Meeresbiologie Männersache: Schwangerschaft bei Seepferdchen & Seenadeln

Woran liegt es, dass die männlichen Seepferdchen und Seenadeln ihren Nachwuchs austragen und nicht die Weibchen? Sie sind tatsächlich die einzigen weltweit bekannten Wirbeltiere, bei denen die Männchen diesen Teil der Brutpflege übernehmen.

Biologin Dr. Olivia Roth vom GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel will den genetischen Hintergrund dafür erforschen:

Die körpereigene Immunabwehr ist ein kritischer Punkt bei jeder Schwangerschaft, auch beim Menschen. Grundsätzlich besteht immer die Gefahr, dass der Körper der Mutter das Kind als fremdes organisches Material abstößt, weil es zur Hälfte aus dem genetischen Material des Vaters besteht.

Dr. Olivia Roth

Sowohl bei den Seepferdchen als auch Seenadeln fehlen den Männchen offenbar diese Gen-Informationen, sonst könnten die Männchen keine Eier im Körper aufnehmen und versorgen.

Das Kuriose ist, dass eben die fehlenden Gene des Seepferdchen- und Seenadel-Immunsystems als Grundeigenschaft aller Wirbeltiere galten: "Ohne die entsprechenden Gene und ihre Funktion galt höher entwickeltes Leben als unmöglich". Roth und ihr Team haben jetzt EU-Forschungsmittel in Höhe von 1,5 Millionen Euro zugesprochen bekommen, um das Rätsel der männlichen Schwangerschaft zu erforschen.  

Abgespeckte Gene: Weniger ist mehr

Gewissermaßen belegen Seepferdchen und Seenadeln eine kürzlich aufgestellte These des erhöhten Aussterberisikos bei extrem großen oder kleinen Tieren: Die Gene des Seepferdchens und der Seenadeln suchen, evolutionsgeschichtlich betrachtet, offenbar nach Unscheinbarkeit. Bei beiden Arten ist das Männchen fürs Ausbrüten zuständig, die Seepferdchen nutzen dafür Bauchtaschen, die Seenadeln ihre Bauch- oder Schwanzunterseite. Seepferdchen und Seenadeln sind beide langsame Schwimmer, den Seepferdchen fehlt sogar das Gen für die Vorderflossen. Stattdessen steuern sie ihren Kurs mit kleinen Flossen am Rücken und am Hinterkopf. Statt aktiv Nahrung zu suchen, ankern Seepferdchen mit dem Schwanz an Seegras oder Korallen und warten darauf, dass Nahrung vorbeischwimmt. Der Hörsinn ist kaum ausgeprägt, stattdessen können Seenadeln und Seepferdchen ihre Augen unabhängig voneinander bewegen und erhöhen so ihre Sehleistung. Das Gen für die Zahnbildung fehlt ihnen ebenso wie den Seenadeln - Seepferdchen verschlucken ihre Nahrung, Seenadeln saugen sie an.

Eine Fetzen-Seenadel (Haliichthys taeniophorus), beheimatet in Australischen Gewässern.
Seenadel Bildrechte: IMAGO

Über dieses Thema berichtet MDR auch im Fernsehen: Elefant, Tiger & Co | 14.04.2017 | 20:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. September 2017, 14:00 Uhr