Sa 01.06. 2019 11:45Uhr 29:47 min

Zuckerrüben, Labor zur Samengewinnung, vermutlich voriges Jahrhundert, vermutlich bei der Fa. Dippe
Zuckerrüben, Labor zur Samengewinnung, vermutlich voriges Jahrhundert, vermutlich bei der Fa. Dippe Bildrechte: MDR/Archiv Storbeck
MDR FERNSEHEN Sa, 01.06.2019 11:45 12:15

Der Osten - Entdecke wo du lebst Samen-Hauptstadt Quedlinburg

Samen-Hauptstadt Quedlinburg

Rote Pracht und Datschenstolz

Ein Film von Susann Rook und René Schröter

  • Stereo
  • 16:9 Format
  • HD-Qualität
  • Untertitel

Quedlinburg und sein Welterbe

Quedlinburg und sein Welterbe

Blick auf Fachwerkhäuser am Schlossberg Quedlinburg
Vor 25 Jahren wurden die historische Altstadt von Quedlinburg und das Schlossberg-Ensemble mit Schloss und Stiftskirche in die Liste des Welterbes der UNESCO aufgenommen.   Bildrechte: MDR/Steffen Lipsch
Blick auf Fachwerkhäuser am Schlossberg Quedlinburg
Vor 25 Jahren wurden die historische Altstadt von Quedlinburg und das Schlossberg-Ensemble mit Schloss und Stiftskirche in die Liste des Welterbes der UNESCO aufgenommen.   Bildrechte: MDR/Steffen Lipsch
Gasse auf dem Münzenberg in Quedlinburg
Die wunderschönen Fachwerkhäuser ziehen jährlich viele Touristen an. 800 Jahre Fachwerkkunst sind in der Stadt zu bewundern. Bildrechte: MDR/Steffen Lipsch
Sanierte Fassade eines Fachwerkhauses.
Wer durch Quedlinburg schlendert, sieht einzigartige Fachwerkhäuser, die liebevoll saniert wurden. Doch die Häuser sind nicht nur außen ansprechend. Die Bewohner der alten Häuser haben sie auch im Inneren individuell eingerichtet. Bildrechte: MDR/Steffen Lipsch
Dreharbeiten in der Restaurierungswerkstatt des Deutschen Fachwerkzentrums Quedlinburg
Das Filmteam besucht die Restaurierungswerkstatt des Deutschen Fachwerkzentrums und schaut den Restauratoren bei der Arbeit zu. Bildrechte: MDR/Steffen Lipsch
Blick in die Hölle. So heißt diese Gasse in Quedlinburg.
"Hölle" heiß diese Gasse östlich des Marktplatzes der Stadt Quedlinburg. Hier befindet sich u.a. der Höllenhof (nicht im Bild), ein denkmalgeschütztes Gebäude, das zum Teil im 13. Jahrhundert gebaut wurde. Dieses und andere Gebäude in der "Hölle" gehören zum UNESCO-Weltkulturerbe. Bildrechte: MDR/Steffen Lipsch
Zwei Frauen stehen zwischen Fachwerk- und modernen Häusern.
Lücken werden in Quedlinburg kreativ geschlossen. In Anlehnung an die Fachwerkarchitektur entstehen moderne Häuser. Bildrechte: MDR/Steffen Lipsch
Der Ministerpräsident des Landes Sachsen-Anhalt, Reiner Haseloff (M, CDU) sieht sich im Schlossmuseum der Welterbestadt Quedlinburg das "lebende Buch".
2019 jährt sich zum 1100. Mal die Königserhebung Heinrichs I. Die Ausstellung "919 - plötzlich König" im Quedlinburger Schlossmuseum beleuchtet Leben und Wirken des Sachsenherzogs. Reiner Haseloff, Ministerpräsident des Landes Sachsen-Anhalt, blätterte zur Ausstellungseröffnung im "lebenden Buch". Bildrechte: dpa
Blick auf Quedlinburg
Auf dem Burgberg gibt es noch eine Sonderausstellung anlässlich des Heinrich-Jubiläums zu bewundern: In der Stiftskirche St. Servatius heißt es "Am Anfang war das Grab". Wie sich Stift, Kirche und Stadt in den Jahrhunderten nach Heinrichs Ägide entwickelten, wird an diesem Ort auf Stelen erzählt. Bildrechte: MDR/Axel Berger
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Weltruhm hat Quedlinburg nicht nur wegen seiner wunderschönen Fachwerkhäuser erlangt, sondern auch als Hauptstadt der Saatgutzüchtung. "Wir waren die Besten auf dem Weltmarkt, 65 Prozent des Saatguthandels waren zu DDR-Zeiten in unserer Hand", erinnert sich Pflanzenzüchter Rolf Bielau. 100 Betriebe von der Ostsee bis zum Erzgebirge gehörten zum VEB "Saat- und Pflanzgut Quedlinburg".

Die Hauptaufgabe: die DDR-Bevölkerung mit Samen für frisches Obst und Gemüse versorgen. Am Fließband kamen immer neue und robustere Sorten auf dem Markt: die Erdbeere "Aurora", die zweimal trägt, die Hausgurke "Saladin", die Erbse "Muck", der "Dickkopf"-Salat und natürlich die legendäre Tomate "Harzfeuer". Die ist ein Knüller bis heute, inzwischen in Ost und West. Züchter Christoph Kleinhanns schwärmt: "Sie ist aromatisch-süß, robust gegenüber Krankheiten und wächst eben auch in rauen Harzlagen."

Angefangen hat alles vor rund 200 Jahren im Abteigarten. Besucher liebten die vielen bunten Blumenfelder in und um Quedlinburg. Das Wissen der Gärtner, das ideale Klima im Regenschatten des Harzes und der fruchtbare Boden waren der ideale Nährboden für die Samenzucht. Immer mehr kleine und große Betriebe entstanden, wie die Dippe AG. Seltene Filmaufnahmen aus der Zeit zeigen die Dimension und Bedeutung des Betriebes.

Für die Angestellten entstanden die sogenannten Dippe-Häuser, solide Backstein-Bauten. Sie prägen bis heute das Stadtbild, ebenso wie die prachtvollen Gründerzeitvillen der Samenzüchter, die die Welterbe-Fachwerkhäuser wie ein Gürtel umschließen. "Ohne Saatgut wäre die Stadt nicht das, was sie heute ausmacht. Die wirtschaftliche Blütezeit bescherte Arbeit und Wohlstand", so Simone Bahß von der Stadt Quedlinburg.

Nach 1945 konnte das neu formierte Kombinat an die Erfolge anknüpfen und exportierte an alle Welt. Und Saatgut aus Quedlinburg wurde an jeder Datsche und in jedem Schrebergarten in die Erde gebracht. Doch mit der Wende kam das Aus. Samenzüchter aus Westdeutschland, Holland und der Schweiz gaben sich die Klinke in die Hand und kauften die Markenrechte. "Der ostdeutsche Saatgutmulti wurde ausgeschlachtet, abgewickelt, plattgemacht", erinnert sich Zeitzeuge Helmut Gäde.

Heute sind noch vier kleine Betriebe am Markt. Zudem setzt das Julius-Kühn-Institut die über hundertjährige Tradition der Pflanzenzüchtung in Quedlinburg fort.