Kontaktmann zum NSU Verfassungsschutz wollte Carsten S. anwerben

von Ludwig Kendzia und Axel Hemmerling

Mehrere Tage im Januar 2001 hatten sich die Verfassungsschützer in Jena auf die Lauer gelegt. Ihr Zielobjekt war damals der Rechtsextremist Carsten S. Dabei gingen sie offenbar nicht wirklich verdeckt vor. Denn S. bekam das Gefühl, dass er beobachtet wurde. Erst hatte er seinen damaligen NPD-Kreischef Ralf Wohlleben im Verdacht. Denn S. war nach eigenem Bekunden aus der Szene ausgestiegen und dachte nun, dass er von den ehemaligen Kameraden verfolgt werde. Doch Wohlleben ließ ihn abblitzen. S. wendete sich an den Jenaer Staatsschutz und berichtete, dass ihn seit Tagen drei Autos abwechselnd verfolgten. Heute scheint klar: Es waren die Observanten des Thüringer Landesamtes für Verfassungsschutz. Sie waren im Rahmen der Operation "Delhi" unterwegs. Der Deckname für die V-Mann-Anwerbung von Carsten S.

War Anwerbeversuch erfolgreich?

Die Unterlagen dazu sind erst jetzt gefunden worden. Nach Recherchen von MDR THÜRINGEN handelt es sich um die sogenannten Anwerbungsbögen. Das sind formatierte Blätter, in denen alles eingetragen wird, was im Zusammenhang mit der Anwerbung eines potenziellen V-Manns steht. Die Unterlagen gehören zu einem Dokumenten-Konvolut aus dem Bereich "Forschung und Werbung". Das ist im Verfassungsschutz die Abteilung, die sich mit der Anwerbung von V-Leuten beschäftigt. Aus den nun gefundenen Dokumenten zu Carsten S. geht nicht eindeutig hervor, ob er erfolgreich angeworben wurde oder nicht. Der Anwalt von Carsten S., Johannes Pausch, teilte MDR THÜRINGEN mit, dass er die neuen Unterlagen nicht kenne. Sein Mandant sei aber nie vom Verfassungsschutz angesprochen worden. Carsten S. ist der Kronzeuge des Bundesanwaltschaft im Münchner NSU-Prozess. Er wird beschuldigt, die Mordwaffe für die mutmaßlichen Rechtsterroristen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos besorgt zu haben. Den Auftrag dafür soll er vom Mitangeklagten Ralf Wohlleben erhalten haben.

Brisante Dokumente

Die geheimen Unterlagen interessieren nun die Untersuchungsausschüsse im Bund und in Thüringen. Nach Informationen von MDR THÜRINGEN ist der Thüringer Ausschuss erst vor zehn Tagen über die neuen Unterlagen zu S. hinter verschlossenen Türen informiert worden. Allerdings wurde den Mitgliedern nichts von der Brisanz des Materials erzählt. Nur das es von "einiger Relevanz" sei und sie beim Landesamt für Verfassungsschutz jetzt einsehbar wären.

Dem Bundestag lagen die Dokumente gar nicht erst vor. Sie mussten aus Thüringen angefordert werden, das geht aus einem internen Schreiben vom 2. Juli dieses Jahres hervor, das MDR THÜRINGEN vorliegt. Das Thüringer Innenministerium teilte dagegen mit, dass alle Anwerbungsvorgänge den Ausschüssen in Bundestag und Landtag seit Herbst vergangenen Jahres vorlägen. Weitere Informationen zu Dokumenten hierüber behalte sich auf Grund des laufenden Verfahrens der Generalbundesanwalt vor, so das Ministerium. Das Thüringer Landesamt für Verfassungsschutz ergänzte, dass Kopien der Aktenblätter an die Ausschüsse geschickt worden seien, "damit diese auch unmittelbar in den Räumen des Bundestages und des Thüringer Landtages eingesehen werden können". Dadurch sollte die Einsichtnahme beschleunigt werden. Die Bundesanwaltschaft wollte sich aus Geheimhaltungsgründen nicht konkret zu den gefundenen Dokumenten äußern.

Verfassungsschutz suchte offenbar weitere Quellen

Doch die geheimen Akten zu S. sind nicht die einzigen neu entdeckten Unterlagen im Zusammenhang mit der Trio-Suche und dem Themenkomplex Rechtsextremismus. Aus Kreisen des Thüringer Innenministeriums wurde MDR THÜRINGEN bestätigt, das in den vergangenen Woche weitere streng vertrauliche Dokumente im Zusammenhang mit aufgetaucht sind. So wurde versucht, neben S. auch andere Neonazis, die zum Trio-Umfeld gehörten, damals anzuwerben. Ein hochrangiger Ministeriumsbeamter sagte MDR THÜRINGEN, dass Dutzende bisher unbekannte Dokumente und Namenslisten gefunden worden seien. Hintergrund war offenbar die Enttarnung des Neonazi-V-Manns Tino Brandt im Frühjahr 2001. Man habe dringend Ersatz für ihn benötigt, bestätigte ein früherer Verfassungsschützer MDR THÜRINGEN. So habe es bis mindestens 2007 hunderte Anwerbungsvorgänge in der rechten Szene gegeben.

Zuletzt aktualisiert: 10. Juli 2013, 05:00 Uhr

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8 Kommentare

11.07.2013 11:18 A.H. 8

Ich bin immer noch der Meinung, dass die beiden NSU-Männer des Trios "umgelegt" wurden, weil der Suizid keinen Sinn ergibt. Inwieweit unsere "Organe" darin verwickelt sind, weiß kein Mensch und wird auch nicht rauskommen. Das erklärt die "unbeabsichtigte" Schredderei" der Akten. Da Zschäpe schweigt, liegt auch hier die Vermutung nahe, dass Geld im Spiel ist. Ich finde, dass die "braune Soße" geschützt wird, weil es ja auch der nette Nachbarsjunge ist, dessen Vater man gut kennt. Dieser Rechtsstaat wird am Fall NSU kapitulieren und scheitern, weil die Verstrickungen zu köstlich sein könnten. Es sind ja auch nur Ausländer gewesen.

10.07.2013 21:22 meinereiner 7

@2
welche Verfassung...? soweit ich weiß haben wir nur das Grundgesetz...