Sa 20.06. 2020 11:45Uhr 29:35 min

Der Osten - Entdecke wo du lebst Faltboot aus Pouch

Von einer der dreckigsten Regionen Europas

zum Wassersportparadies

Komplette Sendung

Alter Mann mit Hund fahren zuusammen Kanu 30 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
MDR FERNSEHEN Sa, 20.06.2020 11:45 12:15

65 Jahre Faltboote Pouch

Werft in Bitterfeld 65 Jahre Faltboote Pouch

Die Poucher Boote GmbH ist eine von nur zwei Faltbootmanufakturen in ganz Deutschland. Bereits zu DDR-Zeiten wurden dort die Boote hergestellt, die nun bereits seit 65 Jahren Kult sind.

Eingangstür der Poucher Faltboote.
Die Poucher Boote GmbH ist eine von nur noch zwei Faltbootmanufakturen in Deutschland. Bereits seit 1953 werden in der Faltbootwerft Pouch Boote hergestellt. Bildrechte: MDR/Martin Krause
Eingangstür der Poucher Faltboote.
Die Poucher Boote GmbH ist eine von nur noch zwei Faltbootmanufakturen in Deutschland. Bereits seit 1953 werden in der Faltbootwerft Pouch Boote hergestellt. Bildrechte: MDR/Martin Krause
Faltboote übereinander in einem Regal.
Zur DDR-Zeit produzierten 180 Beschäftigte in Pouch bei Bitterfeld pro Jahr 7.000 Boote und Zelte, damals noch unter dem Namen VEB Kunststoff- und Textilverarbeitungswerk Pouch. Heute werden etwa 70 bis 80 neue Faltboote pro Jahr gebaut, dazu kommen unzählige Reparaturaufträge. Bildrechte: MDR/Martin Krause
Eine gelbe Fahne mit dem Poucher-Faltboote-Logo.
Vor zwei Jahren ist die Werft nach Bitterfeld umgezogen. Der Name Faltbootwerft Pouch blieb aber erhalten. Bildrechte: MDR/Martin Krause
Ein Mann steht vor einem Regal mit gestapelten Faltbooten und hät ein Paddel in der Hand.
Helmar Becker (49 Jahre) ist der Geschäftsführer der Poucher Faltboot GmbH. Er kommt aus Bitterfeld-Wolfen und ist der neue "Kapitän" in der traditionsreichen Faltbootwerft. Vor zwei Jahren hat er das insolvente Unternehmen übernommen. Bildrechte: MDR/Martin Krause
Faltboot-Werkstatt
Alles wird in Handarbeit gefertigt. Acht Mitarbeiter sind in der Poucher Werft beschäftigt. Bildrechte: MDR/Martin Krause
Eine Frau an einer Nähmaschine.
Katharina Sander näht die Bootshäute zusammen. Bildrechte: MDR/Martin Krause
Faltboote gestapelt in einem Regal an ainer Wand .
Den Urtyp des Faltbootes erfand Alfred Heurich im Jahr 1897. Sechs verschiedene Modelle werden in der Werft gefertigt. Ein Poucher Boot besteht aus bis zu 1.000 Einzelteilen. Bildrechte: MDR/Martin Krause
Ein historisches Faltboot.
Der klassische Einer-Kajak E 65 war das allererste Faltboot, dass ab 1953 in Pouch hergestellt wurde. Nun wird der E 65 N (auf neuestem Stand) wieder produziert. Bildrechte: MDR/Martin Krause
Ein oragefarbenes Faltboot.
Profis bauen ein Faltboot übrigens in unter zehn Minuten auf. Ungeübte Paddler brauchen im Durchschnitt etwa doppelt so lang.

Quelle: MDR/cw
Bildrechte: MDR/Martin Krause
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Freiheit auf dem Wasser, Abenteuer, Kindheitserinnerungen - dafür steht der Name Pouch. Seit mehr als sechs Jahrzehnten prangt er auch auf den legendären Faltbooten, die zu DDR-Zeiten nahezu jedes Gewässer im Osten bevölkern. Ob Spreewald, Masuren oder Schwarzes Meer - für viele Generationen bleiben ihre Ferien mit dem blauen "RZ 85" unvergesslich. Doch nur wenige kennen die bewegende Geschichte des Ortes Pouch, in dem die Kultboote immer noch gebaut werden.

Knapp 2.000 Einwohner zählt die Gemeinde Pouch heute. Der kleine Ort ist idyllisch gelegen, auf einer schmalen Landzunge zwischen Muldestausee und Goitzschesee, ein Naturparadies, umgeben von Wasser. Ideale Bedingungen für Ausflüge mit dem Boot. Doch an maritimes Flair und eine malerische Seenlandschaft ist in Pouch bis vor fünfzehn Jahren nicht zu denken.

Das berühmte Faltboot entsteht hier ab 1953 quasi auf dem Trockenen, in einer der dreckigsten Regionen Europas. Vierzig Jahre lang ist Pouch ein geschundener Ort. Aus den Chemiebetrieben in Bitterfeld und Wolfen ziehen giftige Wolken in die umliegenden Dörfer. Martina Brück wächst hier auf und erlebt, wie die unberührte Natur, die ihre Heimat einst umgab, ab den Fünfzigerjahren im großen Stil dem Kohle- und Bernsteinabbau zum Opfer fällt. Bäume werden gerodet, Siedlungen verschwinden, die Erde wird aufgerissen. Bald ist Pouch von einer Mondlandschaft umgeben. Staub und Schmutz prägen den Alltag der Menschen.

Ausgerechnet von hier wird in Form eines stoffbespannten Faltboots, der Traum von Freiheit in die ganze DDR geliefert. Klein und leicht passt es in jeden Trabant und bestimmt die Ferien abenteuerhungriger DDR-Bürger.
Klaus Billmann kauft sich bereits 1956 das erste Faltboot - seitdem ist es aus seinem Leben nicht mehr wegzudenken. Inzwischen ist er 82 Jahre alt, hat fast ganz Osteuropa vom Wasser aus gesehen und ist auch heute noch mit seinem "Reisezweier" unterwegs.

Das Boot aus Pouch ist zum Kultobjekt geworden und das Werk auch heute noch zur ersten Adresse für Faltboot-Enthusiasten. Zu verdanken ist das vor allem dem langjährigen Chef Ingolf Nitschke. Seit den Achtzigerjahren hat er das Traditionsunternehmen durch einige heftige Stürme gesteuert, oft begleitet von Existenzängsten, Hoffnungen und gravierenden Veränderungen. Ein Schicksal, das die ganze Region teilt. Die Menschen hier sollen nach der Wende Unglaubliches vollbringen. Die Gegend, die einst als dreckigster Ort Europas bezeichnet wurde, soll ein Urlaubsparadies werden - eine atemberaubende Seenlandschaft soll direkt vor den Toren der Werft zum Entdecken mit dem Boot einladen.

Der Film entdeckt die Faltbootstadt Pouch, ein durch Kohleabbau und Chemiekombinate geschundener Ort, in dem das Vehikel der Freiheit für viele Menschen im Osten entstand und in dem nach einem großen Wandel heute selbst ein Gefühl von Unbeschwertheit und Freiheit erlebbar ist.

Ein Film von Beate Gerber