Di 12.10. 2021 22:10Uhr 44:00 min

Nachwuchs für den Klassenkampf

Die Schule der Freundschaft in Staßfurt

Film von Kristin Siebert

Komplette Sendung

Nachwuchs für den Klassenkampf 44 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
MDR FERNSEHEN Di, 12.10.2021 22:10 22:55

Die "Schule der Freundschaft" in Staßfurt

Die "Schule der Freundschaft" in Staßfurt

Margot Honecker ließ in Staßfurt ein lebendiges Zeichen der Solidarität errichten: Die Schule der Freundschaft. Ab 1982 lebten dort 900 Schüler aus Mosambik und ab 1985 zusätzlich 400 namibische Schüler.

Die Schule der Freundschaft in Staßfurt
Internationales Flair an der Schule in Staßfurt: Ab 1982 lebten hier insgesamt 1.300 Schülerinnen und Schüler aus Mosambik und Namibia. Sie sollten ausgebildet werden als ausgelernte Facharbeiter und Nachwuchs für den Klassenkampf. Bildrechte: Herbert Hofmann
Die Schule der Freundschaft in Staßfurt
Internationales Flair an der Schule in Staßfurt: Ab 1982 lebten hier insgesamt 1.300 Schülerinnen und Schüler aus Mosambik und Namibia. Sie sollten ausgebildet werden als ausgelernte Facharbeiter und Nachwuchs für den Klassenkampf. Bildrechte: Herbert Hofmann
DDR-Volkbildungsministerin Margot Honecker besucht zusammen mit Graça Machel, der Bildungsmisiterin Mosambiks die „Schule der Freundschaft“ in Staßfurt.
DDR-Volksbildungsministerin Margot Honecker und die Bildungsministerin von Mosambik Graça Machel besuchen die "Schule der Freundschaft" in Staßfurt. Bildrechte: Herbert Hoffmann
An der Schule der Freundschaft in Staßfurt lernten 899 mosambikanischen Schüler
In Staßfurt lebten und lernten 1.300 mosambikanischen Schüler von 1982 bis 1988. Bildrechte: Herbert Hoffmann
ehemaliger Erzieher Herbert Hofmann
Einer der Erzieher war Herbert Hofmann, der bis heute noch Kontakt zu einigen ehemaligen mosambikanischen Schülern hält. Bildrechte: Sebastian Wagner
ehemalige Schülerin Francisca Raposo
So zum Beispiel Francisca Raposo, die ebenfalls in den 80er-Jahren in Staßfurt Schülerin war. Bildrechte: Sousa Domingos
Die mosambikanischen Kinder sollen zur sozialistischen Facharbeiterelite ihres Landes ausgebildet werden
Die mosambikanischen Kinder sollen zur sozialistischen Facharbeiterelite ihres Landes ausgebildet werden. Bildrechte: Herbert Hofmann
Titos Sitoe lebte und lernte 6 Jahre an der Schule der Freundschaft in Staßfurt
So wie auch Titos Sitoe, der sechs Jahre in der DDR in Sachsen-Anhalt lebte. Bildrechte: Sousa Domingos
Eduardo Mahanguica kam mit 12 Jahren an die Schule der Freunschaft
Oder Eduardo Mahanguica, der im Alter von zwölf Jahren an die "Schule der Freunschaft" kam. Bildrechte: Sousa Domingos
Gruppenfoto Schulklasse
Die mosambikanischen Schülerinnen und Schüler wurden, wenn auch abgeschirmt von den einheimischen Schülern, in allen Fächern des damals geltenenden Lehrplanes unterrichtet. Hier ein Bild mit Geographielehrerin Monika Staedt. Bildrechte: Monika Staedt
Gruppenfoto Menschen am Strand
Im Alltag mussten die Schülerinnen und Schüler im Internat bleiben, hatten weitestgehend Ausgangssperre. Aber sie durften in den Ferien ins Sommerlager in Prerow an der Ostsee. Bildrechte: Monika Staedt
Titos Sitoe und Eduardo Mahanguica
Eduardo Mahanguicaund Titos Sitoe treffen sich das erste Mal nach über 30 Jahren wieder. Seit ihrer Zeit in der DDR haben sie sich nicht mehr gesehen.
Bildrechte: Sousa Domingos
Paulino Miguel sitzt im Foyer der alten Schule.
Paulino Miguel kam mit zwölf Jahren in die DDR. Heute lebt er in Heidelberg. Bildrechte: Sebastian Wagner
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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Nachwuchs für den Klassenkampf | 12. Oktober 2021 | 22:20 Uhr

DDR-Provinz 1982. Die Staßfurter sind Zementstaub in der Luft und Risse in den Häusern gewohnt. Durch die Kaligruben unter der Stadt senken sich ganze Straßenzüge ab. Es gibt wahrlich schönere Plätzchen im Sozialismus. Doch genau hier, gleich neben dem "Fernsehgerätewerk Friedrich Engels" - der Geburtsstätte des DDR-Fernsehers - ließ Margot Honecker ein lebendiges Zeichen der Solidarität errichten: Die Schule der Freundschaft. Ab 1982 lebten 900 Schüler aus Mosambik und ab 1985 zusätzlich 400 namibische Schüler in einer Plattenbausiedlung am Rande der kleinen Industriestadt.

Es war ein außergewöhnliches Modellprojekt: die leistungsstärksten Schüler wurden aus allen Landesteilen Mosambiks eingeladen, um für sechs Jahre in der DDR zu lernen. Sie sollten die sozialistische Facharbeiterelite für ihren jungen sozialistischen Nationalstaat werden. Nach außen hin demonstriert die Schule die Leistungsfähigkeit des DDR-Schulsystems und die oft beschworene sozialistische Völkerfreundschaft. Aber eigentlich dient das Prestigeobjekt Margot Honeckers den wirtschaftlichen Interessen des Arbeiter- und Bauernstaats.

Die Dokumentation verfolgt die Lebenslinien einzelner Schüler in Mosambik und Deutschland. Ehemalige Lehrer, Erzieher und die vielen Zuträger der Staatssicherheit liefern eine vielschichtige Innenansicht der "Schule der Freundschaft". War es für die Schüler ein gefährliches Experiment, das rücksichtslos mit den Lebenserwartungen und Lebenschancen der Kinder spielte? Was ist aus ihnen geworden?

In der Stadt selbst prallen in den 1980er Jahren Welten aufeinander. Aus Kindern werden schnell Teenager, die Fragen stellen, die gegen die allumfassende Erziehung aufbegehren, sich kleine Freiheiten erobern, etwa nachts aus dem zunächst abgeschotteten Internatsgelände ausbrechen. Für sie ist die Schule eine Chance auf Bildung, die viele ohne das Projekt nie gehabt hätten, doch ab 1986 kippt die Stimmung. Viele Schüler werden in Ausbildungsberufe gezwungen, für die es in Mosambik gar keine Perspektiven gibt. Denn Mosambik hat den sozialistischen Weg verlassen und befindet sich im Bürgerkrieg. Doch die Schüler sollen davon nichts erfahren. Sie sollen sich dem Plan fügen.

Auch in der Staßfurter Bevölkerung wächst der Unmut. Neid und Missgunst bricht sich immer wieder Bahn: Die Schüler würden in Watte gepackt und bei der Vergabe begehrter Waren bevorzugt. Gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen deutschen und mosambikanischen Jugendlichen nehmen zu, die Konflikte eskalieren 1987. Carlos Conceicao wird von einer Brücke gestoßen und stirbt. "Da ist nur ein Stück Kohle in die Bode gefallen" kommentiert ein deutscher Jugendlicher im Nachhinein den Tod des mosambikanischen Jungen. Die rassistischen Angriffe rufen Wut und Ängste unter den Schülern hervor. "Jeder von uns dachte, er könnte der nächste sein", erinnert sich Paulino Miguel.

Doch die dramatischste Wendung in ihrem Leben steht ihnen noch bevor: die Rückkehr ins Heimatland. Ohne jegliche Zukunftschancen für die Mehrheit der vermeintlichen Vorzeige-Schüler hinterlässt sie bei vielen tiefe Wunden. Historiker Mathias Tullner fällt ein hartes Urteil: "Das Experiment ist grandios gescheitert. Diese Schüler waren Spielball von politischen und wirtschaftlichen Interessen, von ideologischer Verbohrtheit, und sie sind dann in eine Mühle hineingekommen, in der sie meistens tragisch endeten."

Dieser Film ist eine Ko-Produktion der elbmotion und des MDR und wurde gefördert mit Mitteln der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur

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