Mord an Thüringer Polizistin BKA prüft Hauskauf von Tino Brandt

Im Mordfall Michèle Kiesewetter prüft das Bundeskriminalamt Verbindungen des früheren Thüringer V-Manns und Neo-Nazis Tino Brandt nach Baden-Württemberg. Der hatte 2004 ein Haus in einem Ort gekauft, der nur wenige Kilometer von Heilbronn entfernt liegt - wo die Thüringer Polizeibeamtin im April 2007 erschossen worden war. Nach MDR- und SWR-Recherchen sollen die Ermittler auch klären, ob Mitglieder des mutmaßlichen Terror-Trios NSU aus Jena das Haus als Unterschlupf genutzt haben.

von Axel Hemmerling, Ludwig Kendzia und Holger Schmidt

Mitten im Kochertal am Rande des Hardthäuser Waldes liegt die kleine Ortschaft Hardthausen am Kocher. Rund 4.000 Einwohner leben dort. Nun könnte der Ort in den Fokus der Ermittlungen um die mutmaßliche Terror-Gruppe "National Sozialistischer Untergrund" rücken. Denn nach gemeinsamen Recherchen von MDR THÜRINGEN und SWRinfo hatte der frühere Neo-Nazi und V-Mann des Thüringer Verfassungsschutzes, Tino Brandt, in Hardthausen ein Haus - 25 Autominuten entfernt von Heilbronn, dort, wo am 27. April 2007 die aus Thüringen stammende Polizeibeamtin Michèle Kiesewetter erschossen und ihr Kollege Martin A. schwer verletzt wurde. Die räumliche Nähe und der zeitliche Zusammenhang haben das Bundeskriminalamt hellhörig gemacht. Denn Brandt hatte das Haus im November 2004 bei einer Zwangsversteigerung für den Preis von 186.000 Euro erworben. Im März 2008 verkaufte er es wieder, ein knappes Jahr nach dem Mord an Kiesewetter. Das geht aus den Grundbuchakten hervor, die MDR THÜRINGEN und SWRinfo einsehen konnten.

In diesen Unterlagen findet sich auch ein Hinweis auf die Ermittlungen des Bundeskriminalamtes: eine Kopie eines Dienstausweises einer BKA-Beamtin und ein Aktenvermerk vom 23. Mai 2012. In diesem ist zu lesen, dass die Kriminaloberkommissarin im Zusammenhang mit dem "Ermittlungsverfahren gegen Beate Zschäpe und Andere (Az: 2 BJs 162/11)" im Grundbuchamt vorstellig war. Das BKA prüft also einen möglichen Zusammenhang zwischen dem Hauskauf von Brandt und der mutmaßlichen Mordserie des NSU. Die Bundesanwaltschaft teilte auf Anfrage mit, dass mit Blick auf die laufenden Ermittlungen keine Einzelheiten genannt werden könnten.

Unklar ist noch, warum Brandt gerade im baden-württembergischen Hardthausen dieses Haus gekauft hat und woher das Geld für den Kauf stammte. Laut Akten hatte Brandt davon 26.200 Euro in bar als Sicherheitsleistung auf den Tisch gelegt. Was mit dem Rest der Kaufsumme war, ist bisher noch nicht bekannt.

2004: Ermittlungen gegen Brandt wegen Geldwäsche

Brandt war seit 1994 V-Mann des Thüringer Verfassungsschutzes und hatte insgesamt rund 200.000 DM kassiert. Ob von diesem Geld bei seiner Enttarnung 2001 noch etwas übrig war, ist unklar. Aber das Thüringer Landeskriminalamt interessierte sich im Jahr des Hauskaufs für Brandts Finanzen. MDR THÜRINGEN liegen vertrauliche Dokumente vor, aus denen hervorgeht, dass 2004 gegen Brandt wegen des Verdachts der Geldwäsche ermittelt wurde. Offenbar ohne greifbares Ergebnis, denn ein Jahr später stellte die Staatsanwaltschaft Gera das Verfahren ein.

Doch seit ein paar Tagen wird über eine mögliche neue Geldquelle Brandts spekuliert. Am vergangenen Wochenende war die sogenannte Operation "Rennsteig" öffentlich gemacht worden. Zwischen 1997 und 2003 hatten das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV), der Thüringer Verfassungsschutz und der Militärische Abschirmdienst (MAD) die Neo-Nazi-Szene in Thüringen und Nordbayern beobachtet. Dabei sollen zeitweise bis zu zehn V-Leute im Umfeld der Neonazi-Kameradschaft "Thüringer Heimatschutz" platziert worden sein. Die Abgeordneten des Untersuchungsausschusses im Thüringer Landtag wollen nun prüfen, ob Tino Brandt auch für diese Geheimdienst-Operation als V-Mann tätig war und hier weitere Spitzelhonorare kassiert haben könnte.

Neo-Nazis hatten Firma in Hardthausen

Aber auch der Ort Hardthausen ist beim Thema Rechtsextremismus kein unbeschriebenes Blatt. Nach Recherchen von MDR THÜRINGEN und SWRinfo hatten drei frühere Rechtsextremisten dort gemeinsam zwischen 2001 und 2006 eine Internetfirma, also in dem Zeitraum, in dem auch Brandt das Haus in der Gemeinde nahe Heilbronn besessen hatte. Einer der drei war zwischen 1996 und 1997 V-Mann des baden-württembergischen Verfassungsschutzes und später Landeschef der NPD-Jugendorganisation "Junge Nationaldemokraten".

Aber es gab damals auch Verbindung nach Thüringen. MDR THÜRINGEN liegt ein geheimes MAD-Dokument vor, in dem zu lesen ist, dass Neo-Nazis aus Baden-Württemberg häufig die Kameraden in Jena besuchten. Die Bundeswehr-Agenten notierten, dass "Mitglieder der 'Kameradschaft Karlsruhe' im Vorfeld des 1. Thüringen Tag der nationalen Jugend in Jena waren". Auch später habe es immer wieder Treffen mit dieser damals bundesweit einflussreichen Kameradschaft gegeben. Laut MAD-Akten soll Ralf Wohlleben für die Organisation dieser Treffen mitverantwortlich gewesen sein. Der sitzt seit Dezember 2011 als mutmaßlicher Terror-Helfer in Untersuchungshaft - inzwischen in der Thüringer Justizvollzugsanstalt Tonna.

Tino Brandt Tino Brandt gehörte in den 1990er-Jahren zu den bekanntesten Neo-Nazis Thüringens. Er war einer der führenden Köpfe des "Thüringer Heimatschutzes", einer rechten Kameradschaft, die sich vor allem in Ostthüringen organisierte. Mitglieder der Gruppierung waren auch Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. Nach dem Untertauchen des Trios stand Brandt zeitweise im Telefonkontakt mit den Flüchtigen. Außerdem war er zeitweise in der NPD aktiv. Brandt arbeitete gleichzeitig für den Thüringer Verfassungsschutz, Deckname: Otto. Offenbar im Jahr 2000 wurde er als Spitzel abgeschaltet, da er sich weigerte, sich aus Führungspositionen der rechtsextremen Szene zurückzuziehen. Später wurde er wieder aktiviert. Im Jahr 2001 wurde er durch einen Zeitungsbericht enttarnt. Für seine Spitzeldienste soll Brandt insgesamt rund 200.000 D-Mark erhalten haben. Nach eigenen Angaben investierte er einen Großteil des Geldes in der rechten Szene.

Zuletzt aktualisiert: 20. Juni 2012, 15:00 Uhr

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7 Kommentare

22.06.2012 07:51 ein Thüringer 7

...unglaublich, dieser Sumpf von Verfassungsschutz und Ermittlern. Jeden Tag kann man sich über etwas anderes aufregen, ...Verfassungsschutz, ..."Herdprämie, ...Erhöhung der "Prämien" für "Nichtstuer"....Das Beste ist, man hört sich diesen Schwachsinn nicht mehr an.

21.06.2012 17:12 Fritz Fischer 6

Wann erfolgen hier nun endlich personelle Konsequenzen? In der "freien" Witrschaft mit denen sich diese Minister und Staatssekretäre gern messen wollen, wäre mann längst und ohne fette Pensionen, entlassen worden!