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Als die spanische Inquisition seinen Vater auf dem Scheiterhaufen verbrennt, wird aus dem bisher unbekümmerten Volksnarren Till Ulenspiegel (Gérard Philipe) ein leidenschaftlicher Kämpfer gegen die Okkupanten. Bildrechte: MDR/DEFA-Stiftung/André Manion u. Waltraut Pathenheimer

Zum ersten Mal im TV Aufwendig restauriert: Der DEFA-Klassiker "Die Abenteuer des Till Ulenspiegel"

Vier Millionen DDR-Bürger wollten den französischen Schauspieler Gérard Philipe in "Die Abenteuer des Till Ulenspiegel" auf der Kinoleinwand sehen. Die DEFA-Stiftung hat den Film aus dem Jahr 1956 aufwendig restauriert und digitalisiert. Der MDR zeigt nun die restaurierte Fassung der französisch-ostdeutschen Koproduktion zum ersten Mal im Fernsehen.

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Als die spanische Inquisition seinen Vater auf dem Scheiterhaufen verbrennt, wird aus dem bisher unbekümmerten Volksnarren Till Ulenspiegel (Gérard Philipe) ein leidenschaftlicher Kämpfer gegen die Okkupanten. Bildrechte: MDR/DEFA-Stiftung/André Manion u. Waltraut Pathenheimer

Im aktuellen Kinofilm "Traumfabrik" verliebt sich der Komparse Emil bei einem Filmdreh in den Babelsberger DEFA-Studios Anfang der 1960-er Jahre in die französische Tänzerin Milou. Die Zusammenarbeit der DEFA mit französischen Filmemachern gab es tatsächlich. Der Film "Till Ulenspiegel" war die erste französisch-ostdeutsche Koproduktion der DEFA. Wie war es dazu gekommen? Seit Ende der 1940-er Jahre war Gérard Philipe, der sich mit "Teufel im Leib", "Kartause von Parma" und "Fanfan, der Husar" in die erste Riege der französischen Schauspieler gespielt hatte, auf der Suche nach Partnern, um sein Herzensprojekt umzusetzen: die Verfilmung des Romans "Die Geschichte von Tyll Ulenspiegel und Lamme Goedzak" des belgischen Schriftstellers Charles De Coster.

Kampf gegen die Unterdrückung

Bei einer Preisverleihung im Jahr 1949, bei der Philipe für "Teufel im Leib" ausgezeichnet wurde, stellten ihm andere Filmschaffende den Roman vor, der im 16. Jahrhundert spielt. Philipe, der im Zweiten Weltkrieg gegen die Besatzung seines Heimatlandes durch die Nationalsozialisten gekämpft hatte, zog sofort Parallelen zu seiner Zeit: "Die Atmosphäre im Buch ist erdrückend. So lange nach den Schrecken der Inquisition und der Besatzung ruft ein Flame auf Französisch die Erinnerung an unsere Wunden wach. An den Hass einer von einer fremden Armee besetzten Nation. (…) Nachdem ich den Roman gelesen hatte, wollte ich Till selber spielen", erzählt er in seinen Erinnerungen an die Dreharbeiten.

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Der tapfere Stahlarm (Erwin Geschonneck) führt die Truppen des Prinzen von Oranien im Kampf gegen die spanischen Besatzer an. Bildrechte: MDR/DEFA-Stiftung/André Manion u. Waltraut Pathenheimer

Erste französisch-ostdeutsche Koproduktion

Etwa zur gleichen Zeit wie Philipe begann auch die DEFA damit, an einer Adaption des Stoffes zu arbeiten. Philipes Versuche, Regisseure von seinem Vorhaben zu überzeugen, blieben zunächst ohne Erfolg. Erst als er auf den niederländischen Dokumentarfilmer Joris Ivens traf, der bei der DEFA unter Vertrag stand, kam 1955 das Projekt zwischen dem DEFA-Studio in Potsdam-Babelsberg und der Pariser Produktionsfirma Ariane Films zustande.

Till Ulenspiegel mischt sich in die große Politik ein

In der Verfilmung ziehen spanische Truppen unter Philipp II. brennend und mordend durch Flandern. In der Stadt Damme wird Till Ulenspiegels Vater wegen seines Widerstandes gegen die Spanier auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Aus dem eigentlich gar nicht politisch interessierten Spaßmacher Till wird daraufhin ein mutiger und listiger Kämpfer gegen die fremde Besatzung. Es gelingt ihm sogar, sich als Hofnarr bei dem Statthalter Herzog Alba einzuschleichen, wo er die Ermordung des Prinzen von Oranien verhindern kann. Dieser ruft die Niederländer zum Kampf gegen die Spanier auf.

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Im flämischen Städtchen Damme verlobt sich Possenreißer Till Ulenspiegel (Gérard Philipe) mit seiner Nèle (Nicole Berger). Bildrechte: MDR/DEFA-Stiftung/André Manion u. Waltraut Pathenheimer

Kaum Mitspracherecht

Obwohl die Gesamtkosten des Films in Höhe von 1,85 Millionen Mark hälftig unter den Partnern geteilt wurden, hatte die DEFA bei entscheidenden Fragen oft das Nachsehen. So bestimmte Ariane Films über den Großteil der Besetzung. Die Vorschläge der DEFA, unter denen sich auch Schauspielgrößen wie Maria Schell befanden, wurden nicht berücksichtigt. Letztlich schafften es nur vier deutsche Schauspieler in den Cast von "Die Abenteuer des Till Ulenspiegel": Erwin Geschonneck, Wilhelm Koch-Hooge, Marga Legal und Elfriede Florin.

Dreharbeiten in Sachsen-Anhalt

Die Dreharbeiten zu "Die Abenteuer des Till Ulenspiegel" fanden in Südfrankreich, Belgien, Schweden und Sachsen-Anhalt statt. In der Nähe von Raguhn, einem kleinen Städtchen bei Bitterfeld-Wolfen, wurde die Schlacht zwischen den Flamen und den Spaniern gedreht. Für die Massenszene mit etwa 1.000 Statisten wurden NVA-Soldaten, Volkspolizisten, Arbeiter aus den umliegenden Betrieben und Mitglieder der GST rekrutiert. Die NVA baute sogar in der Mulde - der Fluss ist an dieser Stelle 2,80 Meter tief - eine Unterwasserbrücke, um die Aufnahmen der Durchquerung des Herres umsetzen zu können.

Auch bei diesem Dreh zeigte sich die französische Filmcrew von ihrer nicht ganz einfachen Seite. Vor den Dreharbeiten schickte sie eine Liste mit Cateringwünschen an die DEFA. Darunter befanden sich auf insgesamt vier Seiten Spezialitäten wie Ananas und Cognac. Die Dreharbeiten hinterließen offenbar Eindruck bei den Bewohnern von Raguhn. Noch heute ist das dortige Kulturhaus nach Gérard Philipe benannt.

Beifall in der DDR

Während der Film vom DDR-Publikum äußerst positiv aufgenommen wurde - ganze vier Millionen Zuschauer stürmten im ersten Jahr in die Kinos - fiel er in Frankreich durch. Denn kurz vor der Premiere am 7. November 1956 in Paris wurde in Ungarn der Volksaufstand gegen die regierenden Kommunisten von der Sowjetarmee niedergeschlagen. Mitten im Kalten Krieg wurde das in der französischen Bevölkerung mit Unmut aufgenommen, die Zusammenarbeit des Publikumslieblings Gérard Philipe mit der ostdeutschen DEFA deshalb auch.

Aufwendige Restaurierung

Die Restaurierung des Films stellte die DEFA-Stiftung vor große Herausforderungen. Weder das Originalnegativ noch ein Magnetband für den Ton standen zur Verfügung. Deshalb mussten ein 35-mm-Duplikat bzw. für den Ton eine Verleihkopie digitalisiert und aufwendig manuell bearbeitet werden. Das Ergebnis ist jetzt zum ersten Mal im TV zu sehen: am 26. August um 22:05 Uhr im MDR-Fernsehen. Bereits ab dem 22. August um 22:05 Uhr ist "Die Abenteuer des Till Ulenspiegel" in der Mediathek abrufbar. Zur gleichen Zeit berichtet das Kulturmagazin "artour" über den Film.

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Als die spanische Inquisition seinen Vater auf dem Scheiterhaufen verbrennt, wird aus dem bisher unbekümmerten Volksnarren Till Ulenspiegel (Gérard Philipe) ein leidenschaftlicher Kämpfer gegen die Okkupanten. Bildrechte: MDR/DEFA-Stiftung/André Manion u. Waltraut Pathenheimer
MDR FERNSEHEN Mo, 26.08.2019 22:05 23:28
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MDR FERNSEHEN Do, 22.08.2019 22:05 22:35

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Über dieses Thema berichtet der MDR auch im TV: Till Ulenspiegel | 26.08.2019 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 22. August 2019, 05:00 Uhr