Di 26.05. 2020 22:10Uhr (VPS 22:05) 44:30 min

 Die Macher der Passage arbeiten schon am nächsten Vorhaben - Ein Familienzentrum mit Tagesmutter, Physiotherapie und Eltern-Kind-Café. Robert Melcher, Sebastian König und Magdelan Zielinska-König an ihrem Jakobpassage Görlitz
Die Macher der Passage arbeiten schon am nächsten Vorhaben - Ein Familienzentrum mit Tagesmutter, Physiotherapie und Eltern-Kind-Café. Robert Melcher, Sebastian König und Magdelan Zielinska-König an ihrem Jakobpassage Görlitz Bildrechte: MDR/Hoferichter & Jacobs
MDR FERNSEHEN Di, 26.05.2020 22:10 22:55

Wer braucht den Osten?

Wer braucht den Osten?

Gesellschaft

Film von Ariane Riecker und Dirk Schneider

Folge 3 von 3

  • Stereo
  • Audiodeskription
  • 16:9 Format
  • HD-Qualität
  • Untertitel
  • VideoOnDemand

Bilder zur Sendung

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Illustration
Als die DDR 1990 der Bundesrepublik beitrat, sollte alles so werden wie im Westen. Die gleiche Währung, die gleiche Wirtschaftsordnung, gleiche Parteien, gleicher Wohlstand - und das möglichst schnell.  Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Als die DDR 1990 der Bundesrepublik beitrat, sollte alles so werden wie im Westen. Die gleiche Währung, die gleiche Wirtschaftsordnung, gleiche Parteien, gleicher Wohlstand - und das möglichst schnell.  Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Fotomontage: Zwei Menschen begegnen sich. Im Hintergrund ein Detail des Bundestages mit schwarz-rot-goldener Flagge.
Doch heute ist klar: Die Euphorie der Wendezeit, die Sehnsucht nach einer neuen Gesellschaft im Osten wurde von den Realitäten im vereinigten Deutschland schnell eingeholt. Bildrechte: MDR/Hoferichter & Jacobs
Jenoptik
Doch trotz der drückenden Altlasten gelingt es zum Beispiel, nicht nur Jenoptik, sondern auch die marode Stadt Jena zu einer prosperierenden Insel zu machen. Bildrechte: MDR/Hoferichter & Jacobs
Blick auf eine Kita-Gruppe mit zwei Betreuerinnen
Auch in der Arbeitswelt tut sich einiges: Schwedische Unternehmenskultur gibt es seit 2002 bei KOMSA in einer firmeneigenen Kita. Das Unternehmen setzt auf junge ostdeutsche Frauen, die Arbeit und Familie vereinbaren wollen. Bildrechte: MDR/Hoferichter & Jacobs
Gunnar Grosse, Gründer & Eigentümer von Komsa
Gunnar Grosse ist der Gründer & Eigentümer von Komsa. Bildrechte: MDR/Hoferichter & Jacobs
Innerstädtisches Familienzentrum im Projekt Jakobpassage in Görlitz. Projektskizze auf einem Bildschirm.
Die ostdeutschen Innenstädte sind attraktiv geworden - Görlitz etwa hat sich rausgeputzt und bietet auch jungen Menschen eine Perspektive. Im Projekt Jakobpassage finden Kreative und Kulturschaffende einen befruchtenden Ort mit Werkstätten, Büros und Ausstellungsflächen. Bildrechte: MDR/Hoferichter & Jacobs
Gegendemo Die Partei am Rande der AFD Demo Görlitz
Auch politisch gibt es im Osten Besonderheiten. So gibt es weniger Stammwähler bestimmter Parteien. In Sachsen und anderen ostdeutschen Bundesländern hat die AfD größere Wahlerfolge als im Westen. Hier auf dem Bild ist eine Gegendemo von Die Partei am Rande einer AfD-Demo in Görlitz zu sehen. Bildrechte: MDR/Hoferichter & Jacobs
WBDO: Naturerbe im Osten - Müritz 2
Auch die Natur ist im Osten - hier die Müritz an der Mecklenburger Seenplatte - besonders .. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Müritz
... und häufig eben auch besonders schützenswert. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Als die DDR 1990 der Bundesrepublik beitrat, sollte alles so werden wie im Westen. Die gleiche Währung, die gleiche Wirtschaftsordnung, gleiche Parteien, gleicher Wohlstand - und das möglichst schnell.

Doch heute ist klar: Deutschland ist nicht einfach größer geworden. Der Osten hat das gesamte Land verändert. Deutschland wählt anders, lebt und streitet unterschiedlich. Liegt es am Osten, dass es die Wahrheiten der alten Bundesrepublik heute so nicht mehr gibt? Ostdeutschland ist Vorreiter für ein verändertes Wahlverhalten und vielerorts heftig artikulierte Unzufriedenheit, aber auch für gewaltige Veränderungen von Lebens- und Arbeitswelten.

Bleibt der Osten das ewige Sorgenkind der Nation, oder bietet sich durch ihn die Chance, alte Denkmuster zu überwinden, Neues zu etablieren? Weckt der Osten gerade den Westen auf? Wer braucht diesen Osten?
Die dreiteilige Dokumentation geht diesen Fragen nach.

Teil 3: Gesellschaft

Der Umbruch in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft in Ostdeutschland war umfassend und radikal. Oberflächlich betrachtet sieht der Osten heute aus wie der Westen. Wenig blieb von den Strukturen der alten DDR.

Doch 30 Jahre nach der Einheit wird deutlich, dass der Osten noch immer anders tickt und ganz Eigenes hervorgebracht hat, und dass mehr geblieben ist, als der grüne Pfeil. Manches, was zunächst aIs gestrig abgelehnt wurde hat heute Eingang in den Alltag des gesamten Landes gefunden: Die Diskussion um einheitliche Bildungsstandards, Kitas und Krippen, die Selbstverständlichkeit, dass Frauen auch mit Kindern in Vollzeit arbeiten, die professionelle Sportförderung oder die neuen Medizinischen Versorgungszentren, die seit 2004 per Gesetz den Geist der alten Polikliniken der DDR zum Leben erwecken.

Der Einfluss des Ostens wird immer öfter sichtbar: Waren in Westdeutschland 1990 nur 6% aller Kinder unter drei Jahren in der Krippe, sind es 2018 fast ein Drittel. Prägend für das gesamte Land ist auch die reiche Kultur- und Naturlandschaft Ostdeutschlands. Die Straße der Romanik, das Meißner Porzellan, die Uhrentradition in Glashütte, Weimar und Dresden, zahllose mittelalterliche Burgen. Von den 16 Nationalparks liegen allein 7 im Osten. In der Müritzregion in der Anfang der 90er hohe Arbeitslosigkeit herrschte sind der Nationalpark und der Tourismus heute die wirtschaftliche Basis. Durch Umbrüche ist Neues entstanden.

Bei allen politischen Differenzen, kulturellen Eigenheiten und wirtschaftlichen Ungleichgewichten - Ost und West nähern sich an, in Lebensstil und Einstellungen. Und doch brauchen und bewahren die Menschen in Ostdeutschland auch die Erinnerungen an ihr untergegangenes Land. Der Osten ist Heimat und Identität.