Do 19.03. 2020 22:05Uhr 29:30 min

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MDR FERNSEHEN Do, 19.03.2020 22:05 22:35

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Das Kulturmagazin des MDR

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Die Themen:

* Shut down im Kulturbetrieb
* Max Klinger - der Superstar des wilhelminischen Kunstbetriebes
* Abgestaubt - auf der Suche nach verschwundenen Kunstschätzen
* "Nagel im Himmel" - Roman von Patrick Hofmann
* Kulturkalender

Mehr zu den Themen:

* Shut down im Kulturbetrieb

Die Buchmesse: abgesagt. Konzert der Berliner Philharmoniker: vor leerem Haus, genau wie bei James Blunt in der Elbphilharmonie. Lesungen in Buchhandlungen finden nicht statt, Ausstellungen in der Akademie der Künste werden verschoben, Museen schließen. Das Deutsche Chorfest in Leipzig: abgesagt. Der Kulturbetrieb hat sich in Quarantäne begeben. Künstler, Autoren, Verlage, kleine und große Theater stehen vor massiven Einkommensverlusten. Die Corona-Krise ist dabei, sich zur größten Existenzkrise der deutschen Nachkriegsgeschichte auszuweiten.

Welche Folgen das hat für die Künstler und das Publikum, erörtert "artour" mit dem Präsidenten des Deutschen Bühnenvereins Ulrich Khuon, dem Musiker und Intendant der "Jazztage Dresden" Kilian Forster und mit dem Soziologen Heinz Bude, dessen Essay "Gesellschaft der Angst" bereits 2014 beschrieb, wie der Mensch im "Schwelbrand der Verunsicherung" unterzugehen droht.


* Max Klinger - der Superstar des wilhelminischen Kunstbetriebes

Wer war dieser Mann, der auf dem Höhepunkt seines Künstlerlebens anlässlich der Enthüllung seiner tonnenschweren Beethovenskulptur in der Wiener Secession 1902 von seinen Zeitgenossen in einem Atemzug mit Richard Wagner und Michelangelo gefeiert wurde? Max Klinger, Sohn eines wohlhabenden Leipziger Seifenfabrikanten, schwelgte schon von frühester Kindheit an in Kunst. Der Mitbegründer des deutschen Symbolismus erregte gleich mit seinem ersten Radierzyklus über eine enttäuschte Liebe an der Berliner Rollschuhbahn größtes Aufsehen.

Bis heute feiert die Kunstwelt ihn neben Goya und Rembrandt als einen der größten Grafiker der Kunstgeschichte. Mit seinen erotischen Fantasien, später dann auch mit seinen opulenten Werken, Materialschlachten, die sich schnell ins Gigantische steigerten, sorgte Max Klinger immer wieder für Skandale. Seine fast manische Liebe zu den Frauen verarbeitete er besessen in der Grafik, der Malerei und Bildhauerei. Jahrelang hat er in Paris und Rom gelebt. Immer auf der Suche nach dem ganz großen künstlerischen Ausdruck. Der Traum vom Gesamtkunstwerk begleitete ihn ein Leben lang.

Max Klinger - immer umstritten, dann schnell vergessen. Eine Sonderausstellung im Museum für bildende Künste in Leipzig, die dem Superstar des wilhelminischen Kunstbetriebes gewidmet ist, ist aktuell nicht zu sehen. Dafür gibt es jetzt, zum 100. Todestag, eine filmische Wiederentdeckung: "Max Klinger - Die Macht des Weibes" am 22.3. auf ARTE.


* Abgestaubt - auf der Suche nach verschwundenen Kunstschätzen

Auf ihren Beutezügen fuhren sie nicht selten mit dem Kleinlastwagen vor, die Bediensteten der DDR-Zollbehörden, mitunter auch der Stasi. Ihr Augenmerk galt ausschließlich der hehren Kunst: Gemälden und antiken Möbeln, Münzen und kostbaren Teppichen. Die Besitzer wurden oft unter fadenscheinigen Gründen enteignet, ihre Kulturgüter in Staatseigentum überführt. Das Verfahren hatte Methode und garantierte der DDR ein millionenschweres Devisengeschäft. Solvente Interessenten aus dem nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet fanden sich reichlich. Auch Größen des Showgeschäfts wie Louis Armstrong wurden statt mit harter Währung mit Antiquitäten und wertvollem Porzellan honoriert.

Der planmäßige Kunstraub in Ostdeutschland begann kurz nach Kriegsende, und er endete mit der Wiedervereinigung. Doch erst jetzt, seit der Gründung des "Deutschen Zentrums Kulturgutverluste" in Magdeburg, bekommt die Provenienzforschung dazu langsam eine Struktur.

Die großen Museen sind mit dem Raub von Staats wegen schon seit einem Vierteljahrhundert befasst, doch lassen die Ergebnisse einzelner Recherchen längst kein Gesamtbild erkennen. Die Verstrickungen und Verflechtungen des Kunsthandels und der Museen in Ost und West in diese "guten Geschäfte" sind immer noch allenfalls nur zu ahnen. Wenn in einem (westdeutschen) Auktionskatalog die karge Information "aus altem ostdeutschen Kunstbesitz" zur Herkunft eines Objektes auftauchte, hätten schon immer die Alarmglocken schellen sollen. Doch zeigen Versteigerungshäuser bis heute wenig Lust, einem Unrechtsverdacht dieser Art auf den Grund zu gehen.

Vor drei Jahren hat das Zentrum für Kulturgutverluste in Magdeburg eine umfassende Studie in Auftrag gegeben, die diese Fälle aufarbeiten soll. Jetzt liegen erste Ergebnisse vor. Anhand von weit über tausend Aktenstücken haben Forscher der Stasi-Unterlagen-Behörde das Ausmaß des Handels in einem beklemmenden Recherchebericht dokumentiert. "artour" traf die Autoren und einen Anwalt, der seit Jahren für die Rückführung der von Staats wegen entwendeten Kulturgüter kämpft.


* "Nagel im Himmel" - Roman von Patrick Hofmann

"Er ist mehr als ein Einzelgänger", sagt Patrik Hofmann über seinen Helden. Oliver, der Held der Geschichte, sagt über sich selbst: "Manchmal komme ich mir vor wie eine sehr große Primzahl, vielleicht im siebenstelligen Bereich." Er ist hochbegabt in mathematischen Dingen. Und er hat einen Knall: Er liebt Primzahlen, von Kindheit an. Sie sind wie er - solitär, sie sind auf ihre Weise einsam, allein, verlassen, unendlich verloren und einzigartig. Und das ist die Geschichte, die Patrick Hofmann erzählt: Von einem der, durch eine Kindheit ohne soziale Bindung ein Verlassener wird, ein Einzigartiger, der flieht in die Welt der Zahlen, die ihm Bedürfnis sind, die die Welt sind für ihn und letztlich für uns.

Das klingt sicherlich etwas durchgeknallt, ist es auch. Doch dahinter steckt ein großes Rätsel, das für die Menschheit letztlich von immenser Bedeutung ist. Für jeden von uns. Löst jemand die Aufgabe, die sich Oliver stellt, bekommt er nicht nur eine Million Euro Preisgeld, sondern verändert auch die Welt des Internets, der Rechner, der Daten der Welt. Nichts wäre danach wie vorher, nichts mehr sicher. Was Oliver gelingt: Er kann einen Nagel in den Himmel schlagen.


* Kulturkalender

Wenn wir nicht zu Kunst und Kultur gehen können, dann kommen Kunst und Kultur zu uns - wir geben Empfehlungen für zu Hause:

- Bildband "Tourist" von Mario Schneider, Mitteldeutscher Verlag 2020
- "Sieben Kontinente - ein Planet", opulente Naturdokumentation, erschienen auf Blu-ray bei Polyband Februar 2020
- Woods of Birnham - Album "How to hear a painting", erschienen am 13.3., entstanden in der Dresdner Galerie Alte Meister

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