Do 30.09. 2021 22:10Uhr 29:30 min

artour

Das Kulturmagazin des MDR

Komplette Sendung

Moderatorin 30 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
MDR FERNSEHEN Do, 30.09.2021 22:10 22:40

Beiträge aus der Sendung

Mann hält Block 4 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Themen:

* Diskussion um Gemäldetitel in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden
* Kinder von Hoy
* Sittes Welt. Retrospektive zum 100. Geburtstag in der Moritzburg Halle
* Kulturkalender

Die Themen im Einzelnen:

* Diskussion um Gemäldetitel in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden
'Der *** hat seine Schuldigkeit getan, der *** kann gehn' - die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden haben ihre rund 1,5 Millionen Exponate umfassende Sammlung auf rassistische und diskriminierende Begriffe durchforstet und sind fündig geworden: 143 Kunstwerke wurden umbenannt, ein Eskimo beispielsweise wird zu einem Inuit. Dass darüber nun gestritten wird - die AfD reibt sich die Hände - dürfte nicht verwundern. Cancel Culture und Wokeness sind längst zu Kampfbegriffen avanciert, Kunst und Kultur stecken mittendrin im Ringen um die 'richtige' Sprache. Ob die historische Bezeichnung 'Mohr' getilgt werden muss oder ob man dem mündigen Museumsbesucher die Auseinandersetzung mit dem historischen Kontext zumuten kann und vielleicht sogar muss, darüber diskutieren Kunsthistoriker und Museumsleiter. Denn auch, wenn sich die Aufregung um die SKD mittlerweile gelegt hat, der Aushandlungsprozess um Herkunft und Bezeichnung musealer Bestände ist noch lange nicht beendet. ' artour' spricht mit. Olaf Thormann vom Grassi Museum für Angewandte Kunst und Marcus Dekiert vom Verband Deutscher Kunsthistoriker.

* Kinder von Hoy
Der Klappentext nennt es einen „Schockmoment der deutschen Geschichte, zum ersten Mal literarisch aufgearbeitet". Grit Lemke hat ein Buch über die Kinder von Hoyerswerda geschrieben, vor allem über die Generation, die erwachsen genug gewesen war, als es 1991 zu dem Mob gegen die mosambikanischen Arbeiter kam. Mehrere Tage rassistische Gewalt endeten mit dem Abtrasport der Bedrohten, ein fatales Signal für ausländerfeindliche Gewalt von Mölln bis Lichtenhagen. Dieser ‚Schockmoment' folgt bei Grit Lemke auf die Schilderung einer glücklichen Kindheit in einer großen Gemeinschaft - auch wenn das versprochene bessere Leben immer weiter in die Ferne rückte und unglaubhaft wurde, und wie es in den Schockjahren nach 1990 für die Arbeiter der „Schwarzen Pumpe" und ihre Kinder weiterging.

Grit Lemke erzählt von lebhaften Jugendklubs in Hoyerswerda in den 80er Jahren und den Abbrüchen der 90er - als die Stadt die Hälfte ihrer Einwohner verlor und langhaarige und 'linke' Jugendliche von Neonaziterror bedroht waren. Hoyerswerda war danach komplett verrufen: Plattenbau gleich Nazi. Die Autorin kennt die andere Seite und zeichnet ein offeneres und erstaunlich buntes Bild der ‚Hoyerswerdschen' - wobei der 'Schockmoment der deutschen Geschichte' freilich eine große Rolle spielt.

* Sittes Welt. Retrospektive zum 100. Geburtstag in der Moritzburg Halle
Nach vierzig Jahren ist das künstlerische Werk des Malers Willi Sitte wieder in einer großen Retrospektive im Kunstmuseum Moritzburg in Halle zu sehen. Die Ausstellung setzt sich mit dem zwischen den 1930er Jahren und 2005 entstandenen Werken auseinander und zeigt dabei die stilistische Vielseitigkeit des oft pauschal dem Sozialistischen Realismus zugeordneten Künstlers. Lange Zeit wiesen die Kulturfunktionäre sein an der klassischen Moderne orientiertes Werk als dekadent und formalistisch zurück. Immer war der überzeugte Kommunist und parteitreue Sitte allerdings um einen Ausgleich mit der politischen Ästhetik seiner Genossen bemüht.

Willi Sitte war entschlossen, an der Stabilisierung des DDR-Staates teilzuhaben, er wurde Mitglied der Volkskammer und des Zentralkomitees der SED. In großformatigen Tafelbildern interpretierte er geschichtliche Ereignisse aus der Perspektive des marxistischen Klassenkampfes, wie etwa den Leuna-Aufstand 1921 und den Vietnamkrieg. In seinem Spätwerk hat er die Nacktheit stilisiert: unbekleidete menschliche Körper in allen Drehungen und Stellungen. Mit Stift und Pinsel hat er das Private öffentlich gemacht. So hat er sich mit derber Sinnlichkeit und wuchtigen Farben in die eingeschrieben.

* Kulturkalender
- "Ich liebe Dir" Monolog von Dirk Laucke, Uraufführung am Deutschen Nationaltheater Weimar am 28.09.2021 in der Studiobühne
- Leipziger Jazztage 30.09. bis 09.10.2021
- Dokumentarfilm "Träum weiter! Sehnsucht nach Veränderung" ab 30.09. im Kino

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Kultur

Grit Lemke  vor dem letzten noch vorhandenen Block des damaligen Vertragsarbeiterwohnheims mit Audio
Grit Lemke, aufgewachsen in Hoyerswerda, vor dem letzten noch vorhandenen Block des damaligen Vertragsarbeiterwohnheims. Sie wohnte in der gleichen Straße, wurde vom Angriff im benachbarten Jugendklub "Der Laden" völlig überrascht. Über ihre Kindheit und den September 1991 hat sie nun ein Buch geschrieben, das im September erscheint: "Kinder von Hoy". Bildrechte: ohne Angabe