Do 07.10. 2021 22:10Uhr 29:30 min

artour

Das Kulturmagazin des MDR

Komplette Sendung

Evelyn Fischer 30 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
MDR FERNSEHEN Do, 07.10.2021 22:10 22:40

Beiträge aus der Sendung

Szene aus "Das siebte Kreuz" 3 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Themen:
* East Side Stories
* Was wir filmten - ostdeutsche Regisseurinnen blicken auf ein verschwundenes Land
* Die Ausstellung "Träume von Freiheit" in Dresden - romantisch und politisch
* Richard Paulick - Architekt der DDR
* Kulturkalender

Mehr zu den Themen der Sendung:

* East Side Stories:

Über 30 Jahre nach dem Mauerfall ist heute eine Künstlergeneration herangewachsen, die von der DDR kaum noch etwas mitbekommen hat. Was bleibt, sind die Erzählungen der Eltern und die Bilder eines zusammengebrochenen Staates. Die Episoden-Doku "East Side Stories" taucht in den Alltag von fünf in der DDR geborenen Künstlern ein, die heute in ganz Deutschland erfolgreich sind. Welches Verhältnis haben sie heute zum Osten? Welche Visionen und welche Debatten treiben sie an und wie setzen sie sich künstlerisch damit auseinander?

Im Film erzählen sie von ihrem Leben, ohne dass sie sich zwangserinnern müssen und ohne dass sie auf ihre Ost-Erfahrungen reduziert werden. Sie erzählen von Ausgrenzung, Frustration, Stolz und vom widersprüchlichen Verhältnis, das sie zu ihrer Heimat haben.
Autorinnen: Jasmin Lakatos/Anika Mellin


* Was wir filmten - ostdeutsche Regisseurinnen blicken auf ein verschwundenes Land:

Das Plakat vorm ZAZIE, dem Kino für besondere Filme in Halle, ist ein Hingucker. Zwei junge Frauen, Sonnenbrille, langes Haar, Lederjacke, Zigarette in der Hand, cool. Wer sie sind, erzählt der Film "Herzsprung" von Helke Misselwitz, eine von 15 ostdeutschen Regisseurinnen, deren Arbeiten eine Woche lang im ZAZIE laufen. "Was wir filmten" heißen die Filmreihe und das Buch, das jetzt erscheint. Nicht von ungefähr werfen die Filme und die Frauen, die sie gedreht haben, einen Blick zurück auf das verschwundene Land DDR, die kurze Zeit der Anarchie 1990 und die langen Nachwirkungen der Ostsozialisation in den eigenen Biografien.

Es sind sehr persönliche Geschichten, wie die von Tina Bara, die sich und ihre Freunde in der kaputten Stadtlandschaft Ostberlins zwischen 1983 und 1989 fotografierte. Auf Dächern, Hinterhöfen und in besetzten Wohnungen - nackt, trotzig und selbstbewusst. Immer auf der Flucht vor der "Lange Weile", die bleiern über dem Land lag. "Ich will Filme über das Lebensgefühl meiner Generation machen, erzählen über das, was ich erlebe, möchte drinstecken, dazu gehören" sagte Petra Tschörtner, die 2012 verstorbene Regisseurin.

Im Sommer 1990 steckt sie mittendrin und zieht gemeinsam mit Filmemacher Jochen Wisotzki mit der Kamera durch die Straßen Ostberlins. Sie trifft kleine Leute mit großem Herz, Szenetypen, Hausbesetzer. Ihnen allen merkt man die Angst vor dem, was kommen wird, an. Entstanden ist ein beeindruckendes Zeitdokument der letzten Tage der DDR, ein melancholischer Abschied vom vertrauten, oft gehassten Land.

War das wirklich so grau, so gottlos, so diktatorisch wie oft beschrieben? Wir haben mit Tina Bara, Jochen Wisotzki und der Autorin des Buches "Was wir filmten", der Filmwissenschaftlerin Betty Schiel, nach Antworten darauf gesucht.
Autorin: Gabriele Denecke


* Die Ausstellung "Träume von Freiheit" in Dresden - romantisch und politisch:

Dresden feiert sich einmal mehr. Die Stadt war ein Zentrum der Romantik schlechthin und ein Magnet für russische Maler und Dichter. Aus der Popularität beispielsweise eines Caspar David Friedrich und der deutschen Philosophie in Russland erwuchs ein enger Kontakt zwischen deutschen und russischen romantischen Künstlern. Nach der Station in Moskau ist am Wochenende die Ausstellung "Träume von Freiheit - Romantik in Russland und Deutschland" in Dresden eröffnet worden.

Zum ersten Mal überhaupt wird mit 140 Werken diese deutsch-russische Brücke gebaut und die Kunst des Umbruchs in den beiden Ländern nach der Französischen Revolution und den Napoleonischen Kriegen zusammengebracht. "Träume von Freiheit" meint die Schwierigkeiten der Künstler in ihren je anders repressiven Gesellschaften und die neue Freiheit, die sie sich als Künstler nahmen. Spätestens mit einigen in die Ausstellung integrierten modernen Kunstwerken wird deutlich, dass dieses "romantische Thema" recht gegenwärtig ist.
Autor: Meinhard Michael


* Richard Paulick - Architekt der DDR:

Ob Berliner Staatsoper oder Schwedt, ob Stalinallee oder Hoyerswerda, ob Verkehrshochschule Dresden oder am Ende Halle-Neustadt, der Architekt Richard Paulick (1903 - 1979) prägte mit seinen Bauten die DDR. Aber auch im fernen China hat dieser Mensch Spuren hinterlassen, allerdings nicht im Namen des Sozialismus, sondern ganz im Gegenteil - als Innenarchitekt für Nachtklubs und Luxuswohnungen in Shanghai. Der Bauhausjünger und Büroleiter von Walter Gropius floh schon 1933 vor den Nazis ans andere Ende der Welt und er hatte Erfolg als Unternehmer, Hochschullehrer und Stadtplaner.

1949 marschieren die Kommunisten in die Metropole ein, für Paulick, zu diesem Zeitpunkt Chef der Stadtplanung endet die gute Zeit in China. Der Weltbürger möchte eigentlich in die USA, da erreicht ihn ein Brief seines Vaters aus der Ostdeutschen Heimat. Er überzeugt seinen Sohn, in die DDR zu kommen und sich am Aufbau des Sozialismus zu beteiligen. Und tatsächlich, die DDR ermöglicht ihm die Umsetzung seiner vom Bauhaus geprägten Visionen auf den Großbaustellen der Republik.

Der Bau von Halle West (später Halle Neustadt) - einer "Stadt für die Chemiearbeiter" - sollte sein Lebenswerk krönen. Tatsächlich wurde gerade Halle-Neustadt zum Exempel für den Wandel von Visionen in Realität. Aus der Lösung Neubauwohnung wurde mit den Jahrzehnten das Problem "Platte", sie stand nicht mehr für Warmwasser, Müllschlucker und Fernheizung, sondern schlicht für Monotonie in Beton.

Mehr als drei Millionen Plattenbauwohnungen wurden in der DDR gebaut. Beinahe jeder zweite Ostdeutsche hat einen Teil seines Lebens in der "Platte" verbracht. Natürlich hat diese Wohnungen nicht alle Richard Paulick gebaut, aber als Bauhäusler war er zutiefst davon überzeugt, dass das Wohnungsproblem der Massen nur mit industriellem Bauen zu lösen ist. So kam es, dass der weltgewandte und Erfolg gewohnte Architekt Richard Paulick als Impresario des industriellen Wohnungsbaues letztlich die Lebenswelt und dadurch die Erinnerung so vieler Menschen prägte.

So gesehen ist er tatsächlich der "Architekt der DDR" und sein Vermächtnis wirkt bis heute - zu sehen in der Reihe "Lebensläufe" am 07.10.2021 um 23.10 Uhr im MDR Fernsehen.
Autor: Titus Richter


* Kulturkalender
- "Heimathorizonte" - Kunststiftung Sachsen-Anhalt mit Großprojekt in Heimatmuseen unterwegs, Ausstellung u.a. in der Kunststiftung Sachsen-Anhalt in Halle
- "Das Siebte Kreuz" nach Anna Seghers kommt in der Fassung von Katja Langenbach im Theater Magdeburg auf die Bühne. Premiere: 8.10.
- "Uta" Dokumentarfilm, ab 7.10. im Kino
Autorin: Stephany Mundt