schäfer saß Innenminister Jörg Geibert, der stumm den Ausführung des Juristen lauschte. Was hatte Schneider in dem Papier vermerkt?

Als die Suche der Thüringer Zielfahnder nach Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe Anfang 2001 ergebnislos eingestellt wird, setzt sich Schneider hin und schreibt offenbar seinen ganzen Frust in diesen Vermerk. Vor allem stellt er die These auf, einer der drei Untergetauchten sei ein V-Mann des Verfassungsschutzes und werde von diesem gedeckt. Als Quelle für diese Behauptung gibt er damals den Vater von Uwe Mundlos an, der das wiederum aus einem anonymen Brief erfahren haben will, der ihm damals zugegangen war. Doch statt mit diesem Vermerk direkt zu seinem Vorgesetzten zu gehen, leitet Schneider ihn gleich an den zuständigen Staatsanwalt weiter. Der heftet das Papier in der Ermittlungsakte ab. Erstmals öffentlich bekannt wird der Aktenvermerk Ende November 2011 in einer geheimen Sitzung des Justizausschusses. Dort wird er verlesen, um wortgenau tags darauf in der Zeitung zu stehen.

Damit bekamen nun die vielen Gerüchte um das Untertauchen des Trios neue Nahrung. Auch Gerhard Schäfer ging diesen nach und verwendete allein für die Aufarbeitung von Schneiders Aktenvermerk 15 der insgesamt 266 Seiten seines Berichtes. Ergebnis: ein komplettes Versagen von Schneider, der LKA-Führung und der Staatsanwaltschaft Gera. Denn niemand habe Schneiders Behauptungen ausreichend geprüft und, nachdem klar war, dass er unrecht hat, diesen Vermerk aus den Akten entfernt.

Wurde ein erfolgreicher Fahnder "abserviert"?

Doch reicht das Verfassen eines solchen Vermerkes vor über zehn Jahren dazu aus, Schneider jetzt "abzuservieren", fragen sich viele LKA-Beamte? Belegt dieses Papier die wahren Pannen bei der Suche nach dem Trio?

Offiziell will die Amtsleitung aus personalrechtlichen Gründen nichts weiter sagen. Doch nach Informationen des MDR THÜRINGEN fürchtet man um die Glaubwürdigkeit des Beamten, der bisher als absolut erfolgreich galt. Noch 2009 wurde er zum Kriminalhauptkommissar befördert, mit Bestnoten in der Beurteilung. Doch nun scheint das alles nichts mehr wert. Die öffentlichen Äußerungen von Gerhard Schäfer haben dafür gesorgt, dass Innenministerium und LKA-Führung ein "Bauernopfer" gebracht haben, was beide Behörden so nicht verstanden wissen wollen.

Kritik an der Versetzung kommt vom Landeschef der Gewerkschaft der Polizei, Marko Grosa. "Angesetzt werden muss nicht bei den Kleinen, sondern bei den Strukturen ganz oben", so der GdP-Boss. Wenn das Ministerium meine, damit sei alles erledigt, dann sei Schneider nicht mal ein Bauernopfer, dann sei das gar nichts. "Es kann nicht sein, dass nur dieser eine Mann dran glauben sollte", fügt Grosa hinzu. Unter den LKA-Beamten ist die Bestürzung über die Entscheidung groß. "Er war das Herz und das Hirn der Zielfahndung", sagt ein Kollege, der Schneider nahesteht. Ein hochrangiger Fahnder sagte dem MDR: "Der Mann hat die Zielfahndung seit 1994 geprägt wie kein Anderer und wird jetzt bestraft für etwas, was weder strafrechtlich noch dienstrechtlich relevant ist."

Zuletzt aktualisiert: 30. Mai 2012, 05:00 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

14 Kommentare

01.06.2012 14:32 Möwe 14

Da haben wir es wieder, ein Bauernopfer. Wenn die Kritiker mal das selber Maß bei selbst anwenden würden, wäre das Leben viel schöner. Wie sagt man so schön, im Nachhinein kann man schlau reden. Ein guter muß gehen, die Luschen bleiben. Danke

30.05.2012 23:27 Dr.K.C. 13

Hans Meiser bringt das Fazit aus der gesamten Berichterstattung diesbezüglich auf den Punkt. Danke.
Ein weiteres Fazit möchte ich anfügen :
1.Kritisch bleiben.
2.gesunder Menschenverstand gegen ofizielle Berichterstattung.
3.Soldarität im Alltag mit den Opfern von NSU&Co.
4.Mal wieder auf die Strasse gehen !!!!