Geheimakte Geschichte: Die Mordakte Kelly und Bastian

Ein rätselhafter Tod erschüttert die Republik

Rund drei Wochen haben die Leichen unentdeckt in einem schlichten Bonner Reihenhaus gelegen. Ihr Fund im Oktober 1992 schockiert und beschäftigt die Medien weltweit. Die beiden Toten sind Ikonen der Friedensbewegung: Petra Kelly und Gert Bastian. Die Staatsanwaltschaft gibt Selbstmord als Todesursache an. Obwohl viele Spuren auch zum MfS führen, wercden sie nicht weiter verfolgt. Genau hier setzt das Ermittlerteam Dr. Jennifer Schevardo und Dr. Michael Baurmann an.

Bastians Aktenkoffer
Bastians Aktenkoffer Bildrechte: MDR

Politisch – und privat – ein Paar

Gemeinsam haben die Pazifistin Petra Kelly und der Generalmajor und Politiker Gert Bastian die Grünen mitbegründet und Meilensteine im deutsch-deutschen Verhältnis gesetzt. Doch Ende der 1980er-Jahre gehen beide zunehmend auf Distanz zu Freunden und Partei, beginnen sich zu isolieren. Ihre gegenseitige Abhängigkeit sei immer stärker geworden, berichten Freunde, ihre Auseinandersetzungen immer lauter. Die Niederlage der Grünen bei der Bundestagswahl 1990 ist wohl der Anfang vom Ende ihrer Karriere.

Info-Box
Petra Kelly Gert Bastian
Petra Kelly, geboren 1947 in Günzburg (Schwaben), studiert Politologie und Weltpolitik in den USA. Zehn Jahre lang arbeitet sie bei der Europäischen Kommission in Brüssel. 1979 tritt sie aus der SPD aus, um sich ganz auf eine "neue Form der politischen Vertretung" zu konzentrieren. Ihre Ziele sind Frieden, Schutz des Lebens und Gleichberechtigung. Sie ist mehrere Jahre lang Vorsitzende der Grünen und zieht als Abgeordnete in den Bundestag ein. Nach dem Ausscheiden aus dem Bundestag zieht sie sich mit ihrem Lebensgefährten Gert Bastian zurück. Sie leidet unter Bedrohungsängsten, lehnt als "gefährdete Persönlichkeit" allerdings Polizeischutz ab.



Am 12. Mai 1983 demonstriert sie gemeinsam mit Gert Bastian und weiteren Parteikollegen an der Weltzeituhr in Ost-Berlin. Auf ihrem Transparent steht "Die Grünen - Schwerter zu Pflugscharen". Sie kommt in Kontakt mit DDR-Oppositionellen, trifft einige Monate später zusammen mit Gert Bastian, Otto Schily und Dirk Schneider auf DDR-Staatschef Erich Honecker. Die Protagonisten werden in der DDR geduldet, da die Grünen wie die DDR auch den NATO-Doppelbeschluss ablehnen. Dirk Schneider wird nach der Wende als Stasi-Mitarbeiter enttarnt.
Ger Bastian, geboren 1923 in München, geht nach dem Notabitur freiwillig zur Wehrmacht. Der Offizier gerät 1945 in US-Kriegsgefangenschaft. Ab 1946 lernt er den Beruf des Buchbinders. 1956 tritt er als Oberleutnant der neu gegründeten Bundeswehr bei. 1980 endet die militärische Laufbahn des Generalmajors.



Bastian engagiert sich in der Friedensbewegung, wobei er seine Gefährtin Petra Kelly kennenlernt. 1981 gründet er mit ehemaligen Offizieren die Gruppe "Generale für den Frieden", die von der Stasi mitfinanziert wird. Die Organisation sprach sich gegen atomare Aufrüstung aus, vor allem gegen die Stationierung von US-Mittelstreckenraketen in Europa.

Eiliges Urteil

Tatort in Bonn
Der Tatort in Bonn Bildrechte: Februar Film

Für viele steht damals fest: Ihr Tod - als Todeszeitpunkt wird der 1. Oktober 1992 angenommen - war eine Verzweiflungstat. Bastian soll frustriert und nach einem Autounfall körperlich angegriffen gewesen sein, Kelly psychisch immer labiler. Der ermittelnde Staatsanwalt schließt die Akte innerhalb von 48 Stunden. Für ihn ist klar: Bastian hat erst Petra Kelly mit einem aufgesetzten Schuss in die Schläfe und dann sich selbst getötet. Das Hauptindiz sind Schmauchspuren an den Händen von Bastian. Es ist ein eiliges Urteil.

Spuren führen auch zur Stasi

Stasi-Mann Werner Großmann
DDR-Geheimdienstler Werner Großmann Bildrechte: Februar Film

Vor allem aber gibt es Spuren, die in eine ganz andere Richtung deuten und die bis heute niemand verfolgt hat. Viele von ihnen führen zur Staatssicherheit der DDR. Hat der Staatsanwalt wirklich Recht? Hat Gerd Bastian erst Petra Kelly und dann sich selbst erschossen? Oder hat sich vielleicht alles doch ganz anders zugetragen? War es womöglich ein Doppelmord? Dazu befragt das Ermittlerteam im Film auch Werner Großmann, ehemals stellvetretender Minister für Staatssicherheit und später Leiter des DDR-Auslandsgeheimdienstes.

Wir haben ihnen jährlich 100.000 – damals D-Mark – überwiesen. Ihnen also gegeben für die Arbeit der Generale. Und haben Bitten an sie herangetragen, (...) Forderungen, die sie hatten, in der und der Weise doch zu bekräftigen.

Ex-Spionagechef Werner Großmann

Die Berliner Historikerin Dr. Jennifer Schevardo und der ehemalige Fallanalytiker des BKA, Dr. Michael Baurmann, begeben sich auf eine spannende Suche, um zu erfahren, was am 1. Oktober 1992 in Bonn-Tannenbusch wirklich geschah. Vielleicht bringt eine neue Rekonstruktion Licht in das Dunkel.

Ermittlerteam
Das Ermittlerteam: Dr. Jennifer Schevardo und Dr. Michael Baurmann Bildrechte: Februar Film

Es gibt grundsätzlich drei Hypothesen. Die Erste: Eine dritte Person ist von außen eingedrungen und hat die beiden umgebracht. Die zweite Hypothese wäre gemeinsamer, gewissermaßen abgesprochener Suizid der beiden. Und die dritte wäre dann: Bastian ermordet Kelly und bringt sich dann anschließend selbst um.

Michael Baurmann, ehemaliger Fallanalytiker des BKA

Zuletzt aktualisiert: 03. Mai 2019, 14:23 Uhr