Do 10.09. 2020 22:10Uhr 29:30 min

artour

Das Kulturmagazin des MDR

Komplette Sendung

Thomas Bille steht auf dem Theaterplatz in Dresden und schaut lächelnd in die Kamera. 30 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
MDR FERNSEHEN Do, 10.09.2020 22:10 22:40

Beiträge aus der Sendung

Darsteller in Uniform auf Bühne - zeigt mit ernstem Blick auf etwas. 3 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
* Das Spiel geht weiter – am Staatsschauspiel Dresden

Es darf wieder gespielt werden in den Theatern. Die Schauspieler haben Sehnsucht, das Publikum auch. Aber die strengen Corona-Auflagen stellen den Spielbetrieb vor eine völlig neue Herausforderung. Zuschauer müssen in Leitsystemen zu ihrem Platz geführt werden, Mund-Nasen-Schutz ist Pflicht beim Betreten des Theaters, das neue "ausverkauft" ist ein halbleerer Saal, keine Vorstellung darf länger als 90 Minuten dauern und die Schauspieler müssen sich selbst schminken.

Am Staatsschauspiel Dresden hat die Saison mit "Searching for Macbeth" begonnen, einer Inszenierung des Regisseurs und Schauspielers Christian Friedel. Ein rauschhafter Einstieg mit vielen Effekten, Bühnennebel und wuchtigen Worten, aber nur zwei Darstellen. "Eigentlich habe ich die Inszenierung mit 37 Darstellern geplant. Das darf nicht mehr sein. Nun probieren wir eine Kurzvariante. Im Januar hoffen wir, das Stück in voller Besetzung spielen zu dürfen", so Christian Friedel.

Das Virus entscheidet aber nicht nur über die Anzahl der Darsteller, sondern auch über die Themen auf der Bühne, so scheint es. In Dresden jedenfalls kommt, ebenfalls am Anfang der Spielzeit, "Der Zauberberg" auf die Bühne. Das Stück nach dem berühmten Roman von Thomas Mann wird mit dem Satz beworben "Das neuste ist, dass man jetzt Temperatur hat". Man kann es nicht leugnen, der Theaterhunger ist so groß, dass man im Moment alles sehen will, und sei es auch nur die Abspeckvariante vom großen Spektakel. Wir haben einfach Sehnsucht ...

(Autorin: Henrike Sandner)


* Die 77. Filmfestspiele in Venedig

Am Lido di Venezia ist vor ein paar Tagen die 77. Ausgabe der Mostra Internazionale dell'Arte Cinematografica eröffnet worden. Und das kommt schon fast einem Wunder gleich. Denn Berlin brachte seine Berlinale noch gerade vor Corona über die Bühne, die Glamourshow an der Croisette in Cannes aber fiel bereits dem Virus zum Opfer. Und Venedigs Mostra, immer schon das intimste der großen Filmfestivals, wo man dicht an dicht im Palazzo del Cinema und in Freiluftarenen die Magie der bewegten Bilder feiert: Venedig schien auf dem Höhepunkt der Krise am Ende - wie die Filmwirtschaft, das Kino als öffentliches Spektakel selbst. Doch jetzt findet das Festival an der Lagune statt - unter Corona-Sicherheitsauflagen, die der Magie heftig zusetzen. Eröffnet wird die Mostra mit einem sehr persönlichen Dokumentarfilm, der im Frühjahr in der menschenleeren, von Touristen befreiten Stadt entstand: "Molecole" zeigt bei aller Verlassenheit auch das Bild eines beinah utopischen Venedigs - einer Stadt, die mit sich und ihrer fragilen Schönheit zur Abwechslung allein ist, ein Open-Air-Museum, dessen (wenige) Bewohner einander wieder begegnen. Wir haben den Regisseur des Films, Andrea Segre, Festivaldirektor Alberto Barbera und den neuen Präsidenten der Biennale, Roberto Cicutto, getroffen. Der Präsident sieht in der Coronakrise eine Chance zum Umdenken, auch in der Serenissima, der äußerst unbeschwerten Stadt an der Lagune.

(Autor: Andreas Lueg)


* Klangwechsel in Halberstadt - Wie langsam ist "So langsam wie möglich"?

Die Tempovorschrift "As Slow as Possible" von John Cages Orgelstück Organ2/ASLSP, stellt diese Frage. John Cage, 1912 in Los Angeles geboren und 1992 in New York gestorben, war Schüler von Henry Cowell und Arnold Schönberg. Es gibt nach Schönberg in der Geschichte der neuen Musik nur wenige Komponisten mit einer ähnlichen Bedeutung, nicht nur für die Entwicklung eines neuen Verständnisses in der Musik, sondern auch über den Rahmen des eigentlichen musikalischen Schaffens hinaus. 1985 entstand ASLSP in einer Fassung für Klavier, 1987 bearbeitete John Cage das Stück auf Anregung des Organisten Gerd Zacher für Orgel. Seit 2001 wird dieses Stück in Halberstadt aufgeführt, die geplante Dauer ist 639 Jahre. Am 5. September stand ein Klangwechsel an, der erste seit sieben Jahren. Angesichts unserer schnelllebigen Zeit ist dieses Vorhaben eine Form der versuchten Entschleunigung, der "Entdeckung der Langsamkeit" und das Pflanzen eines "musikalischen Apfelbäumchens", verstanden als Symbol des Vertrauens in die Zukunft.

(Autorin: Simone Unger)


* Erste Retrospektive Harald Hauswald

1997 bekommt er das Bundesverdienstkreuz. Er bekommt es für seine Fotos, die die DDR in ihrer Beschränktheit zeigen, ohne das Land zu verraten. Er bekommt es für seine Fotos zwischen Wiedervereinigungsjubel und Straßenschlachten. Irgendwie ist er immer dort, wo Zeitgeschichte geschrieben wird. Harald Hauswald, Jahrgang 1954, in Radebeul geboren, ist bekennender Straßenfotograf. Viele seiner Bilder sind inzwischen zu Ikonen geworden. Wer kennt es nicht, das Foto von den drei Männern in der U-Bahn, die stoisch vor sich hinblicken. Wie passen die Menschen in den Raum, wie verlieren sie sich oder dominieren ihn - das interessiert ihn. Vom 12.09.2020 - 23.01.2021 kann man in einer großen Retrospektive im C/O Berlin und in einem aufwändig gestalteten Fotoband (Steidl-Verlag) über 350 seiner Fotos bewundern. Beeindruckend ist, dass die Masse der Fotos eher unbekannt ist. Sie zeigen die etwas andere Seite von Harald Hauswalds Arbeiten: nicht so vorlaut, sondern eher einen stilleren, vielleicht poetischeren. Doch den besonderen Hauswald-Humor und seinen Sarkasmus wird man dabei nicht vermissen.

(Autor: Hans-Michael Marten)


* Kulturkalender

- "Kiss me Kosher", Kinostart 10. September

- "Himmel über Prohlis" - Konzert der Dresdner Sinfoniker auf den Dächern in Dresden Prohlis am 12. September

- Opernpremiere "Titus", Theater Magdeburg am 12. September

(Autorin: Ulrike Reiß)

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