Sa 02.11. 2019 00:00Uhr 20:00 min

MDR Kultur - Filmmagazin

Berichte von der Dokfilmwoche Leipzig

Komplette Sendung

In diesem Spezial vom DOK Leipzig geht es um "Gundermann Revier", "Space Dogs", "Autobahn" und "Krigsfotografen". In letzterem geht es zum Beispiel um Arbeit und Privatleben des Dänen Jan Grarup. (nur in D abrufbar) 21 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
MDR FERNSEHEN Sa, 02.11.2019 00:00 00:20
* Gundermann Revier
Regie: Grit Lemke, Deutschland, 2019
Gerhard Gundermann (1955 - 1998) Liedermacher, Poet und Baggerfahrer im Braunkohletagebau in der Lausitz. In dieser Region verdichten sich globale Problemstellungen auf lokaler Ebene wie in einem Brennglas - vom Strukturwandel bis hin zur Klimakrise. Größtenteils unveröffentlichte Archivaufnahmen und Gundermanns Lieder gehen dabei einen Dialog ein mit Beobachtungen und Gesprächen in dessen "Revier", begleitet von der Voice-Over-Stimme der Regisseurin, die nicht minder im Kohlegebiet verwurzelt ist. Heimat und deren Zerstörung durch den Tagebau, utopische Gedanken und die Frage nach der individuellen Verantwortung durchziehen die Songs ebenso wie die Folgen für Erwerbsarbeit und Umwelt am Ende des Industriezeitalters. Und sie sind heute aktueller denn je: "Wo meine Schaukel stand und später dein Bagger, ist jetzt ein See."
Autorin: Simone Unger


* Autobahn
Regie: Daniel Abma, Deutschland, 2019
Tausende Lkw wälzen sich täglich durch die Innenstadt von Bad Oeynhausen und über die Bundesstraße 61, die die Bundesautobahnen A 2 und A 30, respektive die Metropolen Warschau und Rotterdam, miteinander verbindet. Als die Aberkennung des Status als Kurort, also der Verlust des einladenden Titels „Bad" droht, muss sich etwas ändern: Eine Umgehungsstraße soll gebaut werden.
Über einen Zeitraum von acht Jahren dokumentiert der Film den Verkehrsinfarkt am Nadelöhr, die Arbeit von Bürgermeister, Polizei, Feuerwehr und Baufirmen, die Verzögerungen bei der Fertigstellung der Nordumfahrung und vor allem die Reaktionen der betroffenen Anwohner. Die freuen sich auf Ruhe und Entlastung - oder werden schon bald ein Stück Autobahn vor ihrem Häuschen haben. Weniger die große Infrastrukturmaßnahme steht im Zentrum der Langzeitdokumentation als vielmehr die Folgen für die Menschen am Straßenrand. Dort "aufgelesen", mit einem feinen Gespür für besondere Charaktere und viel Raum für deren Persönlichkeiten und Eigenheiten, finden sich weitere Geschichten. Die lokale Tradition des Lkw-Zählens, sei es an der Bundesstraße oder an der Autobahnbaustelle, gehört ebenso dazu wie der Spaziergang oder das Joggen auf der lange unvollendet bleibenden Trasse.
Autor: Hans-Michael Marten


* Space Dogs
Regie: Elsa Kremser/Levin Peter, Österreich/Deutschland, 2019
Laika war eigentlich eine ganz gewöhnliche Moskauer Straßenhündin. Bis sie zur vielleicht berühmtesten Hündin der Welt wurde, als man sie 1957 ins Weltall katapultierte. Seither gilt sie als erstes Lebewesen, das die Menschen gezielt in eine Umlaufbahn der Erde beförderten. Dass Laika bereits einige Stunden nach dem Start der Rakete starb, wurde erst im Jahr 2002 bekannt. Bis heute hält sich die Legende, Laika sei als Geist zur Erde zurückgekehrt und zöge seitdem durch die Straßen von Moskau. Levin Peter und Elsa Kremser begeben sich nun mit ihrem wunderbar montierten Dokumentarfilm auf die Spuren dieses Geistes. Sie begleiten zwei Straßenhunde auf ihren nächtlichen Streifzügen durch die russische Hauptstadt. Die tierischen besten Freunde flanieren durch Gassen, jagen Katzen, beobachten still, wie die Menschen in Bars ihre triste Realität wegsaufen - und das alles aus der ungewöhnlichen Perspektive zweier Vierbeiner. Geschickt fangen Peter und Kremser Momentaufnahmen im heutigen Russland ein und vermengen sie mit eigenwilligen - bislang unveröffentlichten - Filmaufnahmen der sowjetischen Raumfahrtära. Die magische Geschichte einer Freundschaft zwischen Vertrautheit und Brutalität sowie kleinen und großen Aufbrüchen in unbekannte Sphären.
Autorin: Angela Beinemann


* Photographer Of War
Regie: Boris Benjamin Bertram, Dänemark, 2019
Jan Grarup ist Fotograf mit Leib und Seele. Seine Bilder aus Kriegsgebieten haben ihn berühmt gemacht. Aber auch daheim, in seinem Haus in Kopenhagen, steht alles im Zeichen des Mediums: "Die Linse war im Amerikanischen Bürgerkrieg", sagt Grarup stolz, als er den französischen Starphilosophen Bernard-Henri Lévy zu einer Porträtsitzung empfängt. Der Film von Boris Benjamin Bertram trifft auf Grarup in einem Moment, in dem sich alles ändert: Die Frau, mit der er vier Kinder hat, ist an einem Gehirntumor erkrankt. Grarup, davor wohl eher ein Abenteurer als ein verantwortungsvoller Vater und Partner, muss sich nun kümmern. Und er weiß, wenn er im Irak an die Front gegen den Islamischen Staat geht, dass er heil wieder nach Hause kommen muss, weil er das seinen Kindern schuldet.
Bertrams Film ist zugleich intim und diskret. Jan Grarup öffnet sich, er zeigt seinen über und über tätowierten Körper beim Arzt oder im Hotel, er nimmt den Filmemacher so weit wie möglich in den Alltag eines Kriegsfotografen mit. Ältere, ursprünglich private Aufnahmen aus einem vergangenen Familienleben machen die Gegenwartsszenen noch dringlicher: Fotografie (und Film) wird hier tatsächlich als ein Medium gegen den Tod erkennbar.
Autor: Dennis Wagner

Welche Filme sind sehenswert und welche können getrost vergessen werden? Das Filmmagazin berichtet über die wichtigsten Neustarts und ist zu Besuch bei Festivals.