Do 17.10. 2019 22:05Uhr 29:30 min

artour

Das Kulturmagazin des MDR

Komplette Sendung

artour 30 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
MDR FERNSEHEN Do, 17.10.2019 22:05 22:35

Beiträge aus der Sendung

Der MDR Rundfunk Chor bei eienr Aufführung 4 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Die Themen der Sendung:

* Der Fotograf Roger Melis - Chronist der Ostdeutschen
Roger Melis ist einer der Großen des ostdeutschen Fotorealismus. Stets war er mit nüchternem Blick auf der Suche nach dem, was "wahr" war. Er mochte nicht, wenn der Fotograf im Vordergrund stand, nie wollte er sich als Künstler exponieren.

Es war das Fernweh, das den jungen Roger Melis dazu brachte, sich für den Beruf des Fotografen zu entscheiden. Nach der Fotografenlehre heuerte er zunächst bei der DDR-Fischereiflotte an. Hier entstanden seine ersten Fotoreihen. Als er mit der Kamera in die Welt ziehen wollte, wurde die Mauer gebaut. Frustriert plante er seine Flucht, doch seine Familie beschwor ihn, aus Angst vor Repressionen, zu bleiben. Melis blieb in der DDR und trieb sein fotografisches Schaffen mit Aufträgen für Zeitschriften und freien Arbeiten voran. Schließlich durfte er sogar nach West-Berlin reisen. Später fotografierte er seinen Sehnsuchtsort Paris. Wie so viele Künstler und Intellektuelle glaubte er, an einer allmählichen Liberalisierung des SED-Staates mitwirken zu können. Doch diese Hoffnung wurde nicht eingelöst. Obwohl Roger Melis in der alternativen Kunstszene gut vernetzt war, versank er Ende der 80er Jahre immer mehr in Melancholie, die er nicht abzuschütteln vermochte. In seinen Reportagen zeigte Roger Melis den Alltag, die Arbeits- und Lebensbedingungen und die politischen Rituale im realen Sozialismus. Machte er eine Reportage, gab es auch immer wieder Bilder, die nicht veröffentlicht werden durften. 2007 - zwei Jahre vor seinem Tod - veröffentlichte er den Fotoband "In einem stillen Land". Darin zeigte er erstmals auch unveröffentlichte Bilder und schuf ein umfassendes Porträt der DDR und ihrer Bewohner.

* Mit Katrin Schumacher auf der Frankfurter Buchmesse
Der Deutsche Buchpreis 2019 - er geht an Saša Stanišić für seinen Roman "Herkunft". Nach dem langen Applaus, der da durch den Römer ging, gab es erstmal ein atemloses Schweigen. Bei der Dankesrede des Autors. Der sich dezidiert erschüttert zeigte von einem anderen Literaturpreis, der vor ein paar Tagen verkündet wurde: Dem Nobelpreis für Peter Handke. Die MDR Kultur Literaturredakteurin Katrin Schumacher gibt Einblicke in dieses und andere Themen, über die man in diesen Tagen in der Main-Metropole spricht. Sie berichtet, wie sich das Gastland Norwegen auf der Frankfurter Buchmesse präsentiert und trifft die gebürtige Hallenserin Jackie Thomae, die es mit ihrem neuen Buch "Brüder" auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2019 schaffte. Das Buch handelt von zwei Männern, die denselben Vater haben, aber lange nichts voneinander wissen - zwei Leben, zwei Möglichkeiten.

* Der Dokumentarfilm "Born in Evin"
Maryam Zaree, Schauspielerin und Regisseurin, wurde 1983 im berüchtigten iranischen Foltergefängnis Evin geboren. Als sie zwei Jahre alt war, floh ihre Mutter mit ihr nach Deutschland. In ihrem Dokumentarfilm "Born in Evin" macht sie sich auf Spurensuche: nach den Umständen ihrer eigenen Geburt, nach der Geschichte ihrer Familie und nach den traumatischen Auswirkungen der Gewalt auf die Opfer der iranischen Revolution. Der Film feierte seine Premiere auf der Berlinale 2019 und wurde mehrfach ausgezeichnet. Am 17. Oktober kommt er in die deutschen Kinos. artour hat Maryam Zaree in Köln getroffen.

* Der Pianist Igor Levit
Schon 2010 bescheinigte die "FAZ" dem damals gerade 23-jährigen Igor Levit, "einer der großen Pianisten dieses Jahrhunderts" zu sein. Später begann sein atemberaubender Aufstieg. Im russischen Gorki geboren, übersiedelten er und seine jüdische Familie 1995 nach Hannover. Levit ist der Intellektuelle unter den Klassik-Stars und der politischste. Er mischt sich - für einen Klassikstar ungewöhnlich - per Twitter in aktuelle Debatten ein, in Wort, Bild und gerne auch mit einem Witz. Levit engagiert sich gegen Antisemitismus und verewigte Frederic Rzewskis grandiose Variationen über das chilenische Revolutionslied "El pueblo unido" auf einer CD der Deutschen Grammophon. Für den inzwischen weltweit gefeierten Pianisten, der in Berlin lebt und an der Musikhochschule in Hannover eine Professur hat, ist alle Musik politisch. Auf seinem im Oktober erscheinenden Album hat er auf 12 CDs alle 32 Beethoven-Sonaten eingespielt. Er verleiht diesem König der Klassik darauf seine sehr persönliche, zeitgemäße Sicht. Und nimmt mit der Einspielung ein Thema vorweg, das 2020 die Musikwelt komplett beherrschen wird: 250 Jahre Beethoven. artour zeigt den Ausnahmekünstler am Klavier, trifft ihn zum Gespräch, um ihn u. a. zu fragen, was an seinem Beethoven politisch ist.


Kulturkalender
* "Moderne Jugend?" Jahresausstellung der Franckeschen Stiftungen 2019 - bis 9. Februar 2020
* Face Me - Le Sacre du Printemps, Tanztheater von Ester Ambrosino, Musik von Michael Krause und Igor Strawinsky, Video-Mapping: Dirk Rauscher, Premiere: 19.10.2019, 19.30 Uhr, Großes Haus
* "Die Enden der Freiheit" - Ausstellung in der Baumwollspinnerei, bis 7. Dezember - Schau zeigt KünstlerInnen und Gruppen, die sich gegen das Erstarken autoritärer Kräfte in ihren Ländern stemmen