Do 16.09. 2021 22:10Uhr 29:30 min

Besucherin vor einem Gemaelde von Neo Rauch
Besucherin vor einem Gemaelde von Neo Rauch Bildrechte: imago images/POP-EYE
MDR FERNSEHEN Do, 16.09.2021 22:10 22:40

artour

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Das Kulturmagazin des MDR

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Themen der Sendung:

* Zauberwort Nachhaltigkeit und was dahintersteckt:

Wir trennen Müll und fahren mit Bio-Kraftstoff, Elektro-Autos und Mopeds surren durch die Straßen. Plastiktüten und -strohhalme dürfen nicht mehr hergestellt werden. Nachhaltigkeit ist das Zauberwort unseres modernen Lebens auf dem holprigen Weg durch die Klimakrise - quer durch alle Parteien. Wir sind quasi von Energiesparlampen erleuchtet. Doch die schöne Nachhaltigkeit ist eine Gummivokabel, die heute alles und nichts bedeuten kann. Das behauptet der Heidelberger Geografie-Professor und Naturschützer Klaus-Dieter Hupke in seinem jüngsten Buch "Warum Nachhaltigkeit nicht nachhaltig ist".

Eine auf Wachstum ausgerichtete Wirtschaft, Umweltschutz und soziale Stabilität lassen sich nicht gleichermaßen miteinander vereinbaren. Eine Verkehrswende hat nie tatsächlich stattgefunden, der Energiehunger ist gewachsen statt geschrumpft, der CO2 Ausstoß trotz aller Abkommen und Erklärungen nicht gesunken. Und Riesenländer wie Indien und China hungern danach, es uns im Westen gleichzutun: mit großen Autos, großen Häusern und großen Plänen. Die Nachhaltigkeit der kapitalistischen Wirtschaft hat schlichtweg systemisch die Priorität vor der Nachhaltigkeit von Ökosystemen.

Harald Welzer, einer der streitbarsten Intellektuellen, der sich immer wieder mit Witz und scharfsinnigen Argumenten für eine offene Gesellschaft, Nachhaltigkeit und Demokratie engagiert, sagt in seinem demnächst erscheinenden Buch "Nachruf auf mich selbst", dass unsere Kultur kein Konzept vom Aufhören hat. Sie baut Autobahnen und Flughäfen für Zukünfte, in denen es keine Autos und Flughäfen mehr geben wird. Und sie versucht, unsere Zukunftsprobleme durch Optimierung zu lösen, obwohl ein optimiertes Falsches immer noch falsch ist.

artour spricht mit Klaus-Dieter Hupke und dem Soziologen Harald Welzer über die Unvermeidlichkeit der Endlichkeit eines Systems, das selbst kein Ende zu kennen scheint.
Autor: Dennis Wagner


* Surrealismus in Deutschland? Kunst von 1919 bis 1949 in Bad Frankenhausen:

Anfang der 1920er Jahre wurde in Paris der Surrealismus erfunden. Die Künstler wollten alle bürgerlichen Gewissheiten umstürzen, indem sie auf das kurz vorher entdeckte Unbewusste setzten, indem sie den Traum, den Zufall und den Automatismus propagierten, das Begehren, die freie Liebe und totale Revolte. Zwar waren damals einige deutsche Künstler dabei, zum Beispiel Max Ernst. Doch in Deutschland selbst fand diese Kunst - verhindert durch Nationalismus und Krieg - nie richtig Verbreitung.

Im Tübke-Panorama Bad Frankenhausen wird jetzt hinter die Titelzeile "Surrealismus in Deutschland?" ein Fragezeichen gesetzt - und die Frage mit mehr als 100 Werken beantwortet. Die Ausstellung ist ein enormer Kraftakt und ein großes Verdienst des kleinen Museums: der erste Überblick zum deutschen Surrealismus von 1919-1949 überhaupt.
Autor: Meinhard Michael


* Das "Wartburg-Experiment"

Es ist der vielleicht spektakulärste Politkrimi seiner Zeit: 4. Mai 1521. Ein Hohlweg in den Wäldern Thüringens. Bewaffnete Männer überfallen eine Reisegesellschaft und kidnappen einen der Reisenden. Sie entführen ihn und bringen ihn auf die Wartburg bei Eisenach. Der Reisende ist kein Nobody, er ist der meistgesuchte Mann im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, ein Ketzer, vogelfrei und zum Abschuss freigegeben: Martin Luther. Die Entführung ist ein Rettungsmanöver, und die Burg komfortables Versteck für Monate.

Was am Ende des Zwangsaufenthalts steht, gleicht einem Paukenschlag. Wortgewaltig meldet sich Luther mit einem Bestseller zurück. In weniger als 80 Tagen hat er das Neue Testament ins Deutsche übertragen - die Heilige Schrift für jedermann. 500 Jahre später wird die Burg Schauplatz für ein ungewöhnliches Experiment: Von September bis Ende November soll wieder Leben in Luthers Schreibstube einziehen. Damit sind nicht die Touristen gemeint, die täglich Schlange stehen, um einen Blick ins Allerheiligste zu werfen. Zwei Herren und eine Dame, allesamt Poeten, beziehen jeweils für vier Wochen Quartier in einer Schreibkemenate, nur zwei Türen von Luthers Stube entfernt. Sie sind zur "Zwiesprache mit der Lutherbibel" eingeladen.

Der Ort soll inspirierend für das Schreiben eigener Texte sein. Den Anfang macht der Lyriker Uwe Kolbe, der mit Füllfederhalter, Tintenfass und Wanderschuhen anreist. Luthers Bibel hat der in einem "gottlosen Haushalt in Ostberlin" aufgewachsene Schriftsteller erst als Erwachsener entdeckt. Ein paar Parallelen zu Luther gibt es schon im Leben von Uwe Kolbe: Auch der Lyriker hatte Probleme mit der Obrigkeit, wurde gemaßregelt, bespitzelt und erhielt Publikationsverbot. Schließlich floh er aus einem Teil Deutschlands in den anderen.

Wir treffen ihn auf der Burg, in Luthers Schreibstube, um zu erfahren, worin der Reiz dieses Experiments für ihn liegt und worin der Sinn des Glaubens in einer Zeit permanenter Krisen überhaupt besteht.
Autorin: Gaby Denecke


* "The Polar Silk Road" - Gregor Sailers Fotoprojekt über Geopolitik, wirtschaftliche Ausbeutung und Klimawandel in der Arktis

Der vielfach ausgezeichnete österreichische Fotograf Gregor Sailer recherchiert und arbeitet am liebsten dort, wo Normalsterbliche nur schwer Zugang haben. Seine Serie "Closed Cities" zeigt Städte, die hermetisch abgeriegelt sind: militärische Sperrgebiete, Flüchtlingslager oder auch "Gated Communities" zum Schutz der Reichen. Für "The Potemkin Village" fotografierte er Kulissenstädte, die verschiedenen Zwecken dienen.

Sein aktuelles Projekt "The Polar Silk Road" hat ihn über vier Jahre in die nördlichsten Außenposten der menschlichen Zivilisation geführt. Mit seiner analogen Kamera dokumentierte er in der Arktis, welche Folgen die wirtschaftliche Ausnutzung und die territorialen Ansprüche der Anrainerstaaten auf die Region haben, die sich durch den Klimawandel dramatisch verändert. Demnächst erscheint ein Fotoband im Kehrer-Verlag.
Autorin: Susanna Schuermanns


* Kulturkalender
- Ostrale - Biennale für zeitgenössische Kunst, noch bis 3.10. in Dresden
- SILBERSALZ Internationales Wissenschafts- und Medienfestival, 15.-19. September 2021, Halle (Saale) unter dem diesjährigen Motto "Ungleichheit | Inequality"
- 30. Tage der jüdischen Kultur in Chemnitz, 11.9. bis 21.9.
Autorin: Ulrike Reiß

"artour" ist das Kulturmagazin für das MDR-Sendegebiet und für Ostdeutschland. "artour" wird in Rostock wie in Weimar geschaut, aber natürlich auch in Hamburg und München. Das Kulturmagazin mit Ostkompetenz greift Themen auf, die die Zuschauer bewegen.

Von Thälmann bis Theater, von der Kittelschürze bis zum Konzert, von der Off-Bühne bis zur Oper. Themen werden auch mal gegen den Strich gebürstet, egal, ob es sich um eine Kunstausstellung oder einen kulturpolitischen Skandal handelt.

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