Do 23.09. 2021 22:10Uhr 29:30 min

artour

Das Kulturmagazin des MDR

Komplette Sendung

Moderatorin Evelyn Fischer 30 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
MDR FERNSEHEN Do, 23.09.2021 22:10 22:40

Beiträge aus der Sendung

Themen:
* Das Prinzip "Mitgefühl" - Ein Film über Menschlichkeit in der Pflege
* Steffen Mau über die Teilung der Welt: "Sortiermaschinen. Die Neuerfindung der Grenze im 21. Jahrhundert"
* Kolossaler Zeuge, neu angesehen - Marx-Jubiläum in Chemnitz
* Chimamanda Ngozi Adichie "Trauer ist das Glück, geliebt zu haben"
* Kulturkalender

Mehr zu den Themen:

* Das Prinzip "Mitgefühl" - Ein Film über Menschlichkeit in der Pflege

Im dänischen Pflegeheim "Dagmarsminde" leben elf Menschen mit Demenz und Alzheimererkrankungen. Das Prinzip, nach dem hier behandelt wird, klingt einfach, aber es ist sehr effektiv. Es besteht darin, den Patienten Berührungen, Aufmerksamkeit und Verständnis für ihre Situation zu schenken. Die Pflegerinnen nehmen sich viel Zeit für jeden Einzelnen, ermutigen und umarmen die Bewohner, lassen auch Traurigkeit und Wut zu. So gelingt es ihnen, die große Menge an Schmerz- und Beruhigungsmitteln zu reduzieren, die in vielen konventionellen Einrichtungen zum Alltag gehören.

Die Idee stammt von May Bjerre Eiby, die lange als Pflegerin in einer großen dänischen Einrichtung gearbeitet hat und die Situation und die Hilflosigkeit dort nicht länger ertragen wollte. Nachdem ihr eigener Vater an Demenz erkrankt ist, beschließt sie eine Art Gegenentwurf zum klassischen Heim zu entwickeln. Keine elitäre Privatklinik, sondern ein kleines Pflegeheim, das man sich von seiner normalen Rente leisten kann und ein Zuhause, in dem sie selbst gern alt werden würde. Sie spart ihr Geld, nimmt Kredite auf und gründet "Dagmarsminde".

Die deutsch-dänische Dokumentarfilmerin Louise Detlefsen hat den Alltag dort über anderthalb Jahre lang begleitet. Entstanden ist ein berührendes Plädoyer für Veränderungen im Kleinen, die Großes bewirken können. Der Film "Mitgefühl" feiert auf der Filmkunstmesse in Leipzig Premiere und kommt am 23.9. in die Kinos.
(Autorin: Sarah Bötscher)


* Steffen Mau über die Teilung der Welt: "Sortiermaschinen. Die Neuerfindung der Grenze im 21. Jahrhundert"

Einheit? Von wegen. Ob 2G oder 3G - um zurzeit Restaurant-, Museums- oder Theaterpforten zu überschreiten, braucht man einen Passierschein. Längst spricht man nicht mehr vom "Impfzertifikat", sondern vom "Impf-Pass". 32 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer, 31 Jahre nach dem Durchführungsübereinkommen von Schengen sind Grenzen nicht nur wieder sichtbar, sondern sehr viel zahlreicher geworden. "Sortiermaschinen" nennt der Makrosoziolge Steffen Mau diese modernen Grenzen des 21. Jahrhunderts.

In seiner kurzweiligen und zugleich recht erschreckenden Abhandlung weist er nach, dass die Globalisierung zwar Grenzen überwunden, aber auch neue errichtet und verstärkt hat. Grenzen gewinnen in der Globalisierung an Bedeutung und werden als Sortiermaschinen gebraucht, um Menschen, die wirtschaftliche, gesundheitliche oder politische Risiko-Faktoren sein könnten, aus dem Transitverkehr herauszufiltern. Sie werden dabei zunehmend digital gezogen: durch Dokumenten- und Gesichtserkennung - wie zum Beispiel bei der Impfpasskontrolle. Und tatsächlich: die Unternehmen, die Impfpässe kontrollieren, sind teilweise die gleichen, die auch territoriale Grenzanlagen überwachen.
(Autor: Dennis Wagner)


* Kolossaler Zeuge, neu angesehen - Marx-Jubiläum in Chemnitz

Der große Karl-Marx-Kopf in Chemnitz wird 50 Jahre alt. Angefangen hatte es 1953 mit der Umbenennung der Stadt in Karl-Marx-Stadt. Staatschef und Generalsekretär Walter Ulbricht selbst lud den russischen Bildhauer Lew Kerbel 1961 ein, für diese neue Stadt ein Denkmal zu schaffen. Am 9. Oktober 1971 wurde die monumentale Bronze auf eine der Innenstadt-Magistralen gesetzt - nach weit ausgreifenden Plänen, die zunächst eine zehn Meter hohe Skulptur vorsahen. Einer der Gestalter der Schrifttafeln hinter dem Kopf, der Bildhauer Volker Beier, erinnert sich. Inzwischen steht der so genannte "Nischel" länger im Kapitalismus als im Sozialismus und hat ganz anderes erlebt, als sein Bildhauer ahnen konnte: kräftige De-Monumentalisierung im Kitsch und sogar antidemokratische Demonstrationen, deren Bilder um die Welt gingen.

Die Zeit ist ein Thema des Projekts des Künstlers Olaf Nicolai, für das er das Gesicht des Marx-Kopfes am Tag der Tagundnachtgleiche 24 Stunden lang gefilmt hat. Dieser Film wurde am 21. September, an 16 Orten in Deutschland, von Island über Asien bis Amerika, aufgeführt. Die Welt hat also wieder auf diesen kolossalen Kopf geschaut - bzw. wurde von ihm angeschaut.
(Autor: Meinhard Michael)


* Chimamanda Ngozi Adichie "Trauer ist das Glück, geliebt zu haben"

Chimamanda Ngozi Adichie, eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen Afrikas, möchte von Lagos aus die Welt retten und kämpft gegen das Patriarchat, gegen Sexismus und Rassismus. Die überzeugte Feministin brachte selbst Angela Merkel dazu, den Satz zu sagen: "Dann bin ich Feministin." Adichie meint, wir sollten alle Feministen sein. Sie wollte nie ein Popstar werden und wurde zur Ikone der Popkultur. Ein persönlicher Verlust brachte sie nun dazu, ein Buch über Trauer zu schreiben: "Trauer ist das Glück, geliebt zu haben", das gerade im S.Fischer Verlag erschienen ist.
(Autorin: Katja Deiß)


* Kulturkalender

- Hinweis auf MDR Kultur & Einheitsfeierlichkeiten in Halle & die MDR Kultur Sitte-Aktion
- Achava Festspiele Thüringen, Ausstellung "KAYFUYEM #weiblich #jüdisch #künstlerin" ab 23.9. in den Kunstmuseen Erfurt/Galerie Waidspeicher
- "Brucca!" Festival für Theater, Zirkus und Musik in Kalbe (Milde) vom 24. bis 26.09.2021
(Autorin: Stephany Mundt)