Do 24.10. 2019 22:05Uhr 29:30 min

artour

Das Kulturmagazin des MDR

Komplette Sendung

artour 30 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
MDR FERNSEHEN Do, 24.10.2019 22:05 22:35

Beiträge aus der Sendung

Eine Band steht im Rahmen der 19. Dresdner Jazztage auf einer Bühne. 3 min
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Themen der Sendung:

* Private Filme zeigen DDR-Alltag:
Was ist die Vergangenheit? Blasse Bilder von Ereignissen, Momenten, Gefühlen? Abgelagerte Gegenwart? Aufleuchtende Details gelebten Lebens. Bisweilen werden diese aufleuchtenden Details in Momentaufnahmen sichtbar. Über 400 Stunden privates 8mm Filmmaterial aus der DDR haben der schwedisch-argentinische Filmproduzent Alberto Herskovits und der kanadische Politikwissenschaftler Laurence McFalls in 6 Jahren Arbeit zusammengetragen.
"Open Memory Box" nennen sie ihr Projekt, das dieser Tage Online seine Premiere hatte und das von jedermann einsehbar ist. Es ist ein Archiv des DDR-Alltags aus Material von 150 Familien, ein unverstellter Blick auf ein Land, jenseits der gängigen geschichtspolitischen Deutungen.

* Julia Ebner und ihr Buch "Radikalisierungsmaschinen"
Der auf so vielfache Weise grauenhafte Terroranschlag in Halle hat wohl niemanden gleichgültig gelassen. Im Gegenteil, sofort waren Anwohner, Politiker und auch Künstler vor Ort, um Mitgefühl zu demonstrieren, sich zu positionieren, zu erklären und manchmal eben auch auf die Schuldigen zu zeigen. Doch was ist das Richtige? Hätte man die Tat verhindern können und wie kann man es in Zukunft tun? Handelte es sich um einen verrückten Einzeltäter oder um ein Netzwerk?
Der Hallenser Psychiater Hans-Joachim Maaz, der 1990 mit "Gefühlsstau" ein bahnbrechendes Psychogramm der DDR-Bevölkerung schrieb, hält pauschale politische Schuldzuweisungen für grundfalsch. Doch der Nährboden für solch extremistische Taten liegt tatsächlich fruchtbar in unserer Gesellschaft. Der gesellschaftliche Spalt ist größer geworden, die Sprache rauer.
Die Extremismusforscherin Julia Ebner ist sich sicher: Dies war kein Einzeltäter. Auch wenn das, was über den Täter bekannt ist, darauf schließen lässt, dass er sehr wahrscheinlich sozial vereinsamt und schwer gestört ist. Julia Ebner beschäftigt sich seit langem mit den sozialen Netzwerken von Rechtsextremen und Dschihadisten - off- und online - und ist selbst verdeckt in diese Netzwerke eingetaucht.
Über diese Radikalsierungsmaschinen hat sie gerade ein höchst spannendes und gleichwohl erschreckendes Buch geschrieben, das aus Innen- und Außenperspektive zeigt, wie gewaltig und vielfältig das weltweite Netzwerk von Extremisten bereits geworden ist, wie aus normalen Menschen, die zum Teil mit der Gesellschaft nicht klar kommen, Extremisten rekrutiert werden - und was man dagegen tun kann.

* Porträt des Lyrikers Andreas Reimann:
Er habe sich eben nicht an den "Zusammenklumpungen der Menschen" beteiligt, sagt Andreas Reimann, der zu keiner Zeit seines bewegten Lebens als Teil einer Gruppe oder Schule wahrgenommen wurde. Dieser Lyriker ist passionierter Einzelgänger geblieben, nicht immer freiwillig. 1946 geboren, beginnt er, nach dem frühen Tod der Eltern und einer Odyssee durch Waisenheime, schon mit 10 Jahren Gedichte zu schreiben. Ein Werk des 14-jährigen, unter Pseudonym 1964 im "Neuen Deutschland" veröffentlicht, sorgt für tatgelange Lyrikdebatten.
Er ist der jüngste Student am Leipziger Literaturinstitut, und auch der jüngste, der dort nach dem berüchtigten "Kahlschlag-Plenum" der SED 1966 exmatrikuliert wird. Nach Protesten gegen den Einmarsch der sowjetischen Truppen 1968 in Prag kommt er über zwei Jahre in Haft und muß sich anschießend in der Produktion bewähren. Er schreibt weiter, makellose, bisweilen bitterböse Gedichte. "Ich kann das hurra nicht mehr hören! / Das röchelt und orgelt fatal / aus flaschigen lautsprecherröhren." Verse, die Reimann erst 50 Jahre nach ihrer Entstehung in seinen Stasiakten wieder entdecken wird.
In der DDR können bis Ende der 70er Jahre lediglich zwei Gedichtbände erscheinen, die meisten seiner Arbeiten landen in der Schublade. Er liest in Kirchen, lebt von Rock- und Chansontexten. Das Land verlässt er im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen nicht. Die Wende 1989 erlebt er ohne Illusionen. "Und wieder", schreibt er, "liegt die Zukunft hinter uns."
Jetzt erscheint, als Band fünf seiner auf elf Bände angelegten Gesamtausgabe, "Das große Sonettarium", eine einzigartige Sammlung formvollendeter Sonette, die bezeugen, dass Andreas Reimann, wie der Literaturkritiker Karl Corino schrieb, "einer der unbekanntestem, aber bedeutendsten Lyriker" unseres Landes ist.

* Kulturkalender:
- "Moderne Jugend?" - Jahresausstellung in den Franckeschen Stiftungen Halle, bis Febr. 2020
- Jazztage Dresden 23.10.-24.11.2019
- "Tektonik der Erinnerung" - große Retrospektive des DDR-Fotografen Christian Borchert, ab 26.10. im Kupferstichkabinett der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, bis 08.03.2020

"artour" ist das Kulturmagazin für das MDR-Sendegebiet und für Ostdeutschland. "artour" wird in Rostock wie in Weimar geschaut, aber natürlich auch in Hamburg und München. Das Kulturmagazin mit Ostkompetenz greift Themen auf, die die Zuschauer bewegen.

Von Thälmann bis Theater, von der Kittelschürze bis zum Konzert, von der Off-Bühne bis zur Oper. Themen werden auch mal gegen den Strich gebürstet, egal, ob es sich um eine Kunstausstellung oder einen kulturpolitischen Skandal handelt.

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