Di 07.04. 2020 00:45Uhr 44:59 min

 KZ Buchenwald - Krematorium
KZ Buchenwald - Krematorium Bildrechte: MDR/Saxonia Entertainment/Sascha Beier
MDR FERNSEHEN Di, 07.04.2020 00:45 01:30

75 Jahre Befreiung KZ Buchenwald Buchenwald - Heldenmythos und Lagerwirklichkeit

Buchenwald - Heldenmythos und Lagerwirklichkeit

Film von André Meier

  • Stereo
  • Audiodeskription
  • 16:9 Format
  • HD-Qualität
  • Untertitel
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Bilder zur Sendung

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 KZ Buchenwald - Krematorium
Buchenwald war am 11. April 1945 das erste Konzentrationslager, welches von Westalliierten befreit wurde. In der DDR war später die Rede von einer Selbstbefreiuung durch die Häftlinge. Bildrechte: MDR/Saxonia Entertainment/Sascha Beier
 KZ Buchenwald - Krematorium
Buchenwald war am 11. April 1945 das erste Konzentrationslager, welches von Westalliierten befreit wurde. In der DDR war später die Rede von einer Selbstbefreiuung durch die Häftlinge. Bildrechte: MDR/Saxonia Entertainment/Sascha Beier
 Befreite Häftlinge auf ihren Pritschen in einer Baracke des Kleinen Lagers.
Der Anblick, den die meisten befreiten Häftlinge boten, war erschreckend. Ihr Gesundheitszustand war desaströs. Mitinsassen, die bestimmte Funktionen im Konzentrationslager begleitet hatten, waren hingegen besser gestellt. Und oft waren das Kommunisten, die sich zuvor in einem unerbittlichen Machtkampf diesen Strukturvorteil erkämpft hatten. Bildrechte: MDR/National Archives, Washington
Die Kammern. Im 1. Stock: Bekleidungskammer.
Die Amerikaner wurden von einigen Häftlingen durch das Lager geführt. Dabei stießen sie hier auf die Bekleidungskammer. Bildrechte: MDR/Musée de la Résistance et de la Déportation, Besançon
Gefangene in Häftlingskleidung (Burgenländer Roma aus dem KZ Dachau) sind anläßlich des Besuchs eines hohen SS-Führers im Konzentrationslager Buchenwald zum Appell angetreten.
Ein Bild von vor der Befreiung: Gefangene in Häftlingskleidung (Burgenländer Roma aus dem KZ Dachau) sind anläßlich des Besuchs eines hohen SS-Führers im Konzentrationslager Buchenwald zum Appell angetreten. Bildrechte: MDR/United States Holocaust Memorial Museum
Autor und Regisseur André Meier
André Meier ist Autor und Regisseur von der Doku "Heldenmythos und Lagerwirklichkeit". Er zeigt bislang kaum bekannte Bild-Dokumente und lässt Historiker zu Wort kommen. Entstanden ist ein Zeitdokument, das den sozialistischen Heldenmythos demaskiert und die Lagerwirklichkeit greifbar werden lässt. Bildrechte: MDR/Saxonia Entertainment
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Als die ersten amerikanischen Kameraleute in das Konzentrationslager Buchenwald kamen, fielen ihnen vor allem zwei Dinge auf, die das Lager von anderen unterschied. Erstens die sogenannten Kinderbaracken mit über 900 jugendlichen Häftlingen, die das Grauen von Buchenwald dank protegierender Kräfte überleben konnten. Zweitens frappierende Unterschiede innerhalb der gesamten Häftlingsgemeinschaft: eine Vielzahl desorientierter und verhungernder Elendsgestalten auf der einen Seite, gut ausgestattete und stramm organisierte "Funktionshäftlinge" mit ihren Untergruppierungen auf der anderen.

Von 1937 bis zu seiner Befreiung im April 1945 internierte die SS im Konzentrationslager Buchenwald 250.000 Häftlinge. 56.000 von ihnen fanden hier in unmittelbarer Nachbarschaft der Klassikerstadt Weimar den Tod. Nach dem Krieg suggerierte die DDR-Geschichtsschreibung jahrzehntelang, dass es vor allem die deutschen Kommunisten waren, die in Buchenwald litten und starben und trotzdem todesmutig den Widerstand gegen ihre Peiniger organisierten. Eine Heldensaga, die schließlich in der Legende von der erfolgreichen Selbstbefreiung des Lagers mündete. Neben der 1958 eingeweihten Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald war es vor allem der in 30 Sprachen übersetzte Roman "Nackt unter Wölfen" und dessen 1963 von der DEFA realisierte Verfilmung, die diesen Mythos zementierten.

Nach dem Mauerfall fand man im Archiv der SED geheime Dokumente, die ein ganz anderes Bild von der Lagerwirklichkeit und der Rolle der deutschen Kommunisten zeichneten. Die Häftlinge bildeten keine homogene Leidensgemeinschaft, sondern kämpften in einzelnen Gruppen mit brutalsten Methoden gegeneinander ums Überleben. Durch Hunger und die Gewalt der SS wurde ein permanentes Klima der Angst geschaffen, in der Mitmenschlichkeit und Solidarität zu Ausnahmeerscheinungen wurden. Nach einem erbittert geführten "Häftlingskrieg" gelang es den deutschen Kommunisten, wichtigste Posten der sogenannten Häftlingsselbstverwaltung zu besetzen. Auch mit Unterstützung der SS, die Buchenwald ab 1942/43 zu einem effektiven Arbeitslager umfunktionieren wollte und dabei auf die Mithilfe der gut organisierten und vernetzten Kommunisten angewiesen war.

Im Gegenzug wuchs der Einfluss der deutschen Kommunisten auf den Lageralltag. Sie nutzten ihre privilegierte Stellung als Funktionshäftlinge, um ihre eigene Lage zu verbessern und z.B. verdiente Genossen vor den Transportlisten zu bewahren, auf Kosten anderer. Ein erfolgreiches "Überlebenskollektiv": Unter den 56.000 Toten des KZ Buchenwald konnte eine interne Untersuchungskommission der SED lediglich die Namen von 72 deutschen Kommunisten ausfindig machen.

Doch unter der Häftlingsselbstverwaltung durch die Kommunisten gelang es zugleich, das Leben aller Häftlinge im Lager zu erleichtern. Seuchen wurden eingedämmt, die hygienischen Bedingungen verbessert, die Versorgung ebenfalls. Ohne ihren Einsatz hätten auch die über 900 minderjährigen Häftlinge in den sogenannten Kinderbaracken kaum überlebt. Sie standen unter dem Schutz der Kommunisten. Viele von ihnen waren noch keine 14 Jahre, die Jüngsten gerade einmal 3 Jahre alt.

Mit Hilfe von bislang kaum bekannten Bild-Dokumenten setzt die Dokumentation den sozialistischen Heldenmythos und die rekonstruierbare Lagerwirklichkeit auf dem Ettersberg zueinander in Beziehung – und zeigt, wie schwer es war, unter den Peitschenhieben der SS Würde und Empathie zu bewahren. Mit aufwendigen 3-D-Animationen vermittelt die Dokumentation einen Eindruck von der Architektur des heute weitestgehend zerstörten Lagers. In Buchenwald seit langen Jahren tätige Historiker, wie Prof. Volker Knigge und Dr. Harry Stein, unterstützten den Film mit fundierten Aussagen zur Lagergeschichte.