Ratgeber Alltag mit einem tauben Hund

Hunde können wie Menschen im Alter taub werden. Es gibt aber auch einige Hunderassen, die anfällig sind für angeborene Taubheit, oft eine Folge von Überzüchtung. Taubheit kann durch andere Sinnesorgane kompensiert werden. Bei Hunden vor allem durch einen ausgezeichneten Geruchssinn. Sie reagieren dann auch verstärkt auf visuelle Reize und haben eine höhere Konzentrationsfähigkeit.

Alter Jagdhund-Mischling
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Hunde kommunizieren ohnehin nicht allein durch Bellen, sondern über Körpersprache und nonverbale Signale. Das funktioniert auch zwischen Hund und Mensch.

Taubheit ist kein Beinbruch

Für einen Hund ist Taubheit kein Beinbruch. Als Rudeltiere helfen sich Hunde untereinander. Taube Welpen lernen das Sozialverhalten im Rudel und können sich problemlos mit anderen Hunden verständigen. Sie kennen keine gesellschaftlichen oder ethischen Barrieren wie wir Menschen und gehen mit der Behinderung normal und natürlich um.

Leider wird mitunter die Taubheit beim Tier vom Halter nicht erkannt und mit Sturheit verwechselt, die Alterstaubheit mit Altersstarrsinn. Zudem ist das Taubwerden ein schleichender Prozess. Hunde, die im Alter taub werden, können manchmal einige Frequenzen weiterhin hören oder nur einseitig taub sein. Um sicher zu gehen, ob und wie weit das Gehör des Hundes geschädigt ist, sollten Sie eine audiometrische Untersuchung vornehmen lassen. Fragen Sie Ihren Tierarzt, wo das möglich ist und welche Kosten dafür entstehen.

Angeborene Taubheit ist bei über 60 Rassen bekannt

Taubheit bei Hunden ist übrigens gar nicht so selten. Eine mögliche angeborene Taubheit ist zum Beispiel bei über 60 Rassen bekannt, wie beim Dalmatiner, Australian Shepherd, Jack Russell Terrier, aber auch beim Boxer, Dackel, Cocker Spaniel, Border Collie, beim Deutschen Schäferhund, bei Doggen u.a. Als besonders anfällig gelten dabei Hunde mit hohem Weißanteil in der Fellfarbe.

Die meisten Welpen kommen mit Hörvermögen auf die Welt. Nach etwa einem Monat verkümmert eine Hautpigmentschicht im Ohr mit den Flimmerhärchen. Diese dienen dem Weiterleiten der Schallwellen. Mit der richtigen Erziehung von Anfang an bringt man die jungen Hunde dazu, auf einen ständigen Sichtkontakt zum Halter zu achten, Kommandos in Form von Sichtzeichen zu erkennen und sich nicht zu weit zu entfernen. Die Aufmerksamkeit eines Welpen erlangt man schon damit, dass man sich einfach mal bei Spaziergängen vor ihm versteckt.

Voraussetzung für den Freilauf eines tauben Hundes sind eine gute Erziehung, Zuverlässigkeit und ein enges Vetrauensverhältnis zwischen Hund und Halter. Die wesentliche Einschränkung gegenüber einem hörenden Hund ist, dass man ihn nicht eben mal so rufen kann, dass er seinen Namen nicht kennt, auf keinen Pfiff und nicht einmal auf das Zauberwort "Leckerli" reagiert. Bringen Sie Ihrem Hund bei, sich ständig nach ihnen umzusehen, Sichtkontakt und Körperkontakt zu suchen und aufzunehmen.

Hundeerziehung funktioniert ohnehin nicht ausschließlich per Stimme, sondern der Vierbeiner kommt schneller mit zusätzlichen Handzeichen und Körpersprache zurecht als allein mit gerufenen Kommandos. Deshalb ist die Taubheit des Hundes, auch wenn dessen Hörvermögen normalerweise besser ausgeprägt ist, nicht zu vergleichen mit der Taubheit beim Menschen. Während ein Großteil unserer Kommunikation über Sprache und Stimme läuft, kommunizieren Hunde untereinander vor allem per Körpersprache, lediglich beim Bellen, Knurren, Heulen und einem Warn- oder Schmerzenslaut per Stimme. Hundeschulen lehren auch bei hörenden Hunden dem Halter, zusätzlich mit Handzeichen und Körpersprache zu arbeiten.

Lernen durch mit Lob und Belohnung

Werden Kommandos wie "Sitz!", "Nein!" oder "Steh!" mit einer eindeutigen Handbewegung begleitet, prägt sich das Tier den Zusammenhang zwischen Geste und Kommando ein. Dabei kennt der hörende Hund auch das akustische Kommando nur als vorhandenes Signal, das für ihn ohne Inhalt und Sinn ist, aber er verbindet es mit einer Aktion, die er ausführen soll und für die er belohnt werden kann. Sparen Sie beim Lernen nicht mit Lob und Belohnungen! Das Zeichen für "Brav" sollte zuerst vermittelt werden. Sprechen Sie die Kommandos immer auch aus, denn der taube Hund achtet stark auf ihre Mimik.

Ein Hund sitzt auf dem Schoß.
Taube Hunde sollten überdurchschnittlich oft berührt werden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Achten Sie darauf, dass die Zeichen und Gesten einfach und eindeutig sind. Es gibt keine "speziellen" Signale für taube Hunde. Überfordern Sie Ihren Vierbeiner nicht. Es genügen schon zehn bis 15 Zeichen, die Sie sich selbst ausdenken können oder sich vom Hundesport "leihen". Wichtig ist nur, dass sich diese deutlich voneinander unterscheiden und Sie konsequent beim gleichen Zeichen für ein und dieselbe Aufforderung bleiben. Besser eignen sich übrigens Signale, für die Sie nur eine Hand brauchen, denn einen tauben Hund hat man öfter an der Leine. Damit das Tier nicht verwirrt wird, sollte jede Bezugsperson die gleichen Zeichen verwenden.

Beim Auslauf gut bewährt haben sich flexible, ausziehbare Leinen und Vibrationshalsbänder. Die Ausziehleine bietet dem Hund die Möglichkeit, sich unabhängig und frei zu fühlen, mit anderen Hunden zu spielen, wobei Sie jederzeit eingreifen können. Mit einem Vibrationshalsband können Sie ihren Vierbeiner auch ohne Sichtkontakt rufen. Ein tauber Hund entwickelt neben einem guten Sehvermögen auch eine hohe Sensibilität für Schwingungen. Klopfen, Klatschen oder Stampfen verursachen Vibrationen, die die Aufmerksamkeit des Tieres erwecken. Im Dunkeln kann man auch eine Taschenlampe oder eine andere kleine Lichtquelle nutzen, um seinen Hund zu "rufen".

Mehr Berührungen bei tauben Hunden

Sie sollten ihren tauben Hund öfter unvermittelt anstupsen, ihn überall berühren sowie viel loben und belohnen, damit er Berührungen als etwas Positives empfindet und nicht falsch darauf reagiert. Taube Tiere schlafen gern mit Körperkontakt, sind überhaupt oft aufmerksamer und anhänglicher als hörende. Natürlich ist ein zweiter, hörender und bereits erzogener Hund eine gute Sache, denn sein tauber Gefährte kann sich zusätzlich an ihm orientieren.

Mitunter trifft man auf Vorurteile tauben Hunden gegenüber, sie wären schwer erziehbar, unberechenbar und bissig. All das ist längst widerlegt. Wenn man also einen tauben Hund besitzt, sollte man ihn kaum anders behandeln als andere Hunde. Er braucht Auslauf, Beschäftigung, Erziehung und vor allem die Nähe zu seinem Menschen.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Tierisch tierisch | 25. März 2020 | 19:50 Uhr