Sa 09.11. 2019 13:05Uhr 44:42 min

Freiheit '89 Das Geheimnis von Harbke - Operation Grenzkohle

Komplette Sendung

Historische Aufnahme: Maschendrahtzaun in Tagebaugebiet 45 min
Bildrechte: Reiner Orlowski
MDR FERNSEHEN Sa, 09.11.2019 13:05 13:50

Bilder zur Sendung

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Die sogenannte Betriebsbegrenzungsanlage zwischen dem Ost- und Westbetrieb des Braunkohletagebaus
Jahrzehntelang prägten Schießbefehl, Minenfelder und Selbstschussanlagen die innerdeutsche Grenze und verwandelten sie in einen Todesstreifen. Bildrechte: MDR/Reiner Orlowski, honorarfrei
Die sogenannte Betriebsbegrenzungsanlage zwischen dem Ost- und Westbetrieb des Braunkohletagebaus
Jahrzehntelang prägten Schießbefehl, Minenfelder und Selbstschussanlagen die innerdeutsche Grenze und verwandelten sie in einen Todesstreifen. Bildrechte: MDR/Reiner Orlowski, honorarfrei
Reiner Orlowski, ehemaliger Direktor im VEB Braunkohlekombinat Harbke
Dass es in der Grenzgemeinde Harbke in der Börde ein Schlupfloch gab, weiß bis heute kaum jemand. "Man wollte nicht, dass etwas nach draußen dringt, dass hier eine Grenze existiert, die ein Loch hat", erklärt der ehemalige Direktor des VEB Braunkohlekombinats Harbke, Reiner Orlowski. Bildrechte: MDR/Reiner Orlowski, honorarfrei
Im Westen ist das Medienecho auf den Grenzkohleabbau groß, im Osten wird er verschwiegen.
Im Westen hingegen ist das Medienecho groß: Die Bundesrepublik und die DDR einigen sich auf einen Kohleabbau. 1976 überquert der erste westdeutsche Bagger die Grenze Richtung Osten. Bildrechte: MDR/Reiner Orlowski, honorarfrei
Abbau der Grenzanlagen im Braunkohletagebau in Harbke, 1976
Zehn Jahre später sind die Vorräte erschöpft. Die Grenzanlagen sollen wieder errichtet werden - doch dazu kommt es kaum noch: Der Mauerfall überrollt den Wiederaufbau des Todesstreifens. Bildrechte: MDR/Reiner Orlowski, honorarfrei
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Die sogenannte Betriebsbegrenzungsanlage zwischen dem Ost- und Westbetrieb des Braunkohletagebaus
Die sogenannte Betriebsbegrenzungsanlage zwischen dem Ost- und Westbetrieb des Braunkohletagebaus Bildrechte: MDR/Reiner Orlowski, honorarfrei
Schießbefehl, Minenfelder und Selbstschussanlagen prägten jahrzehntelang die innerdeutsche Grenze und verwandelten sie in einen Todesstreifen. Dass es in der Grenzgemeinde Harbke in der Börde ein Schlupfloch gab, weiß bis heute kaum jemand. 
 
"Es ist heute unvorstellbar. Der Grenzübergang Marienborn liegt keine drei Kilometer entfernt, da gab es elf Hektar betonierte Fläche mit Schlagbäumen, Stacheldraht und Wachtürmen unter strengster Bewachung der Grenztruppen. Und in Harbke haben sie ein einfaches Gartentürchen in der Grenze", erinnert sich die Historikerin Christiane Rudolph.
 
Ein einfacher Maschendrahtzaun markiert hier damals die innerdeutsche Grenze. Sogar für die Grenztruppen der DDR ist die Staatsgrenze an dieser Stelle tabu. Denn hier zerschneidet die Grenze zwischen den Sektoren nach 1945 den Braunkohletagebau Wulfersdorf und das angeschlossene Kraftwerk Harbke. Es war unzerstört geblieben und konnte so nach 1945 noch Strom produzieren - für die Ost- und die Westzone. Bis 1952 bleibt der Betrieb der Braunschweigischen Kohlebergwerke AG eine Einheit - mit Arbeitern, die in der einen Zone leben und in der anderen arbeiten. Doch am 26. Mai 1952 schließt die DDR auch hier die Grenze zur Bundesrepublik. Dramatische Szenen spielen sich ab, Gleise werden aufgerissen und Stromkabel zerschnitten. Die Braunkohleförderung kommt zum Erliegen. Rund 1.800 Bergleute verlieren ihre Arbeit und werden zum Teil in sächsische Braunkohlegebiete umgesiedelt. 
 
Erst nach mehr als zwei Jahrzenten, als auf beiden Seiten die Kohle zur Neige geht, gelingt in Harbke das schier Unglaubliche: 1976 werden die Grenzanlagen komplett abgebaut und der Tagebau Wulfersdorf wird wieder eröffnet. Vorangegangen war höchste innerdeutsche Diplomatie, erinnert sich Michael Gehrke, Stadtrat in Helmstedt: "Der Bundestag wurde damals sogar aus den Ferien gerufen, um diesen Vertrag zu Ende zu bringen. Das war eine Sensation unter den damaligen Verhältnissen, wo man sich oft nur waffenklirrend gegenüberstand. Und hier hat man eine vernünftige Zusammenarbeit hinbekommen."
 
Am 3. November 1976 um 9:30 Uhr überquert der erste Bagger aus Westdeutschland die Grenzlinie, zwei Jahre später steht der erste DDR-Bagger auf bundesdeutschem Gebiet. Doch außer in Harbke bleibt das Loch in der Grenze nahezu unbekannt. Dafür sorgt die Staatssicherheit der DDR mit der MfS-Aktion "Pfeiler". "Über den Abbau des Grenzkohlepfeilers wurde ein Mantel des Schweigens gestreift. Man wollte nicht, dass etwas nach draußen dringt, dass hier eine Grenze existiert, die ein Loch hat", so Reiner Orlowski, ehemaliger Direktor im VEB Braunkohlekombinat Harbke.
 
Zehn Jahre später, 1986,  sind die Kohlevorräte erschöpft. Die DDR-Grenztruppen übernehmen wieder das Regime. Auf einem extra aus Abraummassen aufgeschütteten Damm sollen die Grenzanlagen wieder errichtet werden. Doch dazu kommt es kaum noch. 1989 überrollt der Mauerfall den Wiederaufbau des Todesstreifens.

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